Football@home "El Tel" funkt S.O.S.

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel. Heute: Leeds United geht es schlecht. Dem englischen Traditionsclub droht der Abstieg. Schuld soll der ehemalige Nationaltrainer Terry Venables sein.

Von Adrian Schimpf


Terry Venables: Trainer auf Abruf
AP

Terry Venables: Trainer auf Abruf

Die Lust am Untergang ist gegenwärtig die einzige Begierde, die in Leeds vollauf befriedigt wird. Jedenfalls dann, wenn man sich der heimischen United hingibt. Eigentlich heißt United ja Einheit oder Eintracht, aber meist sind es gerade die Fußballclubs mit solchen Namen, die sich mit verbissener Besessenheit dem Streit verschrieben haben.

Nach vier Premiership-Niederlagen in Folge und dem Sturz auf Tabellenplatz 16 - gerade einmal drei Punkte von einem Abstiegsrang entfernt - schießt an der Elland Road jeder gegen jeden. Nichts ist es mit "United", von Eintracht keine Spur.

Die Fans des dreifachen englischen Meisters hatten sich schon frühzeitig auf den Sündenbock für die immer rasantere Talfahrt geeinigt: Chefcoach Terry Venables. Der war mit zwei Siegen respektabel in die laufende Saison gestartet. Aber schon bei der ersten Heimniederlage gegen Sunderland - der August war noch nicht vorbei - machte das heimische Publikum aus seinen Vorbehalten gegen den neuen Übungsleiter kein Geheimnis mehr: "Boos for Tel!" titelte der "Mirror". Eine Schlagzeile, die fortan immer öfter über den Spielberichten stehen sollte.

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Nun mag man von den Trainerqualitäten "El Tels", so der Spitzname des einst beim FC Barcelona tätigen Coaches, halten, was man will (die Einschätzungen schwanken von "Blender" bis "Genie"), aber die Alleinschuld trägt er nicht. Die Krise des Clubs geht tiefer, als die Fans es wahrhaben wollen. Es mag schon richtig sein, was United-Anhänger Peter Johnson nach der 0:1-Pleite bei Fulham stellvertretend für viele feststellte: "Seit 'El Tel' das Kommando hat, sind wir im Mittelfeld überhaupt nicht mehr präsent!"

Aber die implizite Botschaft, "Hätten wir einen besseren Trainer, dann hätten wir ein ganz tolles Mittelfeld", ist Wunschdenken. Leeds United hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt und zahlt jetzt die Rechnung. Rund 120 Millionen Euro Schulden drücken den Club, der im Januar, wenn wieder Transfers getätigt werden dürfen, weitere Leistungsträger abgeben muss, um sich finanziell über Wasser zu halten. Wobei sich in den letzten Monaten kaum ein Balltreter als gut verkäuflicher Hochleistungskicker aufdrängte.

Aber nicht nur Venables befindet sich im Fadenkreuz der Anhänger. Auch Clubchef Peter Ridsdale wird zunehmend härter angegangen und täte nichts lieber, als Venables zu opfern, um sich selbst etwas Luft zu verschaffen. Dabei war es Ridsdale, der im Sommer überstürzt den bis dahin amtierenden Trainer David O'Leary schasste und dann keinen Ersatz hatte. Schließlich entschied sich der United-Boss in aufkeimender Panik als dritte oder vierte Wahl für Terry Venables und erlöste den 61 Jahre alten Ex-Nationalcoach von seinem Frührentnerdasein.

Peter Ridsdale: Kein Geld für den Rauswurf
AP

Peter Ridsdale: Kein Geld für den Rauswurf

Jetzt aber zählt Ridsdale jeden Abend das Geld in der Kasse und kommt ebenso oft zu dem Ergebnis, dass er sich eine vorzeitige Trennung von Venables, der offenbar zum Ausharren entschlossen ist, nicht leisten kann. Ridsdale bekommt ja noch nicht einmal die 3,8 Millionen Euro Abfindung für Ex-Coach O'Leary zusammen, die dieser von Leeds United fordert.

Aber selbst wenn Venables ginge - was sollte ein anderer Trainer besser machen? Nicht alle Entscheidungen des Übungsleiter-Routiniers waren falsch. Zu Saisonbeginn sortierte er rigoros den stänkernden Stammkeeper Nigel Martyn aus und ersetzte ihn durch Paul Robinson, der inzwischen offen als Nummer eins in der englischen Nationalmannschaft gehandelt wird.

Der überragende Keeper war der einzige Grund, warum es am Samstag gegen Fulham am Ende nur 0:1 hieß und nicht 0:7. Der von Venables für den Sturm geholte Liverpooler Bankdrücker Nick Barmby war angesichts eines Budgets für Neuerwerbungen, das gegen Null tendierte, auch keine schlechte Wahl. Und dafür, dass Leeds etliche verletzte Spieler zu verkraften hat, kann man dem frühren Coach der Tottenham Hotspur kaum haftbar machen.

Wollen die Spieler Venables absägen?

Jedoch: Immer öfter hat man den Eindruck, als spielte die Truppe auf dem Platz vorsätzlich gegen ihren Chef. "El Tel" schwant, dass er vielleicht den einen oder anderen aus dem Team falsch angefasst hat, was sich nun rächt. "Ich habe Fehler gemacht und natürlich wünsche ich mir, dass ich einiges anders gemacht hätte", bekannte Venables nach dem Spiel in Fulham. Ein Schuldeingeständnis, das aber kaum mehr als ein Lippenbekenntnis sein dürfte. Schon tönt Venables in gewohnter Tonart. "Zur Not fahre ich Olivier Dacourt eigenhändig nach Italien." Dacourt ist einer der aussortierten Ex-Hoffnungsträger.

Der eine oder andere Stadiongänger wird sich in diesen düsteren Tagen wehmütig an das Regime von Howard Wilkinson erinnern. Der führte Leeds United 1992 zur Meisterschaft - der letzten vor Einführung der Premiership und die letzte, die ein aus England stammender Vereinstrainer auf der Insel feiern konnte. "Wilko" allerdings ist zur Zeit vollauf damit beschäftigt, den FC Sunderland, aktuell auf Platz 19, vor dem Abstieg zu retten. Und wie es die Vorsehung will: Am 26. Dezember spielt Leeds in Sunderland. "Wilko" gegen "El Tel". Wenn der dann überhaupt noch auf der Bank sitzt.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.