Football@home Mit breiter Brust gegen England

Den 5:1-Sieg ihres Nationalteams vor zweieinhalb Jahren in München gegen Deutschland haben die Engländer längst zum Mythos erhoben. Auslandsdeutsche werden auf der Insel aber auch wegen ihrer Brusttaschen verspottet - allerdings zu Unrecht.

Von Adrian Schimpf, Guildford


Debakel gegen England: Oliver Neuville, Christian Wörns, Jörg Boehme, Jens Nowotny und Oliver Kahn verloren das Qualifikationsspiel zur WM 2002 mit 1:5
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Debakel gegen England: Oliver Neuville, Christian Wörns, Jörg Boehme, Jens Nowotny und Oliver Kahn verloren das Qualifikationsspiel zur WM 2002 mit 1:5

Meine Kollegen Richard, Matthew und Robert saßen mit mir im "Café Roots" auf dem Campus der Universität, und alle zusammen hielten wir Kriegsrat. Die Guildforder Jura-Fakultät wurde an diesem Tag gerade von der englischen "Qualitätssicherungsbehörde für akademische Ausbildung" überprüft, einer Art britischer Uni-TÜV. Wir waren wochenlang gedrillt worden, welche Fragen der Inquisition mit "ja" oder "nein" zu beantworten waren und natürlich war "weiß nicht" auf jeden Fall dringend zu vermeiden. Insgesamt war der Vormittag gut gelaufen. "So far, it's a clear thumbs up", meinte Richard. Daumen nach oben also.

Richard hatte sich vor dem großen Prüfungstag einen neuen Anzug gekauft. Ganz so weit war ich nicht gegangen, aber ich hatte immerhin mein erstes original englisches Oberhemd in der Londoner Jermyn Street erstanden. Natürlich eines mit den hier zu Lande obligatorischen Doppel-Umschlagmanschetten.

"Wie gefällt dir eigentlich dein neues Hemd?"; fragte mich Richard und nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. Seit Monaten hatte er mir wie ein Staubsaugervertreter in den Ohren gelegen, endlich auch eines seiner heißgeliebten Jermyn-Street-Hemden zu erwerben. "Ja, doch, es ist wirklich ein schönes Stück. Allerdings vermisse ich die Brusttasche", sagte ich.

Anständige Hemden haben keine Brusttasche


Mein Chef Robert, der bisher nur gelauscht hatte, schaute mich verblüfft an - und sagte ohne weiter nachzudenken in seinem besten Cambridge-Akzent: "Oh, Adrian, proper shirts don't have breast pockets!" - anständige Hemden haben keine Brusttaschen. "Genau!", sagte Richard in bestem BBC-Englisch. "Klar, ihr Deutschen braucht die Brusttasche natürlich für eure Taschenrechner und Bleistifte, damit ihr eure fabelhaften BMWs konstruieren könnt. Aber wir hier in Großbritannien, wozu brauchen wir schon Brusttaschen?"

Ich schaute etwas indigniert. "Aha. Ich arbeite jetzt seit über zwei Jahren hier, und seitdem sagt ihr hinter meinem Rücken: Schau, da kommt der deutsche Ingenieur mit seinem deutschen Brusttaschen-Oberhemd." Richard und Robert grinsten beide sehr breit und sehr schuldbewusst.

Es sind meist die kleinen Dinge, die einen sofort als Deutschen ausweisen. Immerhin kam ich noch rechtzeitig in den Genuss der Ohne-Brusttaschen-Oberhemd-Lektion. Denn gut eine Woche später war ich eingeladen, vor dem "Lloyd's German Club" in der Londoner City einen Vortrag zum Thema "Deutsch-Englische Fußballbeziehungen" zu halten. Die fast überwiegend britische Zuhörerschaft bestand aus angelsächsischen Versicherungsspezialisten, die wahrscheinlich an einem Tag mehr verdienen als ich in einem ganzen Jahr. Nicht auszudenken, hätte ich dort mein Vaterland mit einem Oberbekleidungsstück aus dem Armenhaus repräsentiert.

5:1-Sieg in Deutschland ein Mythos


Zur deutsch-englischen Fußballhistorie kann man endlos und drei Tage reden, aber ich hatte gerade einmal eine halbe Stunde Zeit, denn dann mussten die Versicherungsexperten wieder zurück in die Handelssäle. Also beschränkte ich mich auf die Höhepunkte; und weil ich ein höflicher Mensch bin, begann ich meinen Vortrag mit dem "Fünf-zu-Eins", jenem englischen Sieg im WM-Qualikationsspiel am 1. September 2001 im Münchener Olympiastadion.

Während die Deutschen ihre Heimniederlage unter der Rubrik "ärgerlicher Betriebsunfall" abhefteten, sind die Engländer geradezu besessen von ihrem Sieg und haben bereits Minuten nach dem Abpfiff damit begonnen, einen Mythos daraus zu formen. Es ist fast wie beim Kennedy-Attentat: Jeder weiß noch genau, was er am Tag des 5:1-Sieges tat und am Morgen danach. Auslandsdeutsche, die im September 2001 in England waren, haben eher gemischte Erinnerungen.

