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19. Mai 2019, 08:20 Uhr

Abschied von Franck Ribéry

Viel geleistet

Von Florian Kinast, München

Tolle Spieler hatte der FC Bayern viele, aber kaum einer wurde in München so geliebt wie Franck Ribéry. Der Franzose verkörperte perfekt den Charakter des Klubs - und konnte sich dank seines Beschützers Uli Hoeneß sehr viel erlauben.

Die Spieler des FC Bayern hatten am Samstagabend schon allesamt im Mannschaftsbus gesessen, abfahrbereit zur internen Meisterfeier im Salvatorkeller auf dem Nockherberg. Wer noch fehlte, war Franck Ribéry, er kam kurz vor halb acht. Frisch gewaschen und abgetrocknet nach all den Bierduschen und all den Tränen, die er vor der Kurve geweint hatte zum Abschied.

In seinen Händen trug Ribéry eine gute alte Bekannte, die Silberschale. Zum neunten Mal in seinen zwölf Münchner Jahren war er nun also Deutscher Meister geworden, so oft wie kein anderer Spieler je vor ihm.

Ein standesgemäßer Abschied an einem emotionalen Tag, der noch einmal die besondere Beziehung zwischen dem Franzosen und dem Klub veranschaulichte.

Auch Arjen Robben und Rechtsverteidiger Rafinha wurden an diesem letzten Bundesligaspieltag verabschiedet. Und wie der eingewechselte Ribéry durfte auch der eingewechselte Robben wie in einem viel zu kitschigen Drehbuch noch einmal ein letztes Tor vor eigenem Publikum erzielen.

Aber keinem jubelte die Masse so zu wie Ribéry. Uli Hoeneß applaudierte bei Robbens Treffer. Aber bei Ribérys Tor brach er in Tränen aus.

Franck Ribéry war in seinen zwölf Jahren in München ein Phänomen. Eine schräge Figur mit schiefen Zähnen, ein Bauarbeiter von der nordfranzösischen Atlantikküste, den die Fans mehr ins Herz schlossen als manch einen Münchner Lokalmatador. Ribéry liebte die Kurve mehr als Philipp Lahm.

Mit ihm, dem Franck, konnte sich der Fan identifizieren. Weil er immer so wirkte, als würde er, könnte er da unten nicht Fußball spielen, am liebsten hinterm Tor im Block stehen. Und weil er sich immer so leidenschaftlich bekannte zum Klub und zur Stadt. Zu Bayern. Zu München.

Und weil er, für die Bayern-Seele auch wichtig, im bislang letzten Pflichtspiel-Derby gegen den verhassten Lokalrivalen TSV 1860 vor mehr als elf Jahren das Siegtor schoss. Zum 1:0 im DFB-Pokal-Viertelfinale. Ja, das spielt in München tatsächlich eine große Rolle. Ein Transparent an diesem Samstag zeigte einfach nur das Datum: 27.2.2008.

Vor allem aber gab es zuletzt keinen Profi, der den Verein so sehr personifizierte, den Charakter des FC Bayern so sehr verkörperte wie er. Mal bodenständig und hemdsärmelig. Immer selbstbewusst, streitbar und stolz. Und sehr gern provozierend und polarisierend, mit einem Hauch dieser Münchner Arroganz, gespeist aus der Selbstsicherheit, etwas Besseres zu sein. Und wenn einem einer blöd kommt, langt man gerne auch mal hin. Nur nichts gefallen lassen.

So groß die Liebe zueinander wurde, anfangs fremdelte Ribéry noch und hatte so gar keine Lust auf München. Noch im Frühjahr 2007 erklärte der von vielen europäischen Spitzenklubs umworbene Franzose: "Deutschland interessiert mich nicht so sehr. Ich bevorzuge die Ligen in England und Spanien."

Schließlich kam er aber doch, wechselte für eine damals horrende Ablösesumme von 25 Millionen Euro von Marseille zu den Bayern und bekam die Rückennummer 7 des damals eben zurückgetretenen Mehmet Scholl.

Hoeneß, der "zweite Vater"

Um zu begreifen, wie lange das her ist, muss man nur die Namen der Startelf lesen, als Ribéry am 11. August 2007 beim 3:0 gegen Hansa Rostock erstmals seine Bundesliga-Gegenspieler schwindlig spielte: Kahn - Lahm, Lucio, Demichelis, Jansen - Van Bommel, Zé Roberto, Ribéry, Schweinsteiger - Toni, Klose.

Ribéry und seine Streiche - nicht jeder fand sie lustig, er liebte sie. Zahnpasta unter Türklinken, Salz statt Zucker im Streuer auf dem Esstisch, eimerweise Wasser vom Dach der Säbener Straße. Ribéry durfte das, und er durfte noch viel mehr. Selbst als der Spaß aufhörte, bei seinen vielen Fehltritten, konnte er sich immer der uneingeschränkten Protektion von ganz oben sicher sein. Denn einer hielt immer die schützende Hand über ihn: Uli Hoeneß. Immer wieder hatte Hoeneß ein Ohr für Ribéry, wenn der bei ihm Zuhause anrief und klagte, weil er im Spiel davor wieder ausgewechselt worden war. Oder wenn Ribéry ihn gleich direkt besuchte. Ob Zuhause in Bad Wiessee, oder in der JVA in Landsberg. "Uli war wie ein zweiter Vater für mich", sagte Ribéry am Samstag.

Immer wieder warf sich der damalige Manager und heutige Präsident vor seinen Lieblingsspieler. Im Jahr 2010, als die Behörden in Frankreich wegen Sex mit der minderjährigen Prostituierten Zahia Dehar Ermittlungen gegen Ribéry aufnahmen, wurde Hoeneß vom Autor dieses Textes um eine offizielle Stellungnahme gebeten. Hoeneß erwiderte schmallippig: "Der Franck wusste nicht, wie alt die Frau war." Auf Nachfrage, ob nicht genau dieser Punkt Gegenstand der eben laufenden Ermittlungen sei, brüllte Hoeneß: "Und wenn Sie ins Bordell gehen, dann fragen Sie die Dame doch auch nicht, wie alt sie ist."

Manchmal wirkte es gar, als habe Ribéry bei den Bayern einen Freifahrtschein. Für seine Ohrfeige gegen den Journalisten Patrick Guillou im November 2018 in Dortmund wurde er genauso wenig sanktioniert wie kurz darauf für seine unflätigen Pöbeleien im Zuge der Causa Goldsteak.

Nur als er Arjen Robben in der Kabine mit einem gezielten Hieb ins Gesicht schlug, aus Wut darüber, weil er zuvor einen Freistoß nicht schießen durfte, wurde er vom Verein mit einer Geldbuße von 50.000 Euro belegt. Eine Sperre blieb aus. Dazu die vielen Rüpeleien auf dem Platz, manche mit Rot bestraft, andere mit Gelb, viele gar nicht. Aber die Fans verziehen ihm alles, all die Eklats und Eskapaden. Und die Bosse auch.

Noch ist unklar, wohin es Ribéry ziehen wird. Ob nach China, nach Katar oder nach Australien. Nach der Karriere, das kündigte er bereits an, wird er nach München zurückkehren. Dann ist er auch wieder ganz nah an seinem zweiten Vater.

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