Steueroase British Virgin Islands Ronaldos Rutsche

30.000 Einwohner, 600.000 Briefkastenfirmen - die British Virgin Islands sind eine perfekte Steueroase. Hier sitzen auch drei Offshore-Firmen, mit denen Cristiano Ronaldo millionenschwere Geschäfte machte.
Steueroase British Virgin Islands: Ronaldos Rutsche

Steueroase British Virgin Islands: Ronaldos Rutsche

Foto: DER SPIEGEL

Das Gebäude, über das 150 Millionen Euro aus Cristiano Ronaldos Vermögen geflossen sind, darf man getrost als Klitsche bezeichnen. Unten: eine Apotheke, in der sich gerade eine ältere Frau ein Medikament gegen ihren Hexenschuss abholt. Davor picken Hühner. Dutzende Hühner. Sie rennen manchmal wahllos auf die Hauptstraße, einige springen auch auf die Außentreppe, die hoch in den ersten Stock führt. Dort, wo eines der größten Geheimnisse des Weltfußballs liegt.

Die Anwaltskanzlei Icaza, Gonzalez Ruiz & Aleman hat auf dieser Etage ihre Büros. Von außen kann man nicht hineinschauen, alle Rollläden und Jalousien sind geschlossen. Geheimhaltung, Verschwiegenheit, Intransparenz - das gehört zum Geschäftsmodell der Kanzlei. Hier sind Firmen für große Fußballstars gemeldet.

Willkommen in einem der größten Steuerparadiese der Welt. Willkommen auf den British Virgin Islands (BVI).

Darum geht es bei Football Leaks

Die Enthüllungsplattform Football Leaks sammelt vertrauliche Daten und E-Mails zu den Geldflüssen im Fußball. So deckt sie illegale Zahlungen an Spielerberater und Investoren ebenso auf wie die Versuche, Millionen an der Steuer vorbeizuschmuggeln dank Offshore-Geschäften. Football Leaks schweigt zu seinen Quellen, hat die Dokumente allerdings dem SPIEGEL und anderen Medien im Verbund der European Investigative Collaboration zur Verfügung gestellt. Mit einem Umfang von 1,9 Terabyte handelt es sich um den bisher größten Datensatz im Sport.

Die BVI bestehen aus 60 Einzelinseln, die rund 100 Kilometer von Puerto Rico entfernt liegen. Eine Oase mitten in der Karibik, viel Sonne, wunderschöne, einsame Strände, knapp 30.000 Menschen leben hier. Das ist die schöne Seite. Die dunkle Seite lässt sich auf eine einzige Zahl reduzieren: 600.000. So viele Briefkastenfirmen sind hier gemeldet. Es ist ein schmutziges Multimilliarden-Geschäft, das sich oft gegen gesellschaftliche, soziale Werte richtet: Viele Offshore-Konstruktionen werden genutzt, um Steuern zu sparen und Steuerbeamte ins Leere laufen zu lassen.

Das Leben für Steuersünder ist in den vergangenen Jahren immer komplizierter, schwieriger geworden. Das Bankgeheimnis ist nach vielen Jahren der großen Skandale durchlöchert, und seit die Finanzkrise die Staatshaushalte getroffen hat, verschärfen viele Länder die Jagd auf die versteckten Millionen. Der Zoll erhöht Grenzkontrollen, Finanzämter kaufen Steuerdaten von Whistleblowern und beantragen täglich Hunderte Kontoabrufe. Zuletzt wurden auch viele Doppelbesteuerungsabkommen geschlossen und der Druck auf Länder, die nicht kooperieren, steigt.

Es wird immer mehr Kreativität, manchmal auch kriminelle Energie, verlangt, um sein Geld sicher vor den Steuerbehörden zu verstecken.

Road Town, Tortola: Hinter den Lamellen-Jalousien im ersten Stock ist der Firmensitz von Arnel, Adifore und Tollin

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Foto: DER SPIEGEL

Und da kommen die BVI ins Spiel.

Wer den Waterfront Drive, die wichtigste Straße der Hauptstadt Road Town, entlangläuft, sieht sehr schnell, dass Geld sich auf dieser Insel wohlfühlt. Die kleinen Häuser reihen sich eng aneinander und folgen oft dem gleichen Muster: Im Erdgeschoss liegt ein Sportgeschäft, ein Schmuckladen oder eben eine Apotheke.

In den ersten Stock, wo fast durchweg Banken, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Anwalts- und Treuhandkanzleien sitzen, schaffen es dagegen selbst die vielen Moskitos nur mit größter Mühe. Die Fenster sind fast immer verschlossen, viele der Anwaltskanzleien haben Kameras über dem Eingang installiert, die Türen lassen sich oft nur mit Chipkarten öffnen. Dass Briefkastenfirmen draußen fast keine Briefkästen haben, überrascht nur im ersten Moment. Schnell wird klar: Briefe und alle anderen Dokumente werden hier nur von Hand zu Hand übergeben. Mehrfach am Tag fahren Boten in schweren SUVs vor, steigen mit dicken Aktentaschen aus den Autos, betreten die Kanzleien und kommen Minuten später wieder heraus. Viele von ihnen sind Asiaten.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks

Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Stephan Heffner, Christoph Henrichs, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger

Die BVI, auf denen rund 50 Milliarden Dollar verwaltet werden, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten aus vielen Gründen zu einem so begehrten Steuerparadies entwickelt:

  • Auf der Inselgruppe wird mit Dollar gezahlt, was für internationale Geschäfte sehr hilfreich ist;
  • die BVI sind britisches Überseegebiet, die Gesetze sind oft identisch mit den englischen;
  • hier gibt es seit langer Zeit politische Stabilität, die wichtig ist für die Sicherheit des versteckten Geldes;
  • die BVI pflegen ein streng vertrauliches Aktienregister, zu dem europäische Steuerfahnder kaum Zugang finden;
  • eine Gesellschaft gründet man auf den BVI in drei bis fünf Tagen, und unfassbar günstig ist es auch noch: Bei 75 Euro geht's los.
  • Der größte Clou ist aber: Auf Erträge aus dem Ausland zahlen die Briefkastenfirmen keine Steuern.

Liz B. weiß, wie so etwas läuft. An einem Morgen im November, kurz vor neun Uhr, steigt sie aus ihrem Geländewagen. Die junge Anwältin sieht verschlafen aus, ihr Gang ist langsam. B. ist eine Offshore-Expertin, sie arbeitet für die Kanzlei, die Ronaldos Geldrutsche aufsetzte. Drei Firmen, mit denen der Europameister Verträge abschloss, wurden bei der Kanzlei von B. geführt. Die Anwältin selbst möchte sich dazu nicht äußern, auf Nachfrage hebt sie abwehrend ihre Hand und huscht durch die Eingangstür.

Gestifute, die Firma von Ronaldos Spielerberater, lässt mitteilen, dass der Portugiese jederzeit seine Verpflichtungen gegenüber den Steuerbehörden voll erfüllt habe. Zudem sei er nie in rechtliche Auseinandersetzungen um ein Steuervergehen verwickelt gewesen. Immer, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten mit Steuerbehörden gekommen sei, seien diese ohne rechtliche Verfahren ausgeräumt worden.

Die Frage bleibt: Was wussten die Steuerbehörden von seinen Offshore-Vehikeln? Im Datensatz von Football Leaks finden sich mehrere E-Mails von Ronaldos Anwälten. Aus diesen geht hervor, dass sie eine Sache am meisten fürchten: dass Nachfragen zu "Tollin" kommen könnten.

So heißt eine der drei Firmen Ronaldos auf den British Virgin Islands.