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29. März 2019, 13:18 Uhr

Football Leaks

Das Geheimnis des Whistleblowers

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Französischen Untersuchungsbehörden ist es gelungen, die Football-Leaks-Daten zu kopieren. Nun wollen sie Ermittlungen anstoßen. Ihr Problem: Sie können die Daten bislang nicht lesen.

Monatelang haben die französischen Ermittler im Hintergrund verhandelt, politischen und internationalen Einfluss geltend gemacht. Doch nun musste alles ganz schnell gehen, denn viele solcher Gelegenheiten würden sich den Staatsanwälten in den kommenden Monaten wohl nicht mehr bieten.

Die auf Wirtschaftskriminalität spezialisierten Beamten der Pariser Abteilung Parquet National Financier (PNF) brachen deshalb in der vergangenen Woche zügig nach Budapest auf, um dort über das bislang größte Datenleck der Geschichte zu verhandeln: die Football Leaks.

Als die Franzosen in Ungarn ankamen, saß Rui Pinto, der Whistleblower, von dem die brisanten Dokumente aus dem Innersten des Fußballs konfisziert wurden, bereits in Auslieferungshaft. Wenige Tage zuvor hat ein ungarisches Gericht entschieden, dass er zurück in sein Heimatland überführt werden sollte, um sich dort vor Gericht dem Vorwurf der versuchten Erpressung und der Cyberkriminalität zu stellen. Beides bestreitet Pinto.

Doch nicht nur er, sondern auch seine Daten sollten nun nach Portugal gebracht werden. Viele europäische Ermittler befürchten, dass das Material in Pintos Heimatland vernichtet werden könnte. Für die Franzosen, die bereits vor Monaten einen ersten Teil der Daten von Pinto erhalten haben, war dies ein Horrorszenario.

Sie haben bereits eine nationale und eine internationale Arbeitsgruppe bestehend aus auf Wirtschaftskriminalität spezialisierten Ermittlern gebildet, die in den Football Leaks nach Straftatbeständen wie Korruption, Untreue, Steuerhinterziehung und gemeinschaftlichen Betrug suchen sollten. Eine Vernichtung der Daten hätte alle diese Bemühungen zunichte gemacht.

Ein unfassbares Volumen von 26 Terabyte Daten

Die Franzosen nutzten nun die Auslieferungswartezeit Pintos, um die ungarischen Behörden davon zu überzeugen, dass sie eine Kopie der Football-Leaks-Daten noch auf ungarischem Boden anfertigen dürfen. Bevor Pinto Ende der vergangenen Woche in ein Lissabonner Gefängnis überstellt wurde, war der Kopiervorgang der Franzosen tatsächlich abgeschlossen. Nach Informationen des SPIEGEL und des Recherchenetzwerks European Investigative Collaborations (EIC) ist es den französischen Staatsanwälten gelungen, 26 Terabyte Datenmaterial zu sichern.

Es ist ein unfassbares Volumen. Zum Vergleich: Pinto, der drei Jahre lang auch die Football-Leaks-Quelle des SPIEGEL und des EIC war, hat den Medien bislang rund 3,4 Terabyte Daten übergeben. Dies sind umgerechnet mehr als 70 Millionen Dokumente. Daraus sind mittlerweile europaweit mehr als 800 Enthüllungsgeschichten entstanden, die zu zahlreichen Ermittlungsverfahren sowie Bewährungs- und Geldstrafen geführt haben. Alleine Cristiano Ronaldo musste für seinen Steuerbetrug fast 20 Millionen Euro bezahlen und erhielt eine zweijährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

26 Terabyte sind fast das Achtfache des bislang bekannten Materials.

Doch wie werthaltig die Daten sind, können die Franzosen noch nicht sagen. Denn Pintos Daten sind mit einem komplizierten Verschlüsselungsprogramm gesichert, ein einfaches Öffnen der Dokumente ist unmöglich. Alles, was die Ermittler bislang sehen können, sind die sogenannten Container, in denen die Daten stecken. Eine Hülle also, deren Inhalt ohne die richtigen Passwörter lediglich als ein Wirrwarr aus Zahlen und Buchstaben dargestellt wird.

Die Passwörter zu den Dokumenten sind Pintos Geheimnis, sie befinden sich aktuell in einem Gefängnis in Lissabon. In einem Sicherheitstrakt für besonders gefährdete Insassen verbringt Pinto seit rund einer Woche seine Tage. Eine Lissabonner Richterin hat entschieden, dass er aufgrund möglicher Flucht- und Verdunkelungsgefahr die Zeit bis zu einer Entscheidung über eine mögliche Klageerhebung in Untersuchungshaft verbringen muss.

Die Franzosen teilen ihre Kopien mit belgischen Ermittlern

Pinto, der nach seiner Verhaftung in Budapest wochenlang mit einer Fußfessel im Hausarrest verbrachte, will sich gegen diese richterliche Entscheidung wehren. Seine Anwälte haben für den 1. April eine Pressekonferenz in Lissabon angekündigt, bei der sie im Beisein von Ana Gomes, die als portugiesisches Mitglied im Europäischen Parlament tätig ist, und Antoine Deltour, dem Whistleblower hinter den LuxLeaks, über den besonderen Schutz von Informanten sowie die aus ihrer Sicht unverhältnismäßige Untersuchungshaft von Rui Pinto diskutieren wollen.

Bei der Pressekonferenz wird es auch darum gehen, wie die Ermittler nun weiter mit dem Datenschatz verfahren werden. Die Franzosen haben angekündigt, ihre Kopien zunächst mit den belgischen Ermittlern zu teilen, anschließend sollen auch andere europäische und US-amerikanischen Behörden Zugang zu dem Material erhalten.

Der Fakt, dass Pinto ihre Ermittlungen mit seinen Passwörtern und seinem Wissen erheblich beschleunigen und vertiefen könnte, führt nun wieder zu internationalen Verhandlungen im Hintergrund. Die Franzosen wollen erneut auf den Moment hinarbeiten, an dem sie schnell sein müssen.

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