Bundesliga-Relegation Polonaise in der Tiefgarage

Das Relegations-Rückspiel in Düsseldorf hatte aus sportlicher Sicht nur einen Sieger: Aufsteiger Düsseldorf. Die Fortuna-Spieler konnten trotz des Schocks über die Umstände der Skandalpartie jubeln. Hertha-Coach Otto Rehhagel forderte einen Neustart des Hauptstadtclubs.

DPA

Aus Düsseldorf berichtet


Es war kurz vor Mitternacht, draußen goss es in Strömen, als Otto Rehhagel noch einmal an die Treppe trat, die hinauf ins Stadioninnere führt. Der 73-Jährige, mit Hertha BSC nach dem Skandalspiel gerade frisch in die zweite Liga abgestiegen, bemühte sich sichtbar um Haltung. "Wir dürfen noch eine Nacht weinen, aber dann müssen die Augen wieder nach vorne gerichtet werden", sagte Rehhagel und empfahl in seinem Essener Englisch-Deutsch: "Jetzt muss ein new start erfolgen."

Die siegreichen Düsseldorfer dachten an diesem denkwürdigen Abend noch nicht an die kommende Spielzeit, in der sie zum ersten Mal seit 1997 wieder in der 1. Bundesliga antreten werden. Binnen weniger Minuten hatten sich die Fortuna-Profis die Erinnerung an die bedenklichen Umstände der Partie weg- und eine Feierstimmung angetrunken, zogen in einer unkonventionellen Polonaise durch die Tiefgarage der Arena - in ihren kurzen roten Hosen und mit Aufsteiger-T-Shirts, auf denen stand: "Zweite Liga war schön - Zeit für uns zu geh'n".

Wohin ihn sein Weg führen würde, wusste Ranisav Jovanovic in diesem Augenblick schon ganz genau. Im Krankenhaus warteten Freundin Jeanette und das neugeborene Töchterchen Mila auf den Mann, der Düsseldorf mit seinem Tor zum 2:1 nach einer Stunde entscheidend in Richtung 1. Bundesliga geköpft hatte. "Gestern und heute habe ich viele Tränen vergossen - natürlich nur glückliche. Diese Emotionen, diese Gefühle sind unbeschreiblich", strahlte Jovanovic, der im Gegensatz zu seinen Teamkollegen offenkundig gewillt war, zumindest bis zum Besuch bei seiner jungen Familie einen klaren Kopf zu behalten.

"Es war eigentlich unmöglich"

Umgehend ins Zeug legten sich dagegen seine Mitspieler: Kapitän Andreas Lambertz, der es nach dem Serben Dragan Trkulja (mit Ulm) als zweiter Kicker im deutschen Fußball geschafft hat, mit ein und demselben Verein von der vierten bis hinauf in die erste Liga zu marschieren. Oder der Aufstiegs-Experte Sascha Rösler, der nach den Stationen Ulm, Aachen und Mönchengladbach nun bereits mit vier verschiedenen Vereinen den Sprung ins Oberhaus hinbekommen hat, demnächst aber abseits des Platzes für Fortuna arbeiten wird. Oder der ausgeliehene Maximilian Beister, der nun zum Hamburger SV zurückkehren wird - und gegen Hertha nach 25 Sekunden das 1:0 erzielt hatte.

Als Fortunas Rückkehr in die 1. Bundesliga perfekt war, erinnerte sich der 21-jährige Angreifer an einen flockigen Spruch, mit dem er sich vor zwei Jahren in Düsseldorf eingeführt hatte. "Ich bin hierher gekommen und hab' gesagt, dass ich mich gerne im ersten Jahr etablieren und die Fortuna im zweiten zum Aufstieg schießen würde. Was ich da gelabert habe, ist mir gerade erst klar geworden - denn es war eigentlich unmöglich", sagte Beister und auch Cheftrainer Norbert Meier betonte: "Für mich ist dieser Aufstieg eine kleine Fußballsensation."

Zumindest vorerst schweben die Düsseldorfer nun auf Wolke sieben. "Wenn man bedenkt, dass jetzt Bayern und Dortmund hierher zum Punktspiel kommen - da muss mich erst mal einer zwicken", wähnte sich Mittelfeldmann Thomas Bröker in einem Tagtraum. Für die Berufskollegen aus Berlin, die am Dienstag mit leeren Blicken wortlos an ihm vorbeimarschierten, ist mit Herthas sechstem Abstieg aus der 1. Bundesliga dagegen ein Alptraum Wirklichkeit geworden. Es sei denn, der DFB entschiede, einem möglichen Protest der Hertha zuzustimmen.

