Football@home Verschimmelte Äpfel aus Leeds

Keine drei Jahre ist es her, dass Leeds United bis ins Halbfinale der Champions League stürmte. Doch mit Real Madrid, Bayern München oder Valencia werden sich die Nordengländer auf absehbare Zeit nicht mehr messen können. Nach dem Abstieg aus der Premier League muss Leeds durch die Provinz touren.

Von Adrian Schimpf, Guildford


Den Abstieg vor Augen: Leeds-Spieler Harte, Robinson und Matteo (v.l.n.r.) nach dem 1:4 in Bolton
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Den Abstieg vor Augen: Leeds-Spieler Harte, Robinson und Matteo (v.l.n.r.) nach dem 1:4 in Bolton

Ende. Schluss. Aus. Leeds United ist abgestiegen.

Rein theoretisch kann sich der Verein noch retten, aber nur, wenn er die nächsten beiden Spiele jeweils mit 18:0 gewinnt und Manchester City jeweils mit 0:1 verliert. Obwohl sich in Leeds Fans wie Offizielle während dieser Saison an viele Strohhalme geklammert haben - daran glaubt auch der kühnste Wundergläubige nicht mehr.

Absturz ist der treffende Ausdruck für die Entwicklung an der Elland Road in den vergangenen drei Jahren. 2001 stand Leeds im Halbfinale der Champions League, der Club sah sich dauerhaft auf Augenhöhe mit Real Madrid, AC Mailand, Bayern München oder Manchester United. Von diesem August an spielen sie gegen Gillingham, Crewe oder Millwall. Wenn sie überhaupt noch spielen.

Wer sind die Schurken?

Wie ein aufsässiger Teenager: Leeds-Sturmtank Viduka
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Wie ein aufsässiger Teenager: Leeds-Sturmtank Viduka

Leeds United ist finanziell so klamm, dass es keinen wundern würde, wenn das Geld noch nicht einmal reichen würde, um dem Insolvenzverwalter das Taxi zum Vereinsgelände zu bezahlen. Eine Tragödie ersten Ranges hat ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Doch wer ist schuld? Wer sind die Schurken?

Den geballten Zorn seiner Kameraden und der Anhänger zog sich am vergangenen Spieltag Leeds' Stürmer Mark Viduka zu. Gegen die Bolton Wanderers gab er sich erst aufreizend distanziert und bestenfalls halbherzig bemüht. So, wie sich ein aufsässiger Teenager benimmt, der den Sportlehrer ärgern will. Vor allem Ex-Trainer Peter Reid kann ganze Liedersammlungen vom renitent-pubertären Gehabe des schwer erziehbaren Australiers Viduka singen. Viduka ließ nichts unversucht, um die Autorität des Coaches zu untergraben, der Leeds in der letzten Saison immerhin noch vor dem Abstieg gerettet hatte.

Verachtung für Reid

Viduka kam zu spät zu Mannschaftsbesprechungen, ignorierte Anweisungen und tat auch sonst nichts, um seine Verachtung für Reid zu verbergen. Der "Daily Telegraph" sieht in Mark Viduka sogar den Hauptgrund für den sportlichen Niedergang: "Es braucht nur einen faulen Apfel um den ganzen Korb zu verderben. Und Viduka ist zweifellos ein ziemlich schimmliger Granny Smith."

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Aber es wäre zu einfach, Viduka die Alleinschuld zu geben. Zumindest ist er nicht für das finanzielle Desaster verantwortlich. Da hält man sich besser an an Ex-Manager Peter Ridsdale und Ex-Trainer David O'Leary, die gemeinsam mit geborgtem Geld Unsummen ausgaben, um eine Spitzenmannschaft zusammen zu kaufen und diese dauerhaft in der europäischen Spitze zu etablieren. Es war ein Pokerspiel mit hohem Einsatz, das nur zu gewinnen gewesen wäre, wenn die Fernsehgelder der Champions League gesprudelt hätten.

Als in der Saison 2001/2002 die Qualifikation für die europäische "Königsklasse" mit Platz fünf jedoch verpasst wurde, war das Pokerspiel verloren. Hätte O'Leary damals nur einen Rang mehr geschafft, hätte alles ganz anders ausgehen können, hätte der Abstieg im Jahre 2004 vermieden werden können. Hätte, könnte, wäre - das ändert nichts und kann das russische Finanzroulette, dass Ridsdale und O'Leary spielten auch nicht rechtfertigen.

O'Leary wieder dick im Geschäft

Die beiden jedoch ficht das nicht sonderlich an. Während Ridsdale inzwischen als Manager des Drittligisten Barnsley eher kleine Brötchen backt, ist O'Leary als Coach von Aston Villa wieder dick im Geschäft und hat immerhin bewiesen, dass er auch ohne großes Geld für Erfolge sorgen kann. Villa, der Tabellensechzehnte der abgelaufenen Spielzeit, liegt derzeit auf Platz fünf, so gut wie seit 1997 nicht mehr.

Während O'Learys neuer Club also von Europa träumen darf, ist die Realität für Leeds United schlimmer als jeder Albtraum. Als die Nordengländer im Jahre 1982 das letzte Mal aus dem Oberhaus abstiegen, dauerte es acht Jahre, bis Leeds wieder der Aufstieg glückte. Jetzt könnte es noch schlimmer kommen, denn mit der Insolvenz droht diesmal sogar das endgültige Aus.

Damit wenigstens das nicht geschieht, wird jetzt alles zu Geld gemacht, was sich zu Geld machen lässt. Auch die letzten guten Spieler werden Leeds United verlassen. Während Viduka keine Träne nachgeweint wird, wird man Alan Smith schmerzlich vermissen. Hätten auf dem Platz elf Männer von seinem Schlage gestanden, Leeds United wäre noch ganz oben dabei. 223 Spiele hat der Stürmer für seinen Verein gespielt und jedes Mal alles gegeben. Leeds ist die Heimatstadt von Smith, United sein Fußballverein von klein auf. Für Smith war es eine Ehre, das blütenweiße Trikot tragen zu dürfen. Wohin er gehen wird, weiß er noch nicht. Aber dass er geht, ist sicher.

Treue Fans allein reichen nicht

Die einzigen, die nicht verschwinden werden, sind die Anhänger. "Wir gehen jetzt auf Nationwide Tour!" sangen die Fans mit Galgenhumor. Die englischen Profiligen zwei bis vier werden von der gleichnamigen Bank gesponsert, und so manchem, der da mitsang, mag insgeheim geschwant haben, dass eine "Nationwide Tour" nicht nur die zweite, sondern auch die vierte Liga meinen kann. Die Gefahr, dass Leeds United ganz bis nach unten durchgereicht wird, ist real. Treue Fans allein reichen nicht, und so ganz ohne Geld, ohne gute Spieler, erfahrene Trainer und solides Management könnte im nächsten Jahr bereits der nächste Abstieg drohen.

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