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26. Februar 2019, 06:00 Uhr

Football Leaks

Ein ganz neutraler Vater?

Von , Nicola Naber und

Ein möglicher Interessenkonflikt beeinträchtigt die Eurojust-Ermittlungen im Fall der Football Leaks und wirft die Frage auf: Kann Portugal dem Whistleblower hinter den Daten wirklich ein faires Verfahren ermöglichen?

Antonio Cluny war die unscheinbarste Figur auf dem Podium. Graue Haare, sanfter Blick, weiche Gesichtszüge. Der Jurist setzte sich ganz links hinter das Pult, neben ihm nahmen fünf weitere Kollegen Platz. Die Pressekonferenz, auf der Cluny sprechen sollte und die nun für einige Aufregung sorgt, fand vergangene Woche in Den Haag statt. Eurojust, die staatsanwaltschaftliche Koordinierungsstelle für europäische Ermittlungsverfahren, hatte zu dieser Gesprächsrunde eingeladen, um über den Verfahrensstand rund um das größte Datenleck der Geschichte zu informieren: die Football Leaks

Zehn europäische Staaten haben ihr Interesse an dem gigantischen Datensatz bekundet. Unter der Leitung der französischen Behörden sollte nun während eines Arbeitstreffens in Den Haag entschieden werden, wer und wie in Zukunft mit den vielen Millionen Dateien aus dem Innersten der Fußballbranche arbeiten dürfe. Die Ermittler erhoffen sich von diesen Daten Belege für schwere Steuerhinterziehung, gemeinschaftlichen Betrug, Untreue, Korruption und Geldwäsche.

Cluny saß auf dem Podium als Eurojust-Vertreter Portugals, das ist sein offizieller Titel. Dass er im Zuge dieses Verfahrens einen persönlichen Interessenkonflikt nicht offenlegte, sorgt nun für massive Verärgerung bei seinen Kollegen. Und es bestätigt die Befürchtungen des Whistleblowers, um dessen Dokumentenschatz es geht. Denn Cluny steht unter dem Verdacht, befangen zu sein.

Aber der Reihe nach.

Die Football Leaks sind ein Datenkonvolut, das die schmutzigen Geschäfte des Profifußballs ausleuchtet. Die Unterlagen bieten Einblicke in das Innenleben zahlreicher Firmen, deren Einnahmen auf verschlungenen Wegen in Offshore-Staaten landen. Den Finanzbehörden in Europa wurden die verschachtelten Unternehmensgeflechte zumeist verschwiegen, doch in den Unterlagen liegt alles offen: Gründungsurkunden, Eigentümerstrukturen, Zahlungsflüsse, Überweisungsbelege, Kontonummern.

Bereits seit Anfang 2016 übergab eine Quelle, die sich John nannte, dem SPIEGEL die Daten. Das Nachrichtenmagazin teilte die über 70 Millionen Dokumente mit dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC). So entstanden auf der Grundlage der Football Leaks in den vergangenen drei Jahren über 800 Enthüllungsartikel. Die Veröffentlichungen führten zu zahlreichen Ermittlungsverfahren und Prozessen. Unter anderem wurden Cristiano Ronaldo und José Mourinho wegen schwerer Steuerhinterziehung zu Bewährungs- und hohen Geldstrafen verurteilt.

Doch auch der Whistleblower hinter den Football Leaks bekam Probleme mit der Justiz. Er wurde Mitte Januar verhaftet. Seitdem hat er sein Pseudonym John abgelegt und der Öffentlichkeit seinen echten Namen verraten: Rui Pinto. Der 30-jährige Portugiese steht nun in Budapest unter Hausarrest. Die portugiesischen Ermittler haben einen Haftbefehl wegen des Verdachts der versuchten Erpressung und der Cyberkriminalität gegen ihn vollstrecken lassen. Sie wollen, dass Pinto nach Portugal ausgeliefert wird. Pinto bestreitet die Vorwürfe und wehrt sich gegen seine Abschiebung.

