Klimaneutraler Fußballklub Forest Green Rovers Tofu statt Bratwurst

Der englische Viertligist Forest Green Rovers ist der erste klimaneutrale Fußballklub der Welt. Im Interview erzählt Vereinschef Dale Vince, wie vegane Stadionwurst und Trikots aus Bambusfasern zu Verkaufsschlagern wurden.
Ein Interview von Marie-Julie May
Stadion der Zukunft? Die Forest Green Rovers planen ein Stadion aus Holz

Stadion der Zukunft? Die Forest Green Rovers planen ein Stadion aus Holz

Foto:

Zaha Hadid Architects/ Forest Green Rovers

Die Stadionwurst gehört für viele zum Fußball dazu wie der Ball und das Flutlicht. Beim englischen Fußball-Viertligist Forest Green Rovers nicht mehr. Der Klub setzt auf Klimaneutralität und hat auch die Verpflegung im Stadion komplett umgestellt. Die Vereinten Nationen unterstützen dieses Vorhaben, sie haben den Verein aus dem Südwesten Englands im vergangenen Jahr als ersten klimaneutralen Verein der Welt ausgezeichnet.

Der Mann hinter dieser Verwandlung ist Klubchef Dale Vince, ein 58 Jahre alter Unternehmer. In seiner Jugend reiste er als Hippie durch Europa. Später gründete er durch Zufall eine Firma für Ökostrom und wurde damit zum Millionär.

SPIEGEL: Herr Vince, mit Ihnen als Vereinschef sind die Forest Green Rovers zum ersten klimaneutralen Verein der Welt geworden. Wie hat sich das entwickelt?

Vince: Es startete als Rettungsaktion. Vor zehn Jahren hatte der Verein Geldschwierigkeiten, und ich half zunächst finanziell aus. Kurz danach war aber schon klar, dass ich die komplette Verantwortung übernehmen musste, sonst wäre der Klub ruiniert gewesen. Da ich mein Geld mit grünem Strom, vor allem aus Windkraft, gemacht habe, war meine Bedingung, dass ich den Verein nur nach meinen Prinzipien leiten würde. Ich sah es als Möglichkeit, eine neue Zielgruppe auf die Gefahr des Klimawandels aufmerksam zu machen, unsere Anliegen zum Thema Nachhaltigkeit in den Klub zu integrieren und damit nicht nur unsere Fans zu erreichen, sondern alle Fußballfans. Seitdem sind wir der Botschafter des grünen Fußballs.

SPIEGEL: Wie haben Sie den Verein inhaltlich danach ausgerichtet?

Vince: Die größte Veränderung war sicherlich, dass wir vor sieben Jahren rotes Fleisch von der Speisekarte verbannt haben. In den folgenden Jahren haben wir dann komplett auf tierische Erzeugnisse verzichtet. Dabei mussten wir mit Traditionen brechen, denn die traditionelle Stadionwurst gibt es bei uns nicht mehr, stattdessen nur noch veganes Essen und auch veganes Bier. Außerdem wird der Rasen nicht mit Pestiziden behandelt und von einem solarbetriebenen Mähroboter gemäht. Wir werden zu 100 Prozent von erneuerbaren Energien versorgt, allein 20 Prozent werden von unseren Solarpanels auf dem Stadiondach produziert.

SPIEGEL: Keine Stadionwurst mehr - sind die Fans nicht auf die Barrikaden gegangen?

Vince: Fußball hat viel mit Tradition zu tun. Essen war am Anfang die größte Barriere und wir wurden von Fans dafür angegriffen, nichts war gut genug. Aber wir sind bestes Beispiel dafür, dass man Fans mit veganem Essen überzeugen kann. Das kann jede Organisation egal welcher Größe schaffen. Leider haben noch viele Vereinsbosse Angst vor einer negativen Reaktion der Fans. Wir verkaufen nun viermal so viel Essen wie vorher. Seit Februar vergangenen Jahres haben wir deshalb sogar einen eigenen veganen Cateringservice, die Little Green Devils. Seit diesem Jahr beliefern wir auch FC Chelsea und Norwich City. Und auch die Greenkeeper der englischen Nationalmannschaft haben uns bereits besucht, um zu wissen, wie wir den Rasen ohne Chemikalien so grün halten. In zehn Jahren wird Nachhaltigkeit auch im Fußball normal sein.

SPIEGEL: Der Verein hat dadurch weltweite Bekanntheit erlangt. Zeigt sich das auch im Umsatz?

