Football@home "Willst Du mit mir gehen, Chelsea?"

In England ist das Trainerkarussell mal wieder kräftig in Schwung geraten. Ausgangspunkt ist der Schwede Sven-Goran Eriksson, um den sich jeder zahlungskräftige Spitzenclub in Europa reißt. Doch nun ist der Nationalcoach vom englischen Verband wie ein beim Seitensprung erwischter Liebhaber an die kurze Leine genommen worden.

Von Adrian Schimpf, Guildford


Non scholae sed vitae discimus. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Das haben mir jedenfalls meine verzweifelnden Lateinlehrer mit meist strengem Blick bei der Rückgabe von hoffnungslos verhunzten Caesar-Übersetzungen versichert. Und Recht hatten sie.

Die aktuelle Trainerdiskussion in England kann nur verstehen, wer in der Schule aufgepasst hat wie ein Fuchs. Allerdings nicht in den Lateinstunden. Sondern auf dem Schulhof. Wer schon früher kein Problem damit hatte, ohne Anstrengung zu verstehen, dass Jenny zwar noch mit Max geht, aber bereits ein Auge auf Benjamin geworfen hat, der wiederum noch mit Marlene zusammen ist, die er aber an sich gar nicht mag, aber mit ihr Charlotte eifersüchtig machen will - wer also all das schon früher binnen Sekunden durchschaute, der hat auch jetzt keine Mühe, den aktuellen Trainerringelreihen in England zu analysieren.

Sex-Appeal eines Ministerialbeamten

Wie früher, hängt mal wieder alles von der Gunst des Mädchenschwarms ab. Die anderen müssen nehmen, was übrig bleibt. Diese Schlüsselfigur nimmt derzeit der aktuelle englische Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson ein. Und wie damals versteht niemand so recht, was denn alle Mädchen - sprich Vereine - denn so aufregend finden an Sven-Göran.

ZUR PERSON
Adrian Schimpf ist Rechtsanwalt und unterrichtet an der University of Surrey in Guildford/England als Hochschullektor des DAAD deutsches Recht. Zuvor war der 34-Jährige für die "Hamburger Morgenpost", die "Sächsische Zeitung" und die "Financial Times Deutschland" tätig. In seiner wöchentlichen Kolumne "Football@home" widmet sich der gebürtige Berliner dem Fußballgeschehen auf der Insel.
Ausgerechnet die beiden für Normalsterbliche unerreichbaren Klassenschönheiten - sprich Real Madrid und Chelsea London - umschwärmten zuletzt den kühlen Schweden, der den drögen Sex-Appeal eines Ministerialbeamten für höhere Verwaltungsaufgaben ausstrahlt. Sven-Göran geht zwar aktuell mit Team England, aber die Liebe scheint ein wenig erkaltet und hindert ihn daher nicht, unter der Bank schon einmal kleine "Willst-Du-mit-mit-gehen-kreuze-an-ja-nein-vielleicht"-Zettelchen mit der hübschen Chelsea auszutauschen. Offiziell wird natürlich alles bestritten, aber wie gesagt: Wer früher schon wusste, wie es lief, der glaubt auch jetzt den Dementis kein Wort, sondern beschäftigt sich schon mit den Folgen.

Nehmen wir einmal an, Sven-Göran geht zu Chelsea. Dann braucht die verwaiste Nationalelf einen Neuen. Das könnte dann - dem gut informierten Pausenhoftratsch zufolge - Gerard Houllier werden. Der ist zwar momentan noch mit dem FC Liverpool zusammen, aber die beiden haben sich auseinander gelebt. Houllier hat es bis heute nicht geschafft, den Club aus der Beatles-Stadt auf Augenhöhe mit Manchester United und Arsenal zu bringen. Dafür aber kennt er den englischen Fußball wie seine Westentasche und erfüllt damit ein Hauptkriterium des Fußballverbandes: Die wollen nämlich - wenn Sven untreu werden sollte - einen Experten, der nicht erst mühsam die Namen der aktuellen Nationalspieler auswendig lernen muss.

