Football@home Höhenflug der Heiratsprofis

Gretna hat etwas geschafft, was dem FC St. Pauli nicht vergönnt war. Der Club aus dem schottischen Vermählungsparadies erreichte das nationale Pokalfinale und spielt im Europacup. Vater des Aufschwungs ist ein tiefgläubiger und stark rauchender Engländer.

Von Volker Gulde


1754 ist kein herausragendes Jahr in Europas Geschichte. Nicht so für Gretna, ein schottisches Dorf an der Grenze zu England, welches zu dieser Zeit richtig bekannt wird. Durch die Anhebung des Ehefähigkeits-Alters in England auf 21 Jahre hatte Gretna Green plötzlich eine neue Einkommensquelle: Heiratstourismus! Junge Liebespaare brannten gen Schottland durch und ließen sich in dem Kaff trauen.

Hochzeitspaar in Gretna Green: Beliebter Grenzort
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Hochzeitspaar in Gretna Green: Beliebter Grenzort

Gretna Green als das schottische Las Vegas zu bezeichnen, mag etwas weit gehen, schließlich leben nur rund 3000 Einwohner dort. Spielcasinos gibt es auch keine. Dafür aber einen Verein, der nun auch für großes Aufsehen über die Region hinaus sorgt.

Der FC Gretna - Puristen stellen das FC hintan -, hat sich in das Pokalfinale am 13. Mai gegen Heart of Midlothian gekämpft und damit gleichzeitig die Qualifikation für den Uefa-Cup erreicht. Egal, ob sie gewinnen oder verlieren. Holt der Drittligist den Cup, schafft er den Einzug ins internationale Geschäft aus eigener Kraft. Setzt es die erwartete Niederlage gegen den zwei Klassen höher spielenden Club, profitiert Gretna von derselben Regel wie in Deutschland Eintracht Frankfurt. Auch der Verlierer eines Pokalfinales zieht in der kommenden Saison in den Uefa-Cup ein, sofern der Kontrahent bereits aufgrund der Ligaplatzierung Champions League spielt oder zumindest die Qualifikation zur Königsklasse bestreitet.

Dass diese Regelung in der Spielzeit 2007/2008 allerdings gekippt werden könnte, ist Gretna vollkommen egal. Die "Blacks and Whites" genießen das Hier und Jetzt. Sie fiebern dem Duell gegen die Hearts, den Zweiten der schottischen Premier League, entgegen. Gretna erreichte das Endspiel durch einen 3:0-Sieg im Halbfinale gegen den Zweitligisten FC Dundee. Vor ein paar Jahren war es der Hollywoodfilm "A shot at glory", in dem ein kleiner Verein mit dem fiktiven Namen "Kilnockie" den schottischen Pokal gewinnt. Trotz Starbesetzung (Michael Keaton und Robert Duvall) floppte der Streifen. Ironischerweise war aber ein Mitglied des Gretna-Trainerstabs als Kilnockie-Spieler in dem Film zu sehen.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich das sportliche Wunder nicht nur auf der Leinwand ereignete, sondern in der Realität? Der Erfolg hat einen Namen: Brooks Mileson. Man könnte den 59-jährigen Clubbesitzer als eine Art Anti-Abramowitsch sehen. Mileson brach sich das Rückgrat, als er elf war. Die Ärzte meinten damals, er könne nie wieder laufen. Ein paar Jahre später war der als Pflegefall gebrandmarkte Jungspund einer der besten britischen Querfeldeinläufer. "In meinem Wortschatz gibt es kein 'Ist nicht zu schaffen'", so Milesons Credo.

Darüber hinaus hatte Mileson schon zwei Herzinfarkte, lebt mit nur einer Niere und leidet unter dem chronischen Müdigkeitssyndrom. Laut der schottischen Tageszeitung "The Scotsman" raucht der Gretna-Patron pro Tag rund 100 Zigaretten und trinkt nur Kaffee und den Energydrink Lucozade. Eigentlich müsste Mileson längst tot sein. Stattdessen ist er Selfmade-Geschäftsmann, dessen Vermögen auf rund 75 Millionen Pfund (115 Millionen Euro) geschätzt wird.

1982 war Mileson arbeitslos. Doch er gab nicht auf - und wurde im Versicherungsgeschäft eine große Nummer. Obwohl er sich noch nicht ganz aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat, widmet er dem Fußball immer mehr Zeit und Geld. Im Gegensatz zu den Herren Abramowitsch (FC Chelsea) und Romanov, dem Eigentümer des Endspielgegners Heart of Midlothian, geht es Mileson aber nicht darum, den ultimativen Erfolg mit dem Club zu erzielen.

Seine Vereine, er unterstützt auch noch Whitby Town und Carlisle, sollen den jeweiligen Gemeinden unter die Arme greifen. So ist das meiste der rund zwei Millionen Pfund (drei Millionen Euro), die Mileson in Gretna investiert hat, nicht für Spieler ausgegeben worden, sondern für die Infrastruktur. Milesons weitere Aktivitäten sind die finanzielle Unterstützung von Waisenhäusern in Osteuropa und das Heim für pflegebedürftige Tiere auf seinem Anwesen in der Nähe von Carlisle.

Beachtung christlicher Gebote

Nur Geld zuzuschießen, ist Mileson aber zu langweilig. So hilft er oft in Gretnas Geschäftsstelle aus. "Ich bin in erster Linie Fan", sagt Mileson, und jeder nimmt ihm das ab, wenn er mit dem Dampfstrahler die Tribünen im Raydale Park, dem Heim von Gretna FC, saubermacht. Unter Mithilfe einiger erfahrener Spieler, die zumeist ablösefrei verpflichtet wurden, schmiedete Coach Rowan Alexander ein Team, das den Durchmarsch aus der Third Division (der vierthöchsten Spielklasse) in die First Division schaffte.

Die jüngste Meisterschaft war erneut früh gesichert, am Ende hatte Gretna 18 Punkte Vorsprung. Der bisherige Saisonhöhepunkt war aber zweifelsohne das Halbfinale im Glasgower Hampden Park Anfang April gegen Dundee. Während der Trainer dem feierlichen Anlass zuliebe edlen Zwirn trug, saß Mileson in Jeans mit den anderen Fans auf der Tribüne. Einziges Manko: Der Mann mit dem fransigen Pferdeschwanz durfte während der Partie nicht rauchen. Gottseidank gab es keine Verlängerung, sonst wäre Mileson vermutlich an Nikotinmangel gestorben.

"Ich habe niemals über das Halbfinale hinaus gedacht, allein das war eine unglaubliche Geschichte", sagte Mileson unlängst, "jetzt spielen wir in Europa - das ist doch verrückt." Das Problem mit dem zu kleinen Stadion für die internationalen Auftritte ist so gut wie gelöst. Vermutlich weicht Gretna, ein "minnow", wie Außenseitervereine auf der Insel genannt werden, ins 75 Kilometer entfernte Kilmarnock aus. Ob Gretnas Erfolg doch ein Wunder sei, wurde Mileson jüngst gefragt. "Wir achten im Club auf christliche Gebote", antwortete er, "vielleicht ist da oben ja jemand, der über uns wacht."

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