Antonio Cluny, der unscheinbare Mann bei der Pressekonferenz in Den Haag, der früher stellvertretender Generalstaatsanwalt in Portugal war und der seit 2014 die Interessen seines Heimatlandes bei Eurojust vertritt, trug nun vor, dass Portugal an der Auswertung dieser Daten interessiert sei. Er betonte allerdings auch, dass das Land weiterhin auf der Auslieferung Pintos bestehe.

Die europäischen Kollegen bei Eurojust sind darüber verstimmt. Denn Pinto kooperiert bereits seit einigen Monaten mit französischen Finanzermittlern der Behörde Parquet National Financier und hat ihnen bislang etwa zwölf Millionen Dateien ausgehändigt. Das ist allerdings nur etwa ein Zehntel seines gesamten Materials. Pinto sollte in diesem Jahr in Frankreich eigentlich in ein speziell für "besonders gefährdete Informanten" ausgelegtes Zeugenschutzprogramm eingegliedert werden. Dort wollte er den Ermittlern die restlichen Daten aushändigen. Die Verhaftung in Budapest kam nun dazwischen.

"Die Fußballmafia ist überall"

Bei Pintos Festnahme beschlagnahmten die ungarischen Beamten auch Computer, Mobiltelefone und Festplatten in seiner Wohnung. Die Geräte sind offenbar verschlüsselt und mit Passwörtern gesichert. Es ist fraglich, ob und in welcher Zeit die Ermittler ohne Pinto an die Dateien gelangen können. Der Whistleblower bietet ihnen weiterhin seine Mitarbeit an. Allerdings beharrt er darauf, im Falle einer Zusammenarbeit nicht nach Portugal ausgeliefert zu werden. In Den Haag war zudem zu hören, dass manche der Staatsanwälte die Sorge umtreibt, große Teile der Daten könnten in Portugal vernichtet werden. Denn der europäische Haftbefehl gegen Pinto beschäftigt sich lediglich mit Vorwürfen aus dem Herbst 2015. Die portugiesischen Ermittler dürften offenbar alle darüber hinaus reichenden Daten weder auswerten noch zur Strafverfolgung nutzen.

Rui Pinto, der Mann hinter den Football Leaks, formulierte seine Sorgen vor einigen Wochen in einem Interview mit dem EIC sehr klar: "Ich bin ziemlich sicher, dass ich kein faires Verfahren in Portugal bekommen werde. Die Justiz in Portugal ist nicht vollständig unabhängig, man stößt auf eine Menge versteckter Interessen. Natürlich gibt es Staatsanwälte und Richter, die ihren Job ernst nehmen. Aber diese Fußballmafia ist überall, und ihre Botschaft lautet, niemand soll sich mit ihr anlegen."

Pinto sagte diese Sätze mehrere Wochen, bevor Antonio Cluny das Podium in Den Haag betrat. Und tatsächlich: Cluny teilte entscheidende Informationen nicht mit, die seine Unabhängigkeit nun in Zweifel ziehen.

