Düsseldorf im Abstiegskampf Ball paradox

Unter Trainer Uwe Rösler hatte sich Fortuna Düsseldorf stark verbessert - fußballerisch, taktisch, läuferisch. Dennoch verspielte das Team ständig Punkte. Dann kam die Partie gegen Leipzig.
Von Tobias Escher
Uwe Rösler hat in Düsseldorf einiges bewegt

Uwe Rösler hat in Düsseldorf einiges bewegt

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POOL/ REUTERS

Im Fußball gibt es Platz für Ironie. Nichts deutete am Mittwochabend darauf hin, dass Fortuna Düsseldorf gegen RB Leipzig einen Punkt holen würde. Nach 86 Minuten lag die Fortuna 0:2 zurück, ihr war bis zu diesem Zeitpunkt kein einziger Schuss aufs Tor gelungen. Dann folgte die furiose Schlussphase, Steven Skrzybski und André Hofmann trafen in der 87. und der zweiten Minute der Nachspielzeit noch zum 2:2, der Videoassistent griff bei einem grenzwertigen Rempler gegen Leipzigs Dayot Upamecano nicht ein. Und so sicherte sich Düsseldorf doch noch einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf.

Die Ironie liegt darin, dass es eigentlich bisher die Düsseldorfer waren, die in dieser Rückrunde Punkte aus der Hand gaben. Sieben Mal ging die Fortuna unter Rösler in Führung, fünfmal verspielten sie ihren Vorsprung noch. Dreimal wurden wichtige Zähler erst in der Nachspielzeit verspielt. Fortuna hatte oft in dieser Saison Pech. Gegen Leipzig hatte sie plötzlich Glück.

Andererseits zahlte sich jetzt auch endlich die positive Entwicklung aus, die das Team unter Trainer Uwe Rösler in der Rückrunde genommen hat.

Rösler, der ungewollte Retter

Als Rösler Ende Januar als neuer Cheftrainer präsentiert wurde, empfingen ihn Fans und Öffentlichkeit nicht allzu herzlich. Das hatte wenig mit Rösler selbst zu tun, sondern vielmehr mit seinem Vorgänger. Viele nahmen es den Klub-Verantwortlichen übel, dass sie Friedhelm Funkel über Nacht in Rente geschickt hatten.

Die Fortuna tauschte den Trainer mit den sechstmeisten Bundesligaspielen ein gegen einen in der Bundesliga weithin Unbekannten. Rösler hatte Anfang der Neunzigerjahre dort zwar seine Spielerkarriere begonnen. Einen Großteil seiner Karriere als Spieler wie Trainer verbrachte er dann aber in England und Skandinavien. Bekannter wurde er hierzulande 2002, als er eine Krebserkrankung überstand.

Trainer Friedhelm Funkel musste im Januar gehen

Trainer Friedhelm Funkel musste im Januar gehen

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Rösler machte vieles anders als Funkel. Waren die Düsseldorfer in der Hinrunde noch das passivste Team der Liga, setzen sie unter Rösler auf aggressiven, offensiv ausgerichteten Fußball. Unter Funkel hatte die Fortuna mit 43 Prozent Ballbesitz den geringsten Schnitt der Liga, unter Rösler stehen sie mit knapp 50 Prozent in der oberen Hälfte. Pro Partie spielt die Fortuna knapp hundert Pässe mehr als unter Funkel (388 zu 306).

Stärker als noch in der Hinrunde nimmt die Fortuna das Spiel selbst in die Hand, möchte den Gegner über ein flaches Passspiel dominieren. "Wir müssen gewinnen, und du gewinnst nicht, wenn du abwartenden Fußball spielst", sagte Rösler im Februar.

Mit 51 Jahren ist er kein ganz junger Trainer mehr. Aber er gehört im taktischen Bereich zu den modern denkenden Coaches, die ihre Mannschaft von Spiel zu Spiel umstellen. Rösler präferiert eine Fünferkette, ließ aber auch schon erfolgreich mit Viererkette spielen. Seine Fortuna wirkt mutiger, spielfreudiger, offensiver.