Hertha steht vor dem Scherbenhaufen

Ersatzspieler Christian Lell immerhin bezog Stellung zu dem gewaltigen Scherbenhaufen, vor dem der Hauptstadtclub nach dem Kurzaufenthalt in der ersten Liga nun steht. "Wir waren in der gesamten Rückrunde nicht erstligareif. Wir sind alle maßlos enttäuscht", sagte der frühere Münchner. Personelle Konsequenzen an der Clubspitze soll es aber offensichtlich trotzdem nicht geben.

Otto Rehhagels Engagement war von vornherein für die Dauer des gescheiterten Rettungsversuchs befristet. Manager Michael Preetz, der seit Sommer 2009 im Amt ist und allein in der abgelaufenen Saison drei Cheftrainer verschlissen hat, hingegen erklärte: "Ich bin gewillt, weiterzumachen." Am 29. Mai steht in Berlin eine brisante Mitgliederversammlung auf dem Programm, und von Präsident Werner Gegenbauer erhält Preetz vorsorglich schon mal Rückendeckung. "Für mich ist es unstrittig, dass er in seiner Position bleibt", sagte der Hertha-Boss.

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No_Joe 16.05.2012
1. was noch?
Was muss ein Preetz denn noch machen, damit er gegangen wird? Im Hinblick darauf hat er doch eigentlich alles richtig gemacht.
hapeme 16.05.2012
2. Zeichen setzen!
Das solche Vorgänge abgehakt werden, ohne Folgen für die Entscheidung über den Aufstieg, ist für mich kaum nachvollziehbar. Was muss denn noch passierne? Tote? Ist Fußball nur noch Randale und Chaoten bestimmen, wie das ganze läuft? Dieses Spiel darf so nicht gewertet werden! P. S.: Bin kein Herrtha-Fan und finde, dass diese den Abstieg durchaus verdient hätte!
vogelsberg 16.05.2012
3. Alles Auf Anfang bei Hertha BSC
Neuer Anfang bei Hertha - eine Bedingung: Ohne Preetz!!!!!!!
jObserver 16.05.2012
4. Nur eine richtige Möglichkeit:
Beide Mannschaften bleiben unten, dafür der Aufstieg des Vierten der 2. Liga. Solche "Fans" müssen es doch irgendwie mal kapieren! Sie schaden. Allen. Und ihrem Verein. Es müssen endlich Wasserwerfer an den Stadiondächern montiert werden, mit denen auf Bengalo-Chaoten geschossen wird. Klar trifft das auch die daneben - aber damit nur solche, die sich als Schutzschild anbieten und jede Identifikation verhindern, mithin also ebenfalls schuldige. Wenn die Mehrheit GEGEN solchen Scheiß wäre, könnten sie es allemal aufhalten oder müssten sich halt entfernen. Zweiter Lösungsansatz: Ein AUTOMATISMUS der Bestrafung für Bengalos und Kanllkörper. Z.B. 5 Minuten Verzögerung = 2 Tore für den Gegner der jeweiligen Fans. Oder: Jedes Bengalo auf dem Platz = 1 Tor für den Gegner.
bueho 16.05.2012
5. Wesentliches vergessen.
Fortuna Düsseldorf steigt in die 1.Bundesliga auf. Leider wird im Bericht übehaupt nicht auf den Spielverlauf der beiden Aufstiegsspiele eingegangen. Man muss nach den beiden Spielen zu dem Ergebnis kommen, dass die wesentlich schlechtere Mannschaft jetzt in der 1.Bundesliga spielt. Die Düsseldorfer waren den Berlinern in beiden Spielen klar unterlegen, "pflegten" ihren Hauruck-Fußball, sie sind für die Bundesliga sicherlich keine Bereicherung. Wie Campino von den "Toten Hosen" im TV-Halbzeitgespräch so euphorisch von seiner Fortuna schwärmen konnte, bleibt mir ein Rätsel. Umfeld und Mannschaft sind nicht bundesligatauglich.
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