Football@home Treibjagd durch die Sensationspresse

Der Sexskandal um den Premier-League-Club Leicester City war wieder einmal ein gefundenes Fressen für die stets nach Sensationsgeschichten gierende Boulevardpresse Großbritanniens. Doch muss dieser Hunger auch auf ewige Zeiten gestillt werden? Die Kritik an der Aufklärungsarbeit der Yellow Press häuft sich.

Von Adrian Schimpf, Guildford


Leicester-Spieler vergangene Woche beim "Medien"-Empfang vergangene Woche
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Leicester-Spieler vergangene Woche beim "Medien"-Empfang vergangene Woche

Es ist ein ehernes englisches Rechtsprinzip, das Lordrichter Diplock einst in die schönen Worte fasste: "Trial by newspaper is not permitted in this country." - "Ein Gerichtsverfahren durch die Zeitungen ist nicht gestattet." Urteile sind eben nicht Sache der Journalisten, sondern Sache der Richter. Und auch in England gilt: Solange nicht die Schuld des Straftäters "beyond reasonable doubt" erwiesen ist, solange gilt der Verdächtige als unschuldig.

Von all diesen hochtrabenden juristischen Erwägungen halten die Chefredakteure der englischen Boulevardzeitungen derzeit nicht viel, jedenfalls nicht dann, wenn sie über Paul Dickov, Frank Sinclair und Keith Gillespie berichten, jene Fußballprofis vom Premier-League-Club Leicester, die unter dem Verdacht stehen, in Spanien drei Frauen sexuell belästigt zu haben.

Balkendicke Überschriften wie "Schande!", "12 Jahre Haft drohen!" oder "Dickov: Ich bring dich um!" lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Die Spieler haben es getan. Dabei sollten die Zeitungen gewarnt sein.

Negativ-Beispiel Jody Morris

Erst im September 2003 hatten Mirror, Sun & Co. eine Treibjagd auf den Leeds-United-Spieler Jody Morris begonnen, der wegen angeblicher Vergewaltigung festgenommen worden war. Für die Sensationspresse stand das Urteil bereits fest: schuldig. Tatsächlich aber erhärtete sich der Verdacht nicht, das Verfahren wurde eingestellt. Morris war trotzdem bestraft. Die Medientreibjagd hatte ihn so zermürbt, dass er nie wieder zu seiner Form zurückfand und seinen Vertrag mit Leeds United schließlich auflöste.

Kein Wunder also, dass Arsenals französischer Meistertrainer Arsene Wenger für die Methoden der britischen Boulevardblätter wenig übrig hat: "Kontinentale Zeitungen machen da nicht so ein Fass auf. Ich weiß von Dingen, die während der letzten Weltmeisterschaft passiert sind, und die nicht gedruckt wurden - aber in England, whoosh, da steht es am nächsten Morgen drin."

Kein Zweifel, auch Herr Wenger lehnt sich ziemlich weit aus dem Fenster. Sollen die englischen Zeitungen gefälligst still halten und kein Wort darüber verlieren, wenn Profifußballer wegen sexueller Nötigung in Untersuchungshaft genommen werden?

Bärendienst von Leicester City

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Einigkeit besteht jedenfalls darin, dass die Spieler von Leicester City dem Ansehen des Sports in jedem Fall einen Bärendienst erwiesen haben. Denn fest steht: Mindestens neun Leicester-City-Spieler schütteten sich im Trainingslager mit Alkohol zu. Wenigstens drei Spieler, alle davon verheiratet oder in festen Händen, hatten Sex mit Frauen, die sie erst wenige Stunden zuvor in einer Bar kennen gelernt hatten. Sollen solche Spieler Vorbilder für die E-Jugend sein? Oder erfolgreiche Werbe- und Sympathieträger für die Sponsoren der Premiership?

Die öffentliche Vorverurteilung erleichtert, dass sich jedenfalls Frank Sinclair in der Vergangenheit nicht gerade einen Ruf als Engel erarbeitet hat. 1992 musste er eine neunmonatige Sperre absitzen, weil er einen Schiedsrichter absichtlich mit seinem Schädel rammte. Vier Jahre später saß er sogar vorübergehend in einer Gefängniszelle ein, nachdem er im Verlaufe einer Straßenschlägerei festgenommen worden war. Und im November letzten Jahres soll er seine heimliche Geliebte sitzen gelassen haben, nachdem er sie geschwängert hatte.

Solche Spieler muss man eigentlich vor sich selbst schützen. Arsenal-Trainer Wenger fährt deshalb in seinem Verein einen strikt antialkoholischen Kurs nach der Devise: Wer nicht trinkt, schlägt auch nicht über die Stränge. "Wenn wir als Gruppe zusammen sind, trinken wir keinen Alkohol. Selbst wenn wir mit dem Mannschaftsbus von einem Auswärtsspiel zurückfahren, sind alkoholische Getränke absolut tabu. Was würde denn passieren, wenn einer meiner Jungs auf der Busfahrt zwei, drei Flaschen Bier trinkt, dann in sein Auto steigt und einen Unfall hat. Ich glaube, dann wären wir alle mitschuldig", so Wenger. Kein Wunder also, dass die Spieler-Bar im Highbury-Stadion ausschließlich Softdrinks offeriert.

Wengers scharfer Blick

Die Arsenal-Spieler halten sich an das umfassende und konsequente Verbot, auch weil Wenger kein Atemalkohol-Analysegerät oder sonstigen Firlefanz braucht, um Verstöße gegen das Trinkverbot festzustellen. "Ich bin in einer Kneipe groß geworden - und deshalb kann ich es den Leuten an der Nasenspitze ansehen, wenn sie ins Glas geschaut haben."

Leicester-City-Trainer Micky Adams scheint von seinen Untergebenen weniger Respekt zu bekommen. "Ich habe unzählige Male mit meinen Männern gesprochen und ihnen gepredigt, wie wichtig es ist, sich auf und außerhalb des Spielfeldes anständig zu benehmen. Noch am Morgen des Tages, als die ganze Geschichte passierte, habe ich ihnen klar gemacht, was ich von ihnen erwarte."

Daran gehalten hat sich keiner. Vielleicht haben die Spieler ihrem Trainer einfach nicht zuhören wollen. Vielleicht aber waren sie dazu auch schlicht nicht in der Lage. Zyniker ulkten schon, dass der eine oder andere Spieler vielleicht noch von der vorherigen Nacht so sternhagelvoll war, dass er Adams' Anweisungen schlicht nicht verstehen konnte. Aber solche Spekulationen sind natürlich einzig und allein Sache der Yellow Press.



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