Vince: Unserer Firma geht es dabei nicht zuerst um Geld. Wir wollen damit die Welt verändern. Uns macht es Spaß, etwas zu tun, was sich vorher keiner getraut hat. Die meisten Fußballtrikots bestehen aus Plastik, weshalb wir letzte Saison Trikots aus Bambusfasern hergestellt haben, auch die Schienbeinschoner sind aus Bambus. Die Trikots sind während dieser Saison bereits dreimal ausverkauft gewesen. Es ist verrückt, als wir letztes Jahr die Trikots das erste Mal gelauncht haben, sind sie innerhalb von nur 24 Stunden in 17 verschiedenen Ländern gekauft worden. Wir achten dabei sehr auf die Qualität, damit Fans nicht jedes Jahr ein neues kaufen müssen. Mittlerweile haben wir 50 verschiedene Fangruppen weltweit. Wir haben nicht nur einen neuen Fußballverein geschaffen, sondern auch eine neue Art von Fan.

SPIEGEL: Welche Probleme ergaben sich während des Alltags?

Vince: Den Transport des Teams zu Auswärtsfahrten können wir derzeit nicht komplett umweltfreundlich gestalten. Die Mannschaft fährt noch mit einem Dieselbus. Auf meiner Wunschliste steht deshalb ein Elektrobus. Auch die Anreise der Fans ist nicht kontrollierbar. Wir rufen dazu auf, sich Mitfahrgelegenheiten anzuschließen oder ganz ohne Auto zu kommen. Wir merken, dass wir da an unsere Grenzen stoßen. Aber wir können halt nicht alles machen.

SPIEGEL: Vergangenes Jahr tauchten in der lokalen Presse Fotos von Spielern auf, die Cheeseburger essen. Welche Anforderungen haben Sie an die Spieler?

Vince: Wir spionieren den Spielern außerhalb des Klubs natürlich nicht hinterher. Die vegane Vorschrift gilt nur im Verein. Außerhalb des Klubs können sie tun, was sie wollen. Aber sobald wir die Verantwortung haben und wir das Catering stellen, ist es vegan. Viele Spieler sind dadurch selbst zu Veganern oder Vegetariern geworden und haben ihre Familien überzeugt. Und die Fans genauso. Viele denken auch, dass ich den Kader danach auswähle, ob jemand sich vegan ernährt, aber das ist natürlich Unsinn. Die Entscheidungen auf dem Platz sind rein sportlicher Natur.

SPIEGEL: Spiegelt sich die Ernährungsumstellung auch sportlich wider?

Vince: Die Spieler fühlen sich deutlich gesünder. Ein veganer Ernährungsberater coacht die Spieler, wie sie mit Tofu Muskeln aufbauen können. Spitzensportler wie Lionel Messi, Lewis Hamilton oder Venus Williams sind ebenfalls Veganer geworden, um ihre Leistung zu verbessern, so falsch kann das also nicht sein. Zudem sind wir in unserer 130 Jahre alten Vereinsgeschichte im vergangenen Jahr in die League Two aufgestiegen. Sportlich wollen wir noch erfolgreicher werden, denn dadurch wird unsere Plattform, auf der wir unsere Botschaft verbreiten können, noch größer.

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Das umweltfreundlichste Stadion der Welt

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Zaha Hadid Architects/ Forest Green Rovers

SPIEGEL: Sie arbeiten derweil an einem weiteren Projekt: Ein neues Stadion, komplett aus Holz, vom Büro der inzwischen verstorbenen Londoner Stararchitektin Zaha Hadid entworfen. Wie kam es dazu?

Vince: Wir wollten einen neuen Standort für den Verein finden und ein Statement mit einem neuen Stadion setzen. Das Ziel war, das umweltfreundlichste Stadion der Welt zu bauen. Vor sechs Jahren haben wir genau zu dieser Herausforderung einen Wettbewerb gestartet. Zaha Hadid hat uns umgehauen mit dem Konzept, ein Stadion komplett aus Holz zu erbauen. Es ist nicht nur wunderschön anzusehen, sondern auch umweltfreundlich, weil kein Stahl verwendet wird. Eine solche Arena wird den kleinsten CO2-Fußabdruck aller Stadien der Welt hinterlassen. So erhoffen wir uns auch die Anforderungen für die 2. Liga zu erfüllen.

SPIEGEL: Hadid hat unter anderem ein Stadion für die Fußball-WM 2022 in Katar gebaut. Ein Land, welches immer wieder die Menschenrechte der Gastarbeiter verletzt, welche die Stadien bauen. Hat Sie das in Ihrer Entscheidungsfindung beeinflusst?

Vince: Das haben wir nicht wirklich in unsere Entscheidung einfließen lassen. Der Unterschied, den wir mit dem Bau schaffen werden, würde mich auch immer wieder so entscheiden lassen. Denn das Stadion wird viel Gutes tun und eine gute Botschaft an die Welt senden. Fußball tritt bereits gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie ein - warum nicht auch endlich gegen die Klimakrise?

 

 

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