Affäre um Düsseldorfs Vorstandschef Röttgermann Fortunas Scheinfrieden

Trotz geheimer Geschäftstätigkeiten und mutmaßlich falscher Aussagen hält Fortuna Düsseldorf an Vorstandsboss Thomas Röttgermann fest. Dabei hat eine interne Ermittlung weitere belastende Indizien zutage gefördert.

Thomas Röttgermann ist seit April 2019 Vorstandsvorsitzender bei Fortuna Düsseldorf
Federico Gambarini/ DPA

Thomas Röttgermann ist seit April 2019 Vorstandsvorsitzender bei Fortuna Düsseldorf

Von Thilo Neumann


Es könnte alles so schön sein für Fortuna Düsseldorf. Wenn der Verein seine Mitglieder am Sonntag zur Jahreshauptversammlung empfängt, wird sicher auch auf die jüngsten sportlichen Erfolge zurückgeblickt: Auf den überraschend souveränen Klassenerhalt in der vergangenen Saison, den ungefährdeten Derbysieg gegen den 1. FC Köln Anfang November, das Überwintern im DFB-Pokal.

Dennoch dürfte es bei dem Vereinstreffen ungemütlich werden für die Fortuna-Verantwortlichen. Grund ist die Affäre um Vorstandschef Thomas Röttgermann. Im September hatte der SPIEGEL über das App-Projekt "MySport" berichtet, das Röttgermann - ohne Kenntnis des Fortuna-Aufsichtsrats - parallel zu seinem Job in Düsseldorf vorangetrieben hatte (Lesen Sie hier die Geschichte dazu). Zudem hatte Röttgermann einem seiner zwei "MySport"-Kollegen einen Direktorenposten bei Fortuna zugeschanzt.

Presseerklärung, die sich wie ein Freispruch für Röttgermann liest

In der Folge fiel Röttgermann wiederholt mit fragwürdigen Aussagen auf. So sagte er dem SPIEGEL, dass er mit Amtsantritt bei Fortuna im April "jegliche unternehmerische oder wirtschaftliche direkte oder indirekte Beteiligung an dem Projekt" sofort beendet habe. Mehrere E-Mails legen den Schluss nahe, dass das nicht wahr ist. Anfang September hatte sich Röttgermann etwa noch in einen internen "Umsetzungsplan" als Mit-Verantwortlicher für sämtliche Projektaufgaben bei "MySport" eintragen lassen.

Fortunas Aufsichtsrat hält dennoch an seinem Vorstand fest. Ende Oktober verkündete der Verein in einer Pressemitteilung, das Kontrollgremium sei "weiter überzeugt", dass Röttgermann "der Richtige ist". Es habe sich bei den gemeinsamen Gesprächen "herausgestellt, dass die anderen Mitwirkenden zur Entwicklung der App-Idee die Darstellung von Thomas Röttgermann bestätigt haben, dass er aus der unternehmerischen Zusammenarbeit mit dem Beginn seiner Tätigkeit bei Fortuna Düsseldorf ausgestiegen" sei und "in der Folge nur noch unterstützend tätig war".

Auch Röttgermann selbst durfte zu Wort kommen. Er freue sich, dass der Aufsichtsrat "meine Darstellung bestätigt hat".

Erstaunliche Aussagen - die zunächst so nicht geplant waren, wie interne Mails beweisen. Am 22. Oktober schickte Aufsichtsratschef Reinhold Ernst einen Vorschlag für die später veröffentliche Stellungnahme an die anderen Ratsmitglieder, er liegt dem SPIEGEL vor. Darin finden sich Sätze, die es später nicht in die finale Version schaffen. Etwa, dass die vereinsinterne Untersuchung ergeben habe, "dass die Befassung mit der App-Idee umfangreicher war als ursprünglich dargestellt". Oder: "Art und Weise der Information und Aufarbeitung durch Thomas Röttgermann" entsprächen "nicht unserem Verständnis von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit".

Ein Sinneswandel nach Interventionen von Aufsichtsratsmitgliedern

Tatsächlich hatte eine interne Ermittlung weitere belastende Indizien gegen Röttgermann zutage gefördert. Am 8. Oktober hatte Reinhold Ernst eine Nachricht an seine Gremiumskollegen verschickt. Darin informiert Ernst, dass "u.a. zwei weitere Mails" zum Thema "MySport" bei Röttgermann gefunden wurden. Zudem soll Röttgermann einen für Geschäftspartner von "MySport" produzierten "Click Dummy", also eine Art Demo-Version der App, ebenso wie ein "Erklärvideo" für "MySport" einem Aufsichtsrat präsentiert haben. So jedenfalls steht es in einer Mail eines Aufsichtsratsmitglieds.

Dennoch schaffte es der erste Entwurf einer Stellungnahme, in dem Röttgermann kritisiert wird, nicht zur Veröffentlichung. Woher der Sinneswandel?

Er geht zurück auf die Intervention einiger Aufsichtsratsmitglieder. Dirk Böcker, ein Ex-Profi, ist der Erste. Nachdem Gremiumschef Ernst am 22. Oktober seinen Statement-Vorschlag geteilt hatte, meldet sich Böcker per Mail bei ihm. Er moniert darin, dass Röttgermann durch bestimmte Aussagen angegangen werde, er erachte solche Formulierungen "als nicht zielführend und sogar falsch". Es sei zwingend, dass "wir unseren VV (Vorstandsvorsitzenden, d. Red.) nicht weiter 'angeschossen' auf der Lichtung stehen lassen".