Was Cluny weder öffentlich noch gegenüber seinen Kollegen von Eurojust erklärte: Er ist der Vater von João Lima Cluny, einem Top-Anwalt der portugiesischen Großkanzlei Morais Leitão. Der Kanzlei, die Cristiano Ronaldo, José Mourinho und viele weitere Fußballer vertritt, die durch die Veröffentlichung der Football-Leaks-Dokumente Ärger mit der Justiz bekamen. Ronaldo nennt in seinen privaten Nachrichten einen der Partner der Kanzlei, Carlos Osório de Castro, liebevoll "Vater". Osório de Castro ist seit Ronaldos Karrierebeginn sein Wegbegleiter in juristischen Fragen, auch bei den Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Fußballstar koordinierte der Anwalt aus Porto die juristische Verteidigung. Die US-Ermittler haben dieses Verfahren nach Veröffentlichungen des SPIEGEL im vergangenen Jahr nochmal eröffnet. Auch sie nahmen vorigen Dienstag am Eurojust-Meeting in Den Haag teil, weil sie sich weitere Dokumente zu den Vorwürfen erhoffen. Dokumente, die auch die Kanzlei Morais Leitão direkt betreffen könnten. So gibt es einen Fragebogen, in dem die Anwälte offenbar Ronaldo zur mutmaßlichen Tatnacht befragen. Dieser Fragebogen könnte Ronaldo schwer belasten. In diesem Fragebogen wird Ronaldo damit zitiert, dass das mutmaßliche Opfer Kathryn Mayorga "mehrfach Nein und Stop" gesagt habe. Ein Anwalt aus Ronaldos Team bezeichnete den Fragebogen als gefälscht, Ronaldo bestreitet den Vorwurf der Vergewaltigung.

Die Clunys lassen viele Fragen unbeantwortet

Die Frage der Befangenheit Antonio Clunys ist nun eine Zerreißprobe für Eurojust. Auf der einen Seite stehen Ermittler mehrerer europäischer Staaten, die mit Pinto und seinen Daten arbeiten wollen, um weitere Straftaten aufzudecken. Auf der anderen Seite steht Portugal, das Pintos umgehende Auslieferung fordert - und dessen oberster Eurojust-Vertreter familiär eng verbandelt ist mit einer Kanzlei, deren Klienten in zahlreichen der Football-Leaks-Enthüllungen auftauchen.

Antonio Clunys Sohn - das zeigen die Football-Leaks-Dokumente sehr deutlich - arbeitete mehrfach auch für einige der Spieler von Jorge Mendes, dem Berater Cristiano Ronaldos. Auch gegen Mendes wurden auf Basis der Football-Leaks-Berichte Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung eingeleitet. Zudem ist der Football-Leaks-Whistleblower Rui Pinto kein Unbekannter für João Lima Cluny, die beiden standen sich schon einmal in einem Verfahren gegenüber. 2014 vertrat der Anwalt in einem Rechtsstreit mit Pinto eine Bank auf den Cayman Islands, einem Steuerparadies in der Karibik. Pinto hatte eine sechsstellige Euro-Summe von der Bank auf sein privates Konto transferiert, die Bank forderte das Geld zurück. Es kam - warum auch immer - nicht zum Prozess. Stattdessen unterschrieb Pinto eine außergerichtliche Einigung, unterzeichnet auch von João Lima Cluny.

Kann Antonio Cluny, der Vater und Vertreter Portugals bei Eurojust, in solch einer Gemengelage noch neutral agieren? Ist er nicht in einen Interessenkonflikt verstrickt, den er vor Beginn der Eurojust-Verhandlungen zwingend hätte offenlegen müssen?

Nein, findet er selbst. Der EIC-Partner Expresso, eine der einflussreichsten Wochenzeitungen Portugals, erreichte Antonio Cluny am vergangenen Freitag am Telefon. Der Mann sagte, er sei unbefangen, weil er lediglich als Sprecher der portugiesischen Ermittler fungiert habe. Er habe auch nicht an dem Arbeitsmeeting zu den Football Leaks teilgenommen, dort sei ein Stellvertreter gewesen. Viel mehr gäbe es dazu eigentlich auch nicht zu sagen.

Der SPIEGEL fasste im Namen des EIC noch einmal schriftlich bei Vater und Sohn Cluny nach: Laut portugiesischen Medien sollte Antonio Cluny auf Drängen des portugiesischen Generalstaatsanwalts bei Eurojust mithelfen, den europäischen Haftbefehl gegen Rui Pinto durchzusetzen. Ob das so stimme? Und: Ob es einen Informationsaustausch über den Fall Football Leaks zwischen Vater und Sohn gegeben habe? Ob der Sohn den Vater jemals um eine Auskunft rund um die Football Leaks gebeten oder ihn zu bestimmten Handlungen im Zuge dieses Verfahrens aufgefordert habe?

