Football Leaks Gute Freunde im System Infantino

Hat ein Schweizer Oberstaatsanwalt sein Amt für Fifa-Präsident Gianni Infantino missbraucht? Nein, sagt ein Sonderermittler - findet aber zahlreiche neue Hinweise auf Filz rund um den Weltverbandsboss.

Fifa-Boss Gianni Infantino
Carl de Souza AFP

Fifa-Boss Gianni Infantino


Auf den ersten Blick war dieser Freitag ein großartiger Tag für Rinaldo Arnold, Oberstaatsanwalt im Schweizer Wallis. Im November hatten mehrere Medien, darunter der SPIEGEL, über sein verdächtig enges Band zu Fifa-Präsident Gianni Infantino berichtet. Mails aus dem Football-Leaks-Datensatz hatten den Eindruck erweckt, dass Arnold seine Stellung als Ermittler missbraucht haben könnte, um seinem alten Kumpel Infantino einen Kontakt zur Schweizer Bundesanwaltschaft zu besorgen. Die ermittelte damals nämlich gegen andere Fifa-Leute.

Nun hat ein Sonderermittler festgestellt, dass sich Arnold nicht strafbar gemacht habe. Was er getan habe - etwa Infantino zu einem Treffen mit dem Bundesanwalt Michael Lauber begleitet - sei ein reiner Freundschaftsdienst gewesen. Nichts, was nicht auch ein Staatsanwalt in der Schweiz aus alter Freundschaft tun dürfe.

Alles in Ordnung also, Akte geschlossen? Die Einstellungsverfügung, die dem SPIEGEL vorliegt, erzählt eine andere Geschichte: Sie liefert reihenweise neue Hinweise auf das System Infantino, jene allgegenwärtige Verfilzung, die Kritiker ihm seit seiner Wahl zum Präsidenten im Februar 2016 vorwerfen.

Geschenke in "sozial unüblicher" Form

Und auch für Arnold ist nicht alles gut: Der Sonderermittler Damian Graf aus der Staatsanwaltschaft Nidwalden hat Ende März Strafanzeige gegen Arnold erstattet - nicht etwa wegen Amtsmissbrauchs oder Bestechlichkeit, sondern wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung.

Arnold soll von den Verbänden, an deren Spitze Infantino stand - früher der europäische Verband Uefa, heute die Fifa - Geschenke in einer Größenordnung angenommen haben, dass sie der Sonderermittler als "sozial unüblich" auch unter Freunden einschätzt. Es geht um Fußballtickets und Hotelübernachtungen im Wert von mehreren tausend Schweizer Franken, die Infantino seinem Freund beschaffte, ohne dass dieser dafür offenbar etwas zahlte.

Zwar habe Arnold dafür im Gegenzug nicht amtlich geholfen. Auch ein "Anfüttern" für den Fall, dass Infantino persönlich mal im Wallis Ärger mit Ermittlern bekomme und dann auf Arnold zählen wolle, sei nicht erkennbar.

Doch der Vorgang zeigt, wie wenige Skrupel Infantino offenbar hatte, einem Freund auf Kosten von Uefa und Fifa Vorteile zuzuschustern. Dazu passt auch ein weiteres pikantes Ergebnis der Ermittlungen: Demnach war im Sommer oder Herbst 2018 geplant, dass Arnold als Vizevorsitzender der Kammer zur Beilegung von Streitigkeiten beim Weltverband einsteigt. "Dieser Prozess war gemäß dem vorliegenden E-Mail-Verkehr weit fortgeschritten", so der Sonderermittler. Offenbar erst vor dem Hintergrund der anlaufenden Berichterstattung zu Football Leaks sei die Fifa "intern von einer Ernennung" abgerückt.

Zu dem Vorgang wurde auch Infantino befragt; er habe sich nie intern für Arnold eingesetzt, behauptete der Fifa-Präsident. Allerdings hatte sich Arnold selbst mal - anscheinend halb spaßig - in einer Mail an Infantino für eine Stelle bei der Fifa ins Spiel gebracht. Glaubt man Infantino, wäre der Wunsch des Freunds auch ohne sein Zutun beinahe in Erfüllung gegangen.

Einladung ins Wembley und zur Auslosung nach Nyon

Wie die Ermittlungen ergeben haben, wollte Infantino seinen Freund Rinaldo schon 2015 auf Kosten des Europa-Verbands Uefa zu einem Besuch im Wembleystadion einladen. Infantino war damals noch Uefa-Generalsekretär, aus dem geplanten Ausflug nach London wurde aber nichts; Arnold hatte keine Zeit. Kurz danach klappte es dann: Arnold war im Dezember 2015 bei der Auslosung für das Champions-League-Achtelfinale im schweizerischen Nyon dabei. Kurz danach wurde Infantino in Zürich zum Fifa-Chef gewählt - Arnold war dabei; die Kosten von 625 Schweizer Franken für Hotel, Taxi und Mittagessen übernahm die Uefa.