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Wie zum Beispiel einer der Lloyd's-Leute mit deutschem Pass im Auditorium: "Als ich morgens ins Büro kam, waren alle Computerbildschirme mit einem DIN-A4-Zettel verhängt, auf dem in übergroßen Lettern das Resultat zu lesen war. Alle fünf Minuten rief mich ein Kollege an seinen Schreibtisch, sagte: 'Kannst du dir das mal eben auf meinem Schirm anschauen?' und hob dann nur ganz langsam das Blatt Papier, um die Sicht auf den Monitor freizugeben. Ich habe dann beschlossen, ab dem Mittagessen nur noch Auswärtstermine zu haben, und bin gegangen."

Von ähnlichen Erfahrungen hatte mir einst ein deutscher Investmentbanker berichtet: "Ich war am Abend des Spiels im Theater, und als ich beim Verlassen desselben meine Mailbox abhörte, waren da ungefähr 20 Anrufe drauf, davon ein halbes Dutzend von meinem Chef, der sturztrunken eine Siegesmeldung nach der anderen lallte. Die übrigen Anrufe hatten diesen Inhalt und am nächsten Morgen war ich der einzige im Büro, der nicht mit erheblichen Mengen von Restalkohol zu kämpfen hatte."

Krude Empire-Phantasien


Die Presselandschaft jubelte damals, als habe man den Zweiten Weltkrieg noch einmal gewonnen. "Die Nacht des 1. September 2001 war die größte Nacht seit dem Sieg 1966, das Gegenmittel für 35 Jahre Schmerz", schrieb der "Sunday Independent", "Ausgeblitzt! Die Nacht, als wir den Deutschen das Maul stopften!" krawallte der "Sunday Mirror" und "Englands Torrausch erschüttert die Weltordnung" erging sich der "Sunday Telegraph" in kruden Empire-Phantasien. Die englischen Fans im Münchener Stadion hatten ebenso viel Häme auf Lager und lauthals den Monthy-Python-Schlager "Always look on the bright side of life!" intoniert.

Nicht zu halten: Englands erfolgreichster Stürmer Michael Owen
DPA

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Man kann all die feiernden "little Englander" ja auch verstehen. Bei den Weltmeisterschaften 1970, 1982 und 1990 waren sie an uns gescheitert, ebenso bei den Europameisterschaften 1972 und 1996, und dann hatten wir auch die Frechheit, im allerletzten Spiel vor dem Abriss des Londoner Wembleystadions ebendort gegen die englische Nationalelf mit 1:0 zu gewinnen. Wie gesagt: 35 Jahre Schmerz waren nach dem Fünf zu Eins von München vergessen, der erste Sieg von Bedeutung gegen die Deutschen seit dreieinhalb Jahrzehnten.

Man kann es ein wenig mit dem ersten Sieg einer deutschen Nationalmannschaft in London vergleichen. Noch heute ist jenes 3:1 von 1972 legendär und gilt gemeinhin als die Geburtsstunde jener großen deutschen Elf, die im selben Jahr Europa- und zwei Jahre später Weltmeister werden sollte. Ganz so weit hat es die englische Mannschaft von München allerdings nicht gebracht, was dem Mythos des 5:1-Sieges im Mutterland des Fußballs jedoch keinen Abbruch tut.

Brusttaschen kosten extra


Als am Ende meines Vortrages alle Fragen gestellt und alle Meinungen ausgetauscht waren, hatte ich noch ein finales Anliegen. "Könnten Sie mir bitte einmal alle Ihre Hemden zeigen?", fragte ich die verblüfften englischen Lloyd's-Manager. Als sie amüsiert meiner Bitte nachkamen, stellte sich heraus, dass nahezu alle eine Tasche auf der Hemdenbrust angenäht hatten, und ich fragte verblüfft, ob mein Chef Robert, der ja gemeint hatte, "proper shirts" hätten keine Brusttaschen, denn falsch gelegen hätte. Ein weißhaariger Gentleman klärte mich auf: "In den alten Tagen trug man nur maßgeschneiderte Hemden. Die Standardausführung der meisten Schneider war ohne Tasche. Wer eine haben wollte, musste dafür extra bezahlen. Und da meistens die Frauen die Hemden bestellten, und die aufs Geld achteten - jedenfalls, wenn es um die Garderobe des Mannes ging - setzten sich die taschenlosen Hemden durch."

Aufgepasst, Robert und Richard! Das nächste Mal, wenn ihr mich wegen der deutschen Ingenieurs-Brusttasche aufzieht, werde ich Euch fragen, ob ihr ein wenig knapp bei Kasse seid und euch das kleine Accessoire nicht leisten könnt.



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