Antonio Cluny antwortete nicht auf die einzelnen Fragen, er übermittelte lediglich ein generelles Statement. Demnach sei er zu keinem Zeitpunkt in die Eurojust-Ermittlungen involviert gewesen. Er habe auch keine Kenntnis darüber gehabt, dass die Kanzlei Morais Leitão oder sein Sohn an den Fällen gearbeitet hätten. Antonio Cluny schreibt weiter, er habe sich nach der Anfrage des SPIEGEL bei den portugiesischen Behörden rückversichert und erfahren, dass weder die Kanzlei noch sein Sohn in irgendeiner Form in diese Fälle involviert gewesen seien.

Interessant.

Immerhin wurde gegen Ronaldos Vertrauensanwalt Carlos Osório de Castro, einen der wichtigsten Partner der Großkanzlei Morais Leitão, in Spanien während Ronaldos Steuer-affäre ermittelt. Osório de Castro wurde sogar als Verdächtiger geführt. Die Frage, inwiefern die Anwälte der Großkanzlei Morais Leitão eigentlich in die Offshore-Steuerkonstruktionen rund um die vielen Spieler des Beraters Jorge Mendes involviert waren, ist bis heute ungeklärt. Bislang wurde kein Prozess gegen einen der Anwälte wegen des Verdachts auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung eröffnet, die Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Auch aus Mangel an Beweisen, wie es mit dem Fall vertraute Personen in Spanien erklären.

Beweise, nach denen die Ermittler nun womöglich in Rui Pintos Dokumenten suchen werden. Die Football-Leaks-Daten offenbaren sehr deutlich die fragwürdige Rolle der Anwälte. So sollen sie Dokumente sogar verändert und rückdatiert haben.

Morais Leitão wies die Frage, dass "irgendeiner der Anwälte" dieser Kanzlei Antonio Clunys "Entscheidungen zu beeinflussen versuchte, als nicht nur vollkommen unbegründet, sondern Verleumdung" zurück. Es gebe auch keinen Interessenkonflikt. João Lima Cluny sei mit keinem der Fälle beauftragt, bei denen Mandanten von Morais Leitão durch Football-Leaks-Enthüllungen Probleme mit der Justiz bekommen haben. Der Rechtsstreit der Bank auf den Cayman Islands, den der Sohn des portugiesischen Eurojust-Vertreters gegen Rui Pinto führte, sei vor Veröffentlichung der Football-Leaks-Daten außergerichtlich geregelt worden. Zudem sei Morais Leitão in keines der Verfahren involviert, die zur Verhaftung Pintos in Budapest geführt hätten.

Die Ermittler, die an dem Eurojust-Meeting teilnahmen, wollten keine öffentliche Bewertung zum Interessenkonflikt ihres Kollegen aus Portugal abgeben. Einige von ihnen ließen aber durchblicken, dass das Verschweigen einer solch engen familiären Beziehung bei einem dermaßen sensiblen Verfahren gleichbedeutend mit einem massiven Vertrauensverlust sei. Zumal jedes möglicherweise durchgestochene Detail aus diesem Verfahren einen Informationsvorsprung für die Gegenseite bedeuten könnte.

Pintos Anwaltsteam reagierte auf die familiäre Beziehung der Clunys mit einem knappen Statement: "Wir finden das sehr beunruhigend. Wir werden alle rechtlichen Auswirkungen sorgfältig prüfen." Pinto, der seit über fünf Wochen in seiner Wohnung in Budapest eine Fußfessel trägt und unter Hausarrest steht, erwartet zeitnah eine Entscheidung über den Auslieferungsantrag der Portugiesen. Auf die Rollen von Vater und Sohn Cluny angesprochen, erklärte er: "Das ist Portugal. Es wird schwer, dort einen fairen Prozess zu bekommen."

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