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Danach bot Arnold laut Einstellungsverfügung Infantino seine Hilfe an, um den Präsidenten 2016 in den damals laufenden Korruptionsermittlungen zu begleiten, die gegen einige Fifa-Leute liefen. Auch zu einem Gespräch mit dem Bundesanwalt Lauber kam Arnold mit. Außerdem stieß der Sonderermittler auf ein Treffen im Jahr 2017 mit der Bundesanwaltschaft. Wieder soll Arnold dem Präsidenten zur Seite gestanden haben; das war bisher unbekannt gewesen.

Sieben VIP-Tickets für die Fußball-WM

In der Zwischenzeit ließ sich Arnold von seinem Freund Gianni, der wie er in der Jugend beim Fußballklub FC Brig-Glis gekickt hatte, immer wieder auf Kosten der Fifa verwöhnen. Über ein Einladungskontingent, das dem Fifa-Präsidenten zur freien und persönlichen Verfügung steht, lud Infantino den Oberstaatsanwalt im Mai 2016 zu einem Fifa-Kongress nach Mexiko ein. Kosten: 9392 Schweizer Franken. Er habe Arnold für seine persönliche Unterstützung rund um die Präsidentschaftswahl danken wollen, sagte Infantino dazu.

Damit nicht genug des Danks: Ende Mai 2016 spendierte die Uefa Arnold zwei Tickets für 880 Euro zum Champions-League-Finale in Mailand; er selbst konnte nicht kommen, dafür schauten sich Frau und Sohn das Spiel an. Im Mai 2018 fragte Arnold bei Infantino nach, ob er ihm Karten für die Weltmeisterschaft in Russland besorgen könne. Wieder war Infantino großzügig. Arnold bekam sieben VIP-Tickets für vier Spiele, von denen er drei mit seinem Sohn besuchte. Die Hotelkosten in Höhe von 5244 Schweizer Franken will Arnold zwar selbst übernommen haben, bezahlt in bar; daher habe er auch keine Belege. Unangenehm aber für ihn: Die Fifa teilte dem Sonderermittler jetzt im März mit, sie habe die Hotels bezahlt, nicht Arnold.

Insgesamt, so der Sonderermittler, sei erwiesen, dass Arnold auf Kosten der Fifa für insgesamt 15.261 Franken gereist sei - von den wertvollen, zum Teil nicht auf dem freien Markt erhältlichen Fußballtickets ganz abgesehen. Dabei fand auch der Sonderermittler den Zeitpunkt der üppigen Geschenke auffällig: Obwohl Infantino und Arnold schon so lange befreundet seien, habe es zwischen 2009 und 2015, als Infantino auch schon Uefa-Generalsekretär war, nicht so großzügige Einladungen gegeben. Es sei deshalb "denkbar, dass nicht einzig das freundschaftliche Verhältnis für eine derartige schlagartige Beschenkung ausschlaggebend war, sondern die Zuwendungen vielmehr als Belohnung" für die von Arnold unterstützten Treffen Infantinos mit der Bundesanwaltschaft im Frühjahr 2016 "gedacht waren".

Infantino und Arnold bestritten das; am Ende konnte auch Sonderermittler Graf ihnen kein strafbares Verhalten nachweisen. Im Laufe des Freitags versuchte der Schweizer "Tagesanzeiger", der Kooperationspartner des SPIEGEL in der Football-Leaks-Recherche, Arnold zu erreichen - vorerst erfolglos. Die Staatsanwaltschaft Wallis teilte dem "Tagesanzeiger" unterdessen mit, zum Verdacht der Steuerhinterziehung befinde man sich noch in der Vorprüfung.

it



insgesamt 11 Beiträge
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adrian.ruest 12.04.2019
1.
Einfach nur peinlich diese Gestalten. Und wir Zuschauer und Fans zahlen diesen Idioten ihre Betrügereien auch noch.
spondk 12.04.2019
2.
Einfach fern bleiben; keine Spiele im Stadium anschauen Es ist erschreckend
franz1965 12.04.2019
3. Football leaks
..gut, dass es mit den Enthüllungen weitergeht, obwohl Riu Pinto verhaftet wurde. Wir alle müssten ihm dankbar sein......Zum Fall Infantino: von Anfang an unsympathisch.....Aber leider noch im Amt.
spadoni 12.04.2019
4. Infantino
Gegen diesen korrupten Infantino ist sogar Sepp Blatter ein Waisenknabe!
FX922 12.04.2019
5. Buch erst September ^19?
Was da los bei euch? ;-) wartet ihr noch wie es mit John weitergeht?
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