"Football@home" Neidisch auf die "Krauts"

"Football@home" - die wöchentliche Fußball-Kolumne von der Insel bei SPIEGEL ONLINE. Heute: Wie es unseren Autoren von Winsen an der Luhe nach England verschlug, wo noch heute Ressentiments gegen Deutschland gepflegt werden.

Von Adrian Schimpf


Adrian Schimpf: "Was ist Dein Fußballverein?"
FTD

Adrian Schimpf: "Was ist Dein Fußballverein?"

Ostern 1980 waren meine Eltern aus Hessen nach Winsen an der Luhe gezogen. Als ich, damals zehn Jahre alt, am ersten Schultag von meinen neuen Klassenkameraden unmittelbar nach der Beschnupperfrage "Wie heißt du?" mit dem existenziellen Begehren "Was ist dein Fußballverein?" konfrontiert wurde, hätte meine ehrliche Antwort lauten müssen: "Mir egal."

Intuitiv erriet ich, dass diese Entgegnung unweigerlich das Ende der Integration in die Klassengemeinschaft bedeutet hätte. Also sagte ich als geborener Berliner eben "Hertha BSC". Das war damals fast genauso schlimm wie "Mir egal", aber immer noch weit besser als "Bayern München". Schließlich war es die Hochzeit des Hamburger SV, und Winsen an der Luhe ist knapp 40 Kilometer von der AOL Arena, vulgo: Volksparkstadion, entfernt.

Instinktiv befolgte ich auch das heiligste Gebot eines Fußballfans: Man bleibt seinem Club treu. Der Vereinswechsel ist ein Tabu. Hertha stieg ab, noch bevor das Schuljahr zu Ende war, weil der 1. FC Köln am letzten Spieltag gegen Bayer Uerdingen 05 patzte, und versank bis Ende der neunziger Jahre im Nirwana der Unterklassigkeit. Ich blieb all die Jahre bei den Herthanern. Lange vor meiner ersten Liebe wusste ich also, was Herzschmerz ist. Wer der alten Dame in den Achtzigern und Anfang der Neunziger die Treue hielt, lernte Duldsamkeit und besitzt die Fähigkeit, einen 2:1-Heimsieg gegen Wormatia Worms wie den Titelgewinn zu feiern.

Michael Owen beim 5:1-Sieg in der WM-Qualifikation gegen Deutschland: Beim Turnier in Fernost hatte nur die DFB-Auswahl etwas zu lachen
DPA

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So blieb einem Hertha-Fan für die wirklichen Erfolgserlebnisse nur die Nationalmannschaft. Wobei dies zunächst die beiden erdeutschten Vizeweltmeisterschaften von 1982 und 1986 waren. Als die Feinmotoriker um Wolfgang Dremmler, Bernd Förster und Dieter Hoeneß nach der von der "Bild"-Zeitung ausgegebenen Devise "Hauptsache kämpfen!" den deutschen Adler auf der weißen Brust bis ins Finale trugen, reifte wohl schon das berühmte Bonmot Gary Linekers, wonach Fußball ein einfaches Spiel sei, nämlich elf gegen elf, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.

Seit 2001 verfolge ich den englischen Fußball live vor Ort. Als Dozent der University of Surrey (in den Top 100 der altehrwürdigen "Times" auf Platz 34, also gewissermaßen Spitzenreiter des zweiten Drittels) lebe und arbeite ich in Guildford, einer 60.000-Einwohner-Stadt südöstlich von London. Angeblich soll es hier die höchste Dichte von Manchester-United-Fans außerhalb Asiens geben. Angesichts der vielen Arsenal-T-Shirts, die nach dem Double der "Gunners" sogar in mündlichen Examen stolz zur Schau getragen wurden, kann ich das nicht unbedingt bestätigen.

"When saturday comes"

Insgesamt geht also auch westlich des Kanals beim Fußball nicht um Krieg oder Frieden. Die Sache ist viel ernster, und so gleicht die einheimische Berichterstattung vor allem bei Länderspielen der "Tommys" gegen die "Krauts" dem Bulletin der obersten Heeresleitung. Kein Klischee ist der englischen Presse zu platt, um nicht in Blei gegossen und gedruckt zu werden.

Aber Neid und Missgunst muss man sich hart erarbeiten, und die wutschnaubenden Kommentare nach dem diesjährigen WM-Viertelfinale (England gegen Brasilien raus, Deutschland nach einem Rumpelspiel gegen die USA weiter) verfolgte ich in äußerst aufgeräumter Stimmung. Aber nach der WM ist vor dem Beginn der Saison und wie der Kaiser sagen würde: "Schaun mer mal." Auf Englisch: "When Saturday comes."

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