Stöger ist Fortunas wichtigster Spieler

Nicht jeder Fortschritt, den die Fortuna in der Rückrunde gemacht hat, lässt sich nur über den Trainer erklären. Rösler verfügt personell auch über eine größere Auswahl als sein Vorgänger. Seine Spielidee sieht vor, den Ball über das zentrale Mittelfeld zu den schnellen Stürmern zu befördern. Mit Velon Berisha hat die Fortuna im Winter einen offensiven Achter verpflichtet, der als Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Angriff fungiert.

Der wichtigste Neuling ist indes ein alter Bekannter. Sechser Kevin Stöger hatte aufgrund einer Knieverletzung die gesamte Hinrunde verpasst. Seine Übersicht und Passgenauigkeit waren bereits in der vergangenen Saison ein Garant für den Klassenerhalt. Seit seiner Rückkehr Ende Januar hat er mehr Torschüsse aufgelegt als jeder seiner Mitspieler, auch dank seiner zielgenauen Ecken. Mit Stöger in der Startelf holte die Fortuna durchschnittlich 1,36 Punkte pro Bundesligaspiel, ohne ihn nur 0,87. Gegen Leipzig drehte die Fortuna das Spiel just dann, nachdem Stöger in der 82. Minute eingewechselt wurde.

Kevin Stöger (rechts) ist Düsseldorfs wichtigster Spieler

Kevin Stöger (rechts) ist Düsseldorfs wichtigster Spieler

Foto: Marius Becker/ dpa

Dank der neuen Spielstärke aus dem Mittelfeld hat die Fortuna ihre hohe Abhängigkeit von Rouwen Hennings überwunden. In der Hinrunde lautete die einzige Düsseldorfer Spielidee, den kopfballstarken Strafraum-Stürmer mit langen Bällen und Flanken zu füttern. Von 18 Treffern unter Funkel hatte Hennings elf erzielt. Unter Rösler traf er auch bereits dreimal, doch neben ihm blühen auch Kenan Karaman (fünf Tore) und Erik Thommy (vier Tore) auf.

Oft in Führung, selten gewonnen

In vielen Partien der Rückrunde sah die Fortuna besser aus als in der Hinrunde. Die Spieler laufen mehr, sie setzen den Gegner früher unter Druck, sie passen den Ball flüssiger durch die eigenen Reihen. Nicht umsonst hat Rösler als Bundesliga-Trainer erst drei Spiele verloren, gegen den Tabellenführer Bayern (0:5), den Tabellenzweiten Dortmund (0:1) sowie den Tabellenfünften Mönchengladbach (1:4).

Und doch konnten die Fortunen ihre guten Leistungen zu selten in Punkte umwandeln. Manches Mal fehlte ihnen die nötige Ruhe im Abschluss, so etwa beim 0:0 gegen Paderborn. Manches Mal verpassten sie den richtigen Zeitpunkt, um vom dominanten Passspiel auf eine rein defensiv ausgerichtete Ergebnisverwaltung umzuschalten, so etwa gegen Hertha BSC, als sie eine 3:0-Führung zu einem 3:3 verspielten. Und bisweilen hatten sie Pech wie gegen Dortmund am Wochenende, als Skrzybski erst kurz vor Schluss zweimal den Pfosten, der BVB dann aber das Siegtor in der 95. Minute erzielte.

Kurioserweise punktete Düsseldorf nun gegen Leipzig, als von den spielerischen Fortschritten unter Rösler am wenigsten zu sehen war. Gegen RB verteidigte Fortuna tief, lief hinterher. Auch darin steckt eine Ironie dieser Düsseldorfer Rückrunde. Für den Klassenverbleib braucht Röslers Team in den letzten beiden Saisonspielen gegen Augsburg (Samstag, 15.30 Uhr/ Liveticker SPIEGEL.de) und Union Berlin noch Punkte. Im Moment steht Düsseldorf auf dem Relegationsplatz 16, mit nur einem Zähler Vorsprung auf Werder Bremen. Es wird am Ende wohl auch auf das Glück ankommen - Pech hatte Fortuna in dieser Spielzeit schon genug.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version waren die Namen von Kenan Karaman und Valon Berisha falsch geschrieben, auch das Ergebnis gegen Bayern München war nicht korrekt. Wir haben diese Fehler korrigiert.

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