Football@home Der Zorro von Craven Cottage

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel. Heute: Warum Herthas Uefa-Cup-Gegner, der FC Fulham aus London, nur selten das Stadion vollkriegt, obwohl teilweise mit Dumpingpreisen geworben wird.

Von Adrian Schimpf


ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.

Gegen Chelsea hätten sie spielen sollen! Das wäre es gewesen: Hertha gegen Chelsea im Uefa-Cup. Die Berliner Skandalnudel gegen Londons Glamourclub. Oberintrigant Ken Bates, Chelseas Präsident - auch bei den eigenen Fans so beliebt wie eine Politesse in Knöllchenstimmung - gegen Strippenzieher Hoeneß und den ewig miesepetrigen Holland-Huub, den wiederum die meisten Hertha-Fans so wenig in ihr Herz geschlossen haben wie ein Wohnwagengespann auf der Überholspur.

Leider hat es Chelsea nicht geschafft. Sang- und klanglos raus in der ersten Runde. Hertha hat wie üblich irgendwie das Runde in das Eckige gestolpert, aber Chelsea hat's verratzt. Stattdessen kommt es nun zu einem Match, dass so aufregend ist, wie es damals in den trüben Achtziger die Berliner Spiele in der zweiten Liga Nord waren, und da hießen die Gegner Erkenschwick und Wattenscheid. So ungefähr in der Preisklasse darf man sich den FC Fulham vorstellen, der sich über den UI-Cup in den Uefa-Cup geschummelt hat und dort nun den richtigen Fußballvereinen schon in der dritten Runde auf die Nerven geht.

Fassungsvermögen 19.000 Zuschauer


Das englische Fußballmagazin "Match" nahm kein Blatt vor den Mund und nörgelte vor Saisonbeginn herum, dass Fulham bestenfalls Platz 16 in der Premiership schaffen würde, und das auch nur, weil so surreale Mannschaften wie die aus West Bromwich Albion sich in diesem Jahr in die erste englische Profiserie verirrt haben. In der ewigen Bestenliste der Premiership taucht Fulham unter den ersten 20 schon mal gar nicht auf und ins eigene Stadion, Craven Cottage, passten gerade mal 19.000 Zuschauer. Nun bauen sie an derselben Stelle eine neue Kampfbahn und deswegen finden die Heimspiele vorübergehend an der Loftus Road im Stadion von Queens Park Rangers statt, wiederum vor höchstens 19.000, denn mehr passen auch da nicht rein.

Fulhams argentinischer Stürmer Facundo Sava: Zwei Tore gegen Liverpool
AFP

Fulhams argentinischer Stürmer Facundo Sava: Zwei Tore gegen Liverpool

Müssen aber auch nicht, denn bislang haben die Londoner an der Europatournee des FC Fulham genauso viel Interesse gezeigt wie ein Börsenmakler für eine Lenin-Gesamtausgabe. Jedenfalls blieb die übersichtliche Menge der ganz engen Freunde des FC Fulham in den ersten beiden Runden weitgehend unter sich. Für das Rückspiel gegen Hertha BSC werden nun die Tickets zu Schleuderpreisen verramscht und verzweifelt für den Gegenwert einiger EM-TV-Aktien feilgeboten: ganze acht Pfund soll, laut Fulham-Homepage, der Eintritt kosten, die "Daily Mail" berichtete gar von zwei bis fünf Pfund. Eine halbe Stunde Parken kostet in der Londoner City genauso viel.

Aber man soll nicht ungerecht sein. Fulham gibt sich wirklich Mühe, was allerdings Teil des Problems ist. Aura kann man nicht herbeimühen. Schließlich haben es selbst Bernd Schuster, Stepi, Koks-Christoph und Onkel Calli in all den Jahren nicht geschafft, Bayer Leverkusen auch nur einen Millimeter vom Plastikclub-Image wegzubringen. Und Fulham bleibt eben Fulham.

Erfolge liegen lange zurück


Klar, Fulhams niederländischer Keeper Edwin van der Sar und Sturmstar Junicho Inamato aus Japan sind schon obere B-Klasse-Berühmtheiten und in der englischen dritten Liga Süd errang Fulham 1932 sogar mal die Meisterschaft, wie "The Rough Guide To English Football" akribisch verzeichnet, unter der Rubrik "Fulhams größte Erfolge". Coach Jean Tigana aus Frankreich bemüht sich redlich, weltläufiges Flair zu verströmen und ließ Anfang November sogar eine internationale Auswahl aus elf Nationen für Fulham antreten - was wiederum selbst Chelsea nur selten schaffte, und die haben ja, so Spötter, ein eigenes Terminal in Heathrow für all ihre ausländischen Balltreter.

Für die Abteilung Gloria, Glanz und Geld ist in Fulham, wo vor einigen Jahren noch die deutschen Fußballprofis Karl-Heinz Riedle und Dirk Lehmann ihr Glück versuchten, vor allem Präsident Mohammed al Fayed, der Herr Papa von Dianas letztem Liebhaber Dodi, zuständig. 1997 fing ihn wohl das ebenfalls von ihm erworbene Londoner Traditionskaufhaus Harrod's an zu langweilen und so kaufte er aus bis heute nicht ganz plausiblen Gründen den FC Fulham. Gewinne kann er jedenfalls nicht ernsthaft angestrebt haben, denn zielsicher versenkt al Fayed seit nunmehr über fünf Jahren in jeder Saison auf's Neue eine hübsche Summe Kleingeld im Verein. Das scheint nun knapp zu werden oder aber al Fayed verliert so langsam die Lust an seinem Spielzeug. Für rund 900.000 Euro verkaufte Fulham die Anstoßzeit an Hertha BSC. Kick off ist nun schon um halb sechs Ortszeit - auch das ein Grund für die Billigsteintrittspreise.

Liverpool geschlagen


Markus Babbel (l.) kommt gegen Fulhams Steed Malbranque zu spät: Uefa-Cup für acht Pfund
EPA/DPA

Markus Babbel (l.) kommt gegen Fulhams Steed Malbranque zu spät: Uefa-Cup für acht Pfund

Trotz allem: Auch andere haben schon die Nase gerümpft, sich über Fulham lustig gemacht - und fielen auf prompt auf die Nase. In der zweiten Runde des Uefa-Cups fegten die "Cottagers" Dynamo Zagreb mit 3:0 und 2:1 vom Platz, obwohl Zagreb-Coach Blazevic allen Ernstes zuvor noch die Hilfe eines leibhaftigen Exorzisten bemüht hatte. Auch in der aktuellen Premier-League-Saison schlägt sich Fulham wacker und bewegt sich im gesicherten Mittelfeld, was aufregend solide klingt. Fulhams argentinischer Stürmer Facunda Sava trug am Wochenende gegen Liverpool eine Zorromaske im Gesicht und traf zweimal ins Schwarze beim 3:2 Sieg über - hört, hört! - Liverpool.

Chelsea, der wirkliche Glamourclub Londons, kann über solche Faschingskindereien natürlich nur lächeln. Als deren Torwart Mark Bosnich vor wenigen Tagen unter Verdacht geriet, Kokain geschnupft zu haben, ließen sie ihn umgehend in einer unbekannten Privatklinik verschwinden. Angebliche Diagnose: klinische Depression. In die will Hertha zwar den FC Fulham stürzen, aber vor gar nicht allzu langer Zeit blamierten sich die Berliner ja gegen einen anderen Provinzverein. Der hieß Holstein Kiel und man sagt, die Tickets für das Hertha-Spiel seien in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt teurer gewesen als nun in London.



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