Football@home Einmal Hooligan, immer Hooligan

Seit 1985, als sich einige von ihnen auf dem Fußballplatz vor laufender Kamera mit der Polizei prügelten, sind die Fans des Zweitligisten FC Millwall kollektiv als Hooligans gebrandmarkt. Während des FA-Cup-Finales, das ihr Club gegen ManU verlor, gaben sich Millwalls Anhänger jetzt alle Mühe, ihr schlechtes Image abzulegen.

Von Adrian Schimpf, Guildford


Pfundskerl aus Millwall: "Keiner mag uns - uns doch wurscht!"
AFP

Pfundskerl aus Millwall: "Keiner mag uns - uns doch wurscht!"

"No one likes us, we don't care!", stand in fetten, dunkelblauen Lettern auf dem weißen Transparent, das akkurat an einer Tribünenbalustrade im Millenium Stadium befestigt worden war. "Keiner mag uns - uns doch wurscht!" ist das inoffizielle Vereinsmotto des Millwall FC. Der Club aus der englischen First Division - der zweiten britischen Profiliga unterhalb der Premiership - ist in Großbritannien nicht sonderlich beliebt, was auch die Funktionäre des Vereins ohne Umschweife zugestehen.

"Da haben wir den Fußballfans wirklich eine harte Nuss zu knacken gegeben", feixte Jeff Burnige, altgedientes Vorstandsmitglied des Süd-Londoner Vereins. "Ein Pokalfinale Manchester United gegen Millwall FC - das ist ein bisschen so wie ein WM-Finale Argentinien gegen Deutschland: Der brave neutrale englische Fan weiß gar nicht, wen er mehr verachtet."

Am Ende siegte bei den meisten der britische Urinstinkt, zum Underdog zu halten und damit dem Millwall FC - wenn auch zögerlich - wenigstens einen Daumen zu drücken. Genutzt hat es nichts, der Londoner Zweitligist hatte nicht den Hauch einer Chance, die Jungs aus Manchester fuhren im Schongang einen nie gefährdeten 3:0-Sieg ein und durften die etwas bombastisch anmutende Trophäe des englischen Fußballverbandes mit nach Old Trafford nehmen. Ein Trostpreis, wie Roy Keane, der ManU-Kapitän in der letzten Saison noch verächtlich gespottet hatte, als Arsenal den Cup gewann.

Größter Erfolg der Vereinsgeschichte

Pokalgewinner ManU: Den Millwall-Fans war es egal
DPA

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Den blau-weißen Anhängern der Londoner jedoch war die Niederlage herzlich egal, ohnehin hatte kaum einer ernsthaft mit etwas anderem gerechnet. Die über 20.000 "Löwen", die nach Cardiff gekommen waren, verbreiteten trotzdem eine nie nachlassende Stimmung, die wie eine gut gelaunte Kreuzung aus Betriebsausflug und Kinderfest wirkte. Fröhlich, friedlich, ausgelassen. Die Menge feierte vor dem Spiel, während des Spiels und nach dem Spiel, und sie feierte den größten Erfolg in der 119-jährigen Vereinsgeschichte: den Einzug ins FA-Cup-Finale überhaupt und damit bereits, unabhängig vom Ergebnis, die Qualifikation für den Uefa-Cup.

Fröhlich, friedlich, ausgelassen? Im Kopf hat man andere Assoziationen, wenn man an den Millwall FC denkt. Gewalttätige Ausschreitungen, Hooligans der übelsten Sorte, Straßenschlachten - das sind die Bilder, die vor dem geistigen Auge aufziehen. Wenn man Jeff Burnige, der seit Kindesbeinen an ein Millwall-Mann durch und durch ist, mit diesen Bildern konfrontiert, nimmt er einen mit bohrendem Blick ins Visier und fährt sich mit der Hand energisch durch das inzwischen grau gewordene Haar, als wolle er die bösen Vorurteile am liebsten ausbürsten wie lästige Kletten aus Hundefell. Und wie nicht abzuschüttelnde Kletten kleben sie, die bösen Vorurteile über Millwall.

Traumatische Ereignisse von 1985

"Ich kann es nicht mehr hören. Wir haben seit langem nicht mehr und nicht weniger Probleme mit Hooligans als andere Clubs auch. Aber wenn angebliche Millwall-Fans, die schon seit Ewigkeiten Stadionverbot haben, irgendwo weitab vom Stadion eine Prügelei mit Polizisten anfangen, schreien alle Medien gleich wieder: Typisch Millwall! Es ist einfach nicht fair." Aber die Schlagzeilen verkaufen sich eben, auch weil die traumatischen Ereignisse von 1985 sich tief ins kollektive Gedächtnis des englischen Sports gegraben haben. Aber selbst über das Trauma von 1985 gibt es verschiedene Ansichten. Jeff Burnige hat seine, die Medien nicht immer dieselbe.

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Die linksliberale Tageszeitung "The Guardian", der böswilligen Faktenklitterung eher unverdächtig, näherte sich dem verminten Terrain, das das unheilige Jahr 1985 umgibt, mit nervöser Vorsicht, so wie man sich einer umstrittenen Altlast eben nähert: "In den dunklen siebziger Jahren waren die Millwall-Fans berüchtigt für Ihre Gewaltbereitschaft. Dieser Ruf wurde 1985 zementiert, als während eines live im TV übertragenen FA-Pokalspiels im Stadion von Luton plötzlich Millwall-Fans auf den Platz strömten, um sich eine Schlacht mit der Polizei zu liefern. Die Anhänger von Millwall haben ihre eigene Meinung zu den Ursachen der Ausschreitungen, aber die einprägsamen Fernsehbilder blieben an den Süd-Ost-Londonern kleben wie Pech."

19 Jahre später, im Mai 2004, ist es wieder ein Pokalspiel, das eindrucksvolle Fernsehbilder von den Fans des Millwall FC liefert. Die Kamerafahrten in die Zuschauerränge mit den blau-weißen Fahnen zeigen allerdings nichts Erschreckenderes als in den Vereinsfarben bemalte Kindergesichter, Fähnchen schwenkende Teenies mit Zahnspangenlächeln und Mittvierziger, die trotz des Replika-Trikots über dem Bauchansatz die solide Ausstrahlung von pünktlich zahlenden Bausparern haben.

"Ist uns auch egal"

Die Millwall-Mannschaft um Spielertrainer Dennis Wise hat auf dem Platz das FA-Cup Finale verloren. Aber diesmal stimmte die Preißlersche Weisheit nicht: Diesmal war entscheidend nicht auf dem Platz, sondern auf den Rängen. Genau dort nämlich haben die Anhänger der "Löwen von Bermondsey" einen friedlichen Triumph errungen, der vielleicht sogar stark genug ist, endlich die Macht der alten TV-Aufnahmen von 1985 zu brechen. Neue Bilder von gut gelaunt eine Niederlage feiernden Fans gegen alte Bilder von gewaltberauscht prügelnden Hooligans.

Wenn es klappt, wäre es allerdings auch Zeit für ein neues Vereinsmotto. Der "Guardian" hat seinen Vorschlag per Schlagzeile bereits eingereicht: "Everyone likes us, we still don't care!" - "Jeder mag uns - ist uns auch egal."



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