Football@home England, du hast es besser!

Langsam machen wir uns Sorgen um unseren Kolumnisten. Er verliert zusehends den Kontakt zu seinem Heimatland. Er verbritet immer mehr, gewöhnt sich merkwürdige Dinge an. Gibt es noch eine Rettung? Oder genießt er die schleichende Entfremdung am Ende etwa?
Von Adrian Schimpf

England, du hast es besser! Jedenfalls gibt es auf der Insel keine fußballlose Zeit zwischen Mitte Dezember und Ende Januar. Die Premiership spielt durch. Allerdings kam ich bislang nicht so recht in den Genuss dieser Winterspiele. Über die Feiertage war ich in Deutschland. Meine Familie lebt hier. Seit Heiligabend weilte ich daher in der norddeutschen Tiefebene und stand seitdem unter Heimatschock. Keine Bundesliga, mit der ich mich ablenken könnte. Nicht einmal mehr das Hallen-Masters. Auf "Kicker Online" lief als aktuelle Topmeldung eine Fotostrecke vom deutschen EM-Triumph 1996, und nur Hertha BSC sorgte für ein bisschen Trainertheater. Ein Tropfen auf den heißen Stein oder "a drop in the ocean", wie der Brite sagen würde.

Doch das Land und der Fußball Ihrer königlichen Majestät sind weit, weit weg. Aber bloß nicht jammern. Zähne zusammenbeißen und durch. Stiff upper lip eben. Das fällt schwer. Denn an Kleinigkeiten merke ich, dass ich nicht mehr so richtig dazu gehöre. Dass ich mich erst wieder einleben muss in meinem Heimatland. Ich fremdele. Ich sage "Ich bin fein", wenn ich bei Tisch gefragt werde, ob ich noch Kartoffeln möchte, oder "Da bist du", wenn mich jemand um das Gemüse bittet. (Dies sind die jeweils wörtlichen Übersetzungen von "I am fine" und "There you are", die sinngemäß "Nein, danke" und "Bitte sehr" bedeuten.)

Als ich mit einem ehemaligen Kollegen in der Hamburger Gruner+Jahr-Kantine zum Mittagessen gehe, muss mich dieser am Ende der Mahlzeit mit einem lauten Hüsteln zurückhalten. "Ähm, du musst dein Tablett schon selbst wegtragen. Sogar die Frau von Schulte-Hillen hat sich da dran gehalten." Ich bin peinlich berührt. Was hatte ich mich am Anfang meiner England-Zeit aufgeregt, dass die Studenten in der Mensa ihren Platz verlassen wie die Sau den Trog und Putzkräfte, die bestenfalls den gesetzlichen Mindestlohn erhalten, der selbsternannten künftigen Elite von Angelsachsen hinterher räumen. Ohne es zu merken, habe ich den klassenbewussten Dünkel selbst verinnerlicht: Für mein schmutziges Geschirr sind andere zuständig.

Es sind nicht die heiß diskutierten Themen, bei denen ich mich neben der Spur fühle. Bei Hartz IV, Dosenpfand und Lkw-Maut kann ich mitreden, als hätte ich Deutschland nie verlassen. Mich irritieren stattdessen völlig belanglose Alltagsszenen. Zum Beispiel die bis zum Exzess betriebene deutsche Sitte, am Ende eines Restaurantbesuchs getrennt zu bezahlen. Wir sitzen zu acht beim Italiener und statt wie in England üblich am Ende die Gesamtrechnung durch acht zu teilen, steigt eine verstörende Rechenorgie, denn Klaus hatte ja eine Vorspeise, Ulla aber nicht, dafür aber trank Benno einen doppelten Espresso und warum sollte Franziska, die ja nur einen Salatteller aß, das alles mitbezahlen? Das wäre ja nicht fair.

Ich finde diesen Gerechtigkeitsfanatismus komplett unsinnig, denn am Ende eines langen Lebens gleicht sich alles ohnehin wieder aus ("It evens out"), aber ich halte trotzdem meinen Mund, denn früher war ich selbst der allerschlimmste Ober-Rechenschieber und siedend heiß fällt mir ein, wie es mich in meinen ersten englischen Monaten ärgerte, wenn ich auch nur ein Pfund mehr bezahlen musste, weil nicht einzeln abgerechnet wurde. Jetzt ärgert mich das genaue Gegenteil, und ich frage mich bang, ob das vielleicht auch so eine typisch deutsche Eigenschaft ist, die mir in den Genen sitzt: sich grundsätzlich immer zu ärgern und unzufrieden zu sein.

Ich komme mir ein ganz klein wenig so vor, wie sich manch Gastarbeiterkind fühlen muss: nirgendwo so richtig zu Hause. Für die Engländer bin ich in hundert Jahren noch ein Deutscher, für die Deutschen verbrite ich bereits bedenklich. Jetzt steht meine Rückkehr nach Guildford an. Ich fürchte mich auch schon wieder ein bisschen: Hoffentlich habe ich in den zwei Wochen Deutschland nicht allzu viel englische Alltagskultur verlernt. Die englische Sprache hat für diese Sorgenmacherei um jeden Preis übrigens ein sehr schönes Wort parat: es lautet "german angst". Ich nehme mir daher ganz ernst, aber furchtlos vor, mich weder zu ärgern noch zu ängstigen. Sondern mich zu freuen: auf die Insel und darauf, dass es dort keine Fußball-Winterpause gibt! Wie gesagt: England, du hast es besser!

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