Nachruf auf Spaniens Fußballstar Gento Real Madrid war sein Leben

Kein Fußballer hat den Europacup der Landesmeister so oft gewonnen wie er. Francisco »Paco« Gento stand für die größte Zeit von Real Madrid. Dem Verein ist er bis zum Lebensende treu geblieben.
Francisco Gento in Real-Weiß, 1961

Francisco Gento in Real-Weiß, 1961

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IMAGO / United Archives International

Als der Europapokal der Landesmeister eingeführt wurde, war das für Francisco Gento, den alle »Paco« nannten, keine große Sache. »Wir hatten keine Ahnung vom Modus, wir haben einfach gespielt«, hat er viel später in einem Interview mal erzählt, wie das war im Jahr 1956. Dem Jahr, in dem »Paco« Gento begann, sich für die Fans von Real Madrid unsterblich zu machen.

Der Europapokal der Landesmeister heißt heute Champions League, und er ist längst der größte Wettbewerb im europäischen Vereinsfußball. Es gibt nur einen Fußballer auf der Welt, der diese Trophäe sechsmal gewinnen konnte. Dieser Spieler heißt Francisco Gento.

1956, 1957, 1958, 1959, 1960 – was für eine Serie, die diese große Mannschaft von Real Madrid damals hinlegte. Gespickt mit den Stars ihrer Zeit: den Argentiniern Alfredo Di Stéfano und Héctor Rial, dem Franzosen Raymond Kopa und Ungarns Fußballidol, dem Major Ferenc Puskás.

Er sorgte für die Flanken

Di Stéfano und Puskás, man kann sie ohne Nachdenken als Legenden des Sports bezeichnen. Aber auch sie waren nicht mehr dabei, als Real nach einer Pause von sechs Jahren 1966 noch einmal auf Europas Fußballthron saß. Gento hat das dagegen geschafft.

Und überhaupt: Ob Di Stéfano und Puskás die Real-Ikonen geworden wären, die sie waren, wenn sie Gento nicht gehabt hätten, darf man zumindest anzweifeln. Der kleine Spanier sorgte mit seinen Flügelläufen für die Räume, für die Flanken, für die Vorlagen, die die Superstars aus Argentinien und Ungarn vor dem Tor brauchten. Ein, zwei Übersteiger, ein Lupfer, und er war vorbei am Abwehrspieler.

Gento als Mannschaftskapitän im Europacupfinale 1964 gegen Inter – eines der wenigen Endspiele, das er verlor

Gento als Mannschaftskapitän im Europacupfinale 1964 gegen Inter – eines der wenigen Endspiele, das er verlor

Foto: IMAGO / Horstmüller

Und wenn die beiden berühmten Sturmpartner mal nicht das Tor trafen, übernahm Gento das auch noch: In 601 Pflichtspielen für Real erzielte er als Außenstürmer mindestens ebenso beeindruckende 182 Tore.

In Armut aufgewachsen

An der Wiege war ihm das nicht gesungen worden. Er kam als Sohn eines Lastwagenfahrers in armen Verhältnissen im nordspanischen Kantabrien zur Welt. Hineingeboren in den sich anbahnenden Bürgerkrieg im Land, unruhige, grausame Zeiten. Als Kind musste er die Familie miternähren, arbeitete früh, die karge freie Zeit widmete er dem Sport: Leichtathletik und Fußball, das sind schon als Kind seine Leidenschaften. Und er wird sie beide nutzen: Als Fußballer wird er später zu den Schnellsten seiner Ära gehören. »La Galerna del Cantábrico«, das war sein Spitzname: der Sturmwind von Kantabrien.

18 Jahre trug er das weiße Trikot von Real. 1953 hatte ihn Präsident Santiago Bernabéu von Racing Santander in die Hauptstadt gelockt, nachdem er als 19-Jähriger eine überragende Partie für Racing gegen Real abgeliefert hatte. Die Strategie der Topklubs, der Konkurrenz die besten Spieler abzuluchsen, die gab es damals schon.

So einer wie Gento, der hatte in Madrid zu spielen, beschloss Bernabéu, und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wurde es auch so gemacht. Real war zu jener Zeit schließlich die unumschränkte Nummer eins in Spanien, gehätschelt und gefördert zudem vom Franco-Regime. Die Rivalität zum FC aus dem republikanischen Barcelona ging damals bereits weit übers Sportliche hinaus, wahrscheinlich noch weit mehr als heute.

Ein Madridista durch und durch

Gento hat sich darüber nie viele Gedanken gemacht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit: »Franco hat nicht für Real gespielt«, hat Gento 2015 gesagt, er habe sich »nicht einmal besonders für Fußball interessiert«. Damit war für ihn das Thema erledigt. Er war immer ein Madridista, ein Real-Mann durch und durch.

Ein Vereinswechsel kam für ihn daher nie infrage. Bis 1971 blieb er den Königlichen treu, dann beendete er seine aktive Karriere. Mit einer Trophäensammlung, die den Ausbau seines heimischen Vitrinenschranks dringend nahe gelegt hätte: zwölf spanische Meisterschaften, zwei Pokalsiege, ein Weltpokalsieg.

Gento mit einem, der in seinen Fußstapfen wandelte: Cristiano Ronaldo

Gento mit einem, der in seinen Fußstapfen wandelte: Cristiano Ronaldo

Foto: IMAGO / Agencia EFE

Gento war einer von denen, die im Verein Großes vollbrachten, in der Nationalmannschaft aber nie so geglänzt haben, trotz 43 Länderspieleinsätzen. Das EM-Finale 1964, als Spanien den Titel holte, verpasste er. 1966 führte er Spanien zwar als Kapitän nach England, aber die Mannschaft schied bereits nach der Gruppenphase aus.

Ehrenpräsident von Real

Beim entscheidenden Gruppenspiel gegen Deutschland fehlte er, das Tor von Lothar Emmerich von der Torauslinie sah er daher nur als Zuschauer. So war das letzte WM-Spiel seiner Karriere der letztlich bedeutungslose 2:1-Sieg über die Schweiz. Erwähnenswert an dieser Partie vom 15. Juli im Hillsborough Stadion von Sheffield war lediglich der Schiedsrichter. Er hieß Tofiq Bahramov aus der UdSSR und sollte es im späteren Verlauf dieser Weltmeisterschaft als Linienrichter im Wembley-Finale noch zu einer gewissen Berühmtheit bringen.

Ein Madridista ist Gento bis ins hohe Alter geblieben. 2015 ernannte ihn Präsident Florentino Pérez zum Ehrenpräsidenten des Klubs. Allein 42 Mal spielte er gegen den Stadtrivalen Atletico. Solche Bilanzen können selbst Klubikonen wie Sergio Ramos oder Raúl nicht aufweisen.

Real Madrid war sein Leben. Mit 88 Jahren ist Gento, der Mann, der mithalf, Di Stéfano und Puskás mit seinen Vorlagen berühmt zu machen, gestorben. Bis zuletzt wohnte er, selbstverständlich, ganz in der Nähe des Bernabéu-Stadions.

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