Football@home Die Pille macht England verrückt

England ist Weltmeister. Nicht im Fußball. Wie sollte das auch gehen? Der Freude auf der Insel tut das jedoch keinen Abbruch. Die Briten sind wegen des Sieges ihrer Mannschaft bei der Rugby-WM aus dem Häuschen und fühlen sich an 1966 erinnert, als die englischen Fußballer den Titel holten.

Von Adrian Schimpf, Guildford


England's Glory
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England's Glory

Am Samstagmittag regnete es noch immer in Strömen. England ertrank geradezu. Und trotzdem hatten beinahe alle plötzlich dieses entrückte Lächeln. Wohin man auch sah, strahlende Gesichter. Die feuchte Luft vibrierte förmlich vor Freude. England war soeben Rugby-Weltmeister geworden. Das Land hatte dem Endspiel fast so sehr entgegengefiebert wie einem WM-Finale im Fußball. Am Morgen des Spiels war der Verkehr um 60 Prozent geringer als sonst. Zehn Millionen Briten verfolgten das Spiel am Fernseher, sei es im heimischen Wohnzimmer oder in einem der rund 15.000 Pubs, die bereits um 7 Uhr geöffnet hatten.

"Das ist der größte Tag seit 1966", schrieb die "Daily Mail" nach dem Triumph gegen Gastgeber Australien. Damals hatten es Bobby Moore & Co. geschafft, die Deutschen in Wembley in der Verlängerung mit 4:2 zu schlagen. Über 37 Jahre später konnte der Kapitän des englischen Rugby-Teams, Martin Johnson, wieder einen Weltmeisterpokal in die Höhe stemmen - erneut nach einem Finalsieg in der Verlängerung. 20:17 hieß es am Ende der Nachspielzeit gegen Australien.

Am Tag zuvor hatte ich noch mit einem Studenten über das bevorstehende Finale gesprochen. "Wie lange dauert eigentlich so ein Rugby-Spiel?" fragte ich. "Zwei Halbzeiten á 40 Minuten, dazwischen 10 Minuten Pause", antwortete er. "Aha. Und wenn es danach unentschieden steht, gibt es dann Verlängerung?" Der Student überlegte kurz und bejahte. "Und wenn es danach auch noch unentschieden steht? Gibt es dann Elfmeterschießen?", fragte ich nach. Ich machte eine kurze Pause und grinste: "Na, selbst wenn, ihr spielt ja morgen nicht gegen uns. Kann also nichts passieren."

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Der Student fand meine Anspielung auf die Fußball-EM 1996 und WM-Niederlagen Englands gegen Deutschland nach verlorenen Elfmeter-Shoot-outs nur mäßig komisch. "Im Rugby steht es nach einer Verlängerung meistens nicht unentschieden", beschied er mich kurz. Er sollte recht behalten. Obwohl es wirklich knapp war in diesem Finale in "down under". Die britische Presse hatte angesichts des Spielverlaufs jedenfalls keine Mühen, eine geradezu mystische Verbindung zum Endspiel der Fußball-WM 1966 zu ziehen.

"Man muss sich an den Sommer 1966 zurück erinnern - die Parallelen sind einfach zu verblüffend. Genau so wie West-Deutschland damals bereits frühzeitig in Führung ging und später (nach dem zwischenzeitlichen 2:1 Englands) erst in der letzten Minute der regulären Spielzeit noch den Ausgleich schaffte, so geriet England auch im Jahre 2003 bereits nach sieben Minuten in Rückstand und musste - nach gutem Spiel in Führung liegend - dann ohnmächtig zusehen, wie der Gegner mit dem allerletzten Schuss in der regulären Spielzeit noch die Verlängerung erzwang." Alan Ball, Mitglied der Fußballweltmeistermannschaft von 1966, stimmte melodramatisch in den Chor der Boulevardzeitungen mit ein: "Ich brauche eine Packung Valium. Die Ähnlichkeit mit unserem Sieg über Deutschland in Wembley ist einfach gespenstisch."

Wie seinerzeit das Fußballteam in Wembley gewann Rugby-England auch das Finale von 2003 erst in der Extra-Zeit, wenn auch ohne Wembley-Tor. Das lag erstens daran, dass das Finale im Telstra-Stadion von Sydney stattfand und zweitens, dass für ein gültiges Rugby-Tor der Ball über die Querlatte fliegen muss statt darunter. Nur eine von den vielen Absonderlichkeiten der Rugby-Regelwelt. Das archaisch anmutende Spiel kann nicht verhehlen, dass es von den mittelalterlichen Raufspielen abstammt, bei denen Hunderte von Teilnehmern versuchten, eine Schweinsblase von einem Stadttor zum nächsten zu befördern.

Der englische Rugby-Kapitän Martin Johnson: Adliger im Wartestand
AP

Der englische Rugby-Kapitän Martin Johnson: Adliger im Wartestand

Auch heute noch liest sich die Spielanleitung der Rugby Union mitunter grobschlächtig. In einem offiziellen Druckwerk des Verbandes heißt es - das Wichtigste kommt zuerst - bereits auf Seite 5: "Ein Spieler, der blutet oder eine offene Wunde hat, muss zeitweilig ausgewechselt werden, bis die Blutung gestoppt und die offene Wunde verbunden ist." Die Beschreibung des richtigen Schuhwerkes auf dem Rugby-Platz hingegen hätte eine kreuzbrave Deutsche Beamtenseele auch nicht besser hinbekommen: "Die Stollen der Rugby-Schuhe müssen der Britischen Standardnorm BS6366:1983 entsprechen. Das Anbringen eines einzelnen Stollens an der Spitze des Schuhs ist verboten."

Coach Clive Woodward jedenfalls hat mit seinen 15 standardnorm-beschuhten Männern das kleine Wunder geschafft, mit Team England zum allerersten Mal den Rugby-Worldcup zu erringen. 1991 hatte die Nationalmannschaft schon einmal im Finale gestanden, aber zu Hause in Twickenham mit 6:12 verloren - auch damals hieß der Gegner Australien. Die geglückte Revanche wurde von der Sensationspresse entsprechend gefeiert.

"Arise, Sir Clive!"

"Gott ist wirklich ein Engländer!" lautete eine Schlagzeile. Andere erregten sich über Erzfeind Frankreich, der von England im Halbfinale mit 24:7 nach Hause geschickt worden waren, weil der französische Präsident Jacques Chirac die Unverschämtheit besaß, den Engländern den Triumph zu stehlen. Chiracs Grußbotschaft nämlich lautete: "Dieser verdiente Sieg ist auch ein Sieg für Europa." Der konservative Abgeordnete Gerald Howarth ließ Monsieur President kühl abblitzen: "Meine Botschaft an Chirac ist: Setz dich auf dein eigenes Rad. Dies ist kein Sieg für Europa oder die Europäische Union. Dies ist ein Sieg für ein England."

Und englische Sieger haben einen Anspruch auf den Adelsstand. So wie der Trainer der Fußballweltmeister, Alf Ramsey, nach vollbrachter Tat zum Ritter geschlagen wurde, so dürfte auch alsbald Rugby-Coach Woodward niederknien, um die Worte aus dem Munde des Queen hören: "Arise, Sir Clive!" Einzig ein Wermutstropfen bleibt bei all der Freude. Nach 1966 erreichte England bis heute nie wieder das Finale einer Fußball-WM. Bei all den Parallelen könnten den angelsächsischen Rugbyfreunden ein paar traurige Jahrzehnte bevorstehen.

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