Nach einem kurzen Mailaustausch knickt Aufsichtsratschef Ernst ein: "Wir werden einen neuen Textvorschlag machen", schreibt der Wirtschaftsanwalt an Böcker, als sei er nicht Vorgesetzter, sondern Befehlsempfänger. Auch die Aufsichtsratsmitglieder Sebastian Fuchs und Björn Borgerding plädieren in der Folge dafür, Röttgermann selbst in die Kommunikation mit einzubeziehen. Am Ende steht eine Presseerklärung, die sich als Freispruch für Thomas Röttgermann liest. Warum stärkt der Aufsichtsrat seinem Vorstandschef aber weiter den Rücken, obwohl dieser nachweislich das Gremium mehrmals hintergangen hat?

Eine SPIEGEL-Anfrage dazu ließ Fortuna Düsseldorf unbeantwortet. Aufsichtsratschef Ernst antwortete auf die Frage, ob er einen ersten Entwurf der Presseerklärung auf Anraten anderer Aufsichtsratsmitglieder verändert habe, wie folgt: "Zu den Themenkomplexen "MySport / Thomas Röttgermann" und "Robert Schäfer" wird der Aufsichtsrat auf der Mitgliederversammlung am kommenden Sonntag berichten." Röttgermann betonte, dass "Click-Dummy" und dem "Erklärvideo" vor seiner Zeit bei Fortuna erstellt wurden, ließ eine direkte Nachfrage zu einer möglichen Präsentation dieser Gadgets vor einem Aufsichtsrat während seiner Zeit bei Fortuna aber unbeantwortet.

Christian Veith war der Fall augenscheinlich zu viel. Der Senior Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting Group gab vergangene Woche seinen Rücktritt als Fortuna-Aufsichtsratsmitglied bekannt. Veith erklärte, seiner Ansicht nach führe die Erklärung des Vereins in Sachen Röttgermann "die Öffentlichkeit in die Irre".

Doch Röttgermann sitzt weiter im Sattel. Bei seinem Vorgänger als Vorstandschef, Robert Schäfer, hatten die Verantwortlichen weniger Geduld. Schäfer war im April freigestellt worden, Aufsichtsratsboss Ernst begründete dies mit einem "intensiven Vertrauensverlust". Worin dieser genau bestand, ist nach wie vor ungeklärt. Ebenso, wann es eine Einigung mit Schäfer über eine Vertragsauflösung gibt. Der Geschasste bezieht weiter Gehalt von der Fortuna.



insgesamt 5 Beiträge
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bwnetcs 15.11.2019
1. Skandal
Der einzige Skandal ist, dass da anscheinend ein Mitarbeiter die Fortuna schädigen möchte und gezielt Informationen an den Spiegel verkauft. Das Schwein müsste gefeuert werden. Das man sich intern über Stellungnahmen abstimmt, ist ein ganz normaler Vorgang.
lucky.sailor 15.11.2019
2. Filz und Kungelei egal wo man hinschaut!
Schon traurig, wie der deutsche Profisport in ganz vielen Bereichen vor sich hinfault.
llamb 16.11.2019
3. Sooooo viel heiße Luft
Was treibt den Spiegel, so eine Petitesse zum wiederholten Male zu einem vermeintlichen Super-Skandal hochzujubeln? Wo ist das Problem, wenn sich ein Leitender Angestellter mit Mitarbeitern seines Vertrauens umgibt? Soll es auch bei Verlagen und Redaktionen geben. Und die App - ausreichend für so viel Berichterstattung? Kann es sein, dass hier eine Privatfehde mit Hilfe eines willigen Redakteurs ausgetragen wird? Journalistisch höchst fragwürdig. Und inhaltlich: Getretener Quark wird breit und nicht stark!
nickr 16.11.2019
4. Woher wissen Sie denn, dass die Quelle die Informationen verkauft hat?
Zitat von bwnetcsDer einzige Skandal ist, dass da anscheinend ein Mitarbeiter die Fortuna schädigen möchte und gezielt Informationen an den Spiegel verkauft. Das Schwein müsste gefeuert werden. Das man sich intern über Stellungnahmen abstimmt, ist ein ganz normaler Vorgang.
Ihre Behauptung, die Quelle habe die Informationen an den Spiegel verkauft, ist ebenso dumm wie gefährlich. Offenbar kommen sie nicht einmal auf den Gedanken, dass da jemand sitzt, der sich einen sauberen Vorstand wünscht, der seine Arbeitskraft vollständig und ausschliesslich der Fortuna zur Verfügung stellt. Arbeit gibt es genug, oder? Üblicherweise ist es AR Vorsitzende, der den Kurs vorgibt und solche Stellungnahmen formuliert/veröffentlicht. Da muss es einen schon wundern, wenn es nach der Nase eines AR Mitglieds geht. Besonders, wenn die Realität vom Inhalt der Stellungnahme abweicht.
nickr 16.11.2019
5. Es geht nicht um Personalfragen,
Zitat von llambWas treibt den Spiegel, so eine Petitesse zum wiederholten Male zu einem vermeintlichen Super-Skandal hochzujubeln? Wo ist das Problem, wenn sich ein Leitender Angestellter mit Mitarbeitern seines Vertrauens umgibt? Soll es auch bei Verlagen und Redaktionen geben. Und die App - ausreichend für so viel Berichterstattung? Kann es sein, dass hier eine Privatfehde mit Hilfe eines willigen Redakteurs ausgetragen wird? Journalistisch höchst fragwürdig. Und inhaltlich: Getretener Quark wird breit und nicht stark!
sondern um die Wahrheit bzw. Ehrlichkeit gegenüber den Kontrollgremien des Vereins... Ein Verstandsvorsitzender, der wiederholt Anlaß gibt, an seiner Loyalität und Ehrlichkeit zu zweifeln, ist nach meinem Verständnis nur schwer zu ertragen.
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