Geflüsterte Spekulationen

Wenn Houllier auf den englischen Cheftrainersessel wechselt, muss der in Liverpool neu besetzt werden. Im Angebot wären Claudio Ranieri (noch Chelsea), Martin O'Neill (noch Celtic), Carlos Queiroz (noch Real Madrid), Ottmar Hitzfeld (noch Bayern München), Fabrio Capello (noch Roma) oder auch Giovanni Trapattoni (noch Italien).

Es wird eine heitere "Reise nach Jerusalem" werden im Sommer, und die in der Lateinstunde geflüsterten Spekulationen werden angeheizt durch ein paar Unbekannte: Macht Ferguson trotz der desaströsen Saison in Manchester weiter? Wenn die Lage dort eskalieren sollte, ist O'Neill (noch Celtic) einer der ganz heißen Kandidaten. Und wer wird der Neue von Tottenham? Die Spurs haben nämlich noch immer keinen langfristigen Nachfolger für den verstoßenen Glenn Hoddle engagiert, und es wird spekuliert, dass es erste Annäherungsversuche mit Claudio Ranieri (noch Chelsea) gegeben haben soll, der ja seinen derzeitigen Job an Eriksson verlieren könnte. Womit wir wieder am Anfang des heiteren merry-go-round wären.

Englands Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson: Beim Flirten erwischt
AFP

Englands Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson: Beim Flirten erwischt

Was aber, wenn Eriksson sich gar nicht für die Londoner, sondern für Real Madrid entscheidet? Angeblich soll deren Präsident Florentino Perez ernsthaft an seiner Verpflichtung interessiert sein. Der Kapitän der englischen Nationalmannschaft, David Beckham, der zu Beginn dieser Saison in die spanische Hauptstadt gewechselt war, würde einen solchen Wechsel jedenfalls begrüßen. Beckham und Eriksson können gut miteinander. In diesem Fall könnte Houllier (noch FC Liverpool) Eriksson nach wie vor als englischer Nationalcoach beerben, aber Chelsea hätte einen Korb bekommen und wäre auf der Suche nach einem anderen, denn niemand zweifelt mehr ernsthaft daran, dass Noch-Coach Claudio Ranieri am ersten Spieltag der Saison 2004/2005 nicht mehr im Kommandostand an der Stamford Bridge sitzt.

"Schroflinten-Hochzeit von Sneaky Sven"

All diese Namen, alle diese wunderschönen Wer-mit-wem-Möglichkeiten, und alles hängt mit allem zusammen. Ich träumte vor mich hin, wie damals im Lateinunterricht. Ablativus absolutus und das participium conjunctum. Alles schön und gut, aber das wichtigste hätte ich dadurch beinahe verpasst.

So mussten mich Anfang der Woche meine Studenten darauf hinweisen, dass Eriksson sich am Wochenende entschieden hat, mit wem er die nächsten Jahre gehen wird. Nachdem er vom "Daily Mirror" beim Flirten mit Chelsea erwischt worden war (Fotobeweis und die Schlagzeile "Sneaky Sven"), bestellte ihn der englischen Verband zum Rapport und setzte dem begehrten Schweden erst einmal die Pistole auf die Brust: keine Seitensprünge mehr, sonst wird Schluss gemacht. Der Mädchenschwarm auf dem Schulhof war von diesen Worten offensichtlich schwer beeindruckt, denn Eriksson entschied sich, bis 2006 (optional bis 2008) englischer Nationalcoach zu bleiben.

"Schrotflinten-Hochzeit" beschrieb die "Sun" dieses Manöver, das sich auch für den Einkassierten lohnen wird: Statt bisher 1,5 Millionen Küssen pro Schuljahr gibt es künftig 3,5 Millionen.



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