Frankfurt-Coach Funkel Realo mit Seefahrergesicht

Friedhelm Funkel ist der ewige Skeptiker und Mahner - und damit der perfekte Trainer für die Frankfurter Eintracht und ihr latent größenwahnsinniges Umfeld. Dennoch gilt er als chronisch unterschätzt, egal ob heute als Trainer oder früher als Spieler.

Von Jan Wigger


Vielleicht lassen sich die liebend gern ins Absurde driftenden Erwartungshaltungen der Fans von Eintracht Frankfurt am besten anhand der kürzlich von einem deutschen Fussball-Fachmagazin durchgeführten Leserumfrage verdeutlichen. Gefragt wurde nach dem kommenden deutschen Meister. Noch vor Schalke 04 und Bayer Leverkusen landete die Frankfurter Eintracht dort auf Platz vier.

Der gar nicht mehr so knorrige, dafür bodenständige und zutiefst realistische Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel kann über derlei Wunschdenken ganz und gar nicht schmunzeln, sondern wird richtig zornig: "Wann ist die Eintracht denn das letzte Mal deutscher Meister geworden? 1959! Wovon träumen die Leute denn? Man hat zwar mal in der Spitzengruppe der Bundesliga mitgespielt, aber der Verein und die Verantwortlichen haben es damals versäumt, die Weichen so zu stellen, dass man dort auch dauerhaft bleibt", sagt Funkel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Uns ist es jetzt gelungen, mit solider Arbeit und vernünftigem Wirtschaften Struktur in den Verein zu bringen. Darauf sind wir auch ein klein wenig stolz."

Mit "uns" meint Funkel den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen, dessen Sachlichkeit und Wirklichkeitsnähe sprichwörtlich sind, weshalb das Team Funkel - Bruchhagen heute so untrennbar scheint wie der in den Neunzigern unglücklich gelöste Schicksalsverbund von Klaus Toppmöller und Uli Stein. Es ist wohl kaum übertrieben, wenn man Funkel, der in seiner Trainerkarriere fünf Aufstiege feiern konnte, die wohl ruhigsten Arbeitsbedingungen der vergangenen 30 Jahre Eintracht-Geschichte bescheinigt.

Mit einigem Recht könnte man außerdem sagen: Funkel gilt als unterschätzt. Im Dress des 1.FC Kaiserslautern schlug er Real Madrid 5:0. 1986 gewann er als ewiger Leistungsträger von Bayer Uerdingen im Europacup-Viertelfinale gegen Dynamo Dresden in einem der größten Spiele aller Zeiten 7:3. Als Coach des 1.FC Köln legte der zu jener Zeit bei den Fans eher geduldete als geliebte Disziplinfanatiker eine bis heute nicht mehr erreichte Serie von 27 ungeschlagenen Zweitliga-Spielen hin. Aus Aberglaube trug er von August bis März dasselbe ungewaschene T-Shirt.

Mit dem MSV Duisburg (1998) und Eintracht Frankfurt (2006) zog er über das DFB-Pokal-Endspiel in den Uefa-Cup ein, und einmal sollte Funkel dem damaligen DFB-Teamchef Rudi Völler gar als Bundestrainer assistieren. Allerdings nur für zehn Monate und als Platzhalter für den bekanntlich dann doch noch verhinderten Christoph Daum – er lehnte dankend ab.

Kurzzeitige Engagements sind Funkels Sache, entgegen der Legende, nämlich nicht: Knapp 20 überwiegend erfolgreiche Jahre schaffte er als Spieler und Trainer bei seinem Herzensverein Bayer 05 Uerdingen, vier als Übungsleiter des MSV Duisburg, etwas weniger in Rostock und Köln. Und auch wenn es sich womöglich nicht gleich so anhört: Der Erfahrenste aller 36 Bundesliga-Trainer ist mit der eigenen Vergangenheit vollkommen im Reinen und trägt niemandem etwas nach.

"Die Geduld, die jetzt hier in Frankfurt vorhanden ist, war zum Beispiel damals beim 1.FC Köln einfach nicht da", sagt Funkel, "heute weiß jeder in Köln, dass meine Beurlaubung ein großer Fehler war." Als er nach "zehn oder elf Erstliga-Spieltagen" entlassen worden sei, "hatte der FC einen Punkt Rückstand auf Platz 15, zur Winterpause waren es dann schon acht." Am Ende der Saison stiegen die Kölner ab. "Seitdem ich weg bin, gab es dort fünf verschiedene Trainer und ich bin immer noch in Frankfurt. Ich glaube, das sagt alles", erklärt Funkel.

Die gute Chemie zwischen Trainer, seinem Manager und Chefscout Bernd Hölzenbein ist hier mitentscheidend. Jeden Morgen berät sich das Trio. Das gegenseitige Vetrauen der anscheinend unbeugsamen Stabilisatoren hat sich ausgezahlt, die Eintracht spielte die beste Hinrunde seit 14 Jahren. Der oftmals als bieder geschimpfte Realo Funkel hat Recht behalten: Ein Verein wie der VfL Wolfsburg, der für die aktuelle Saison mehr als 30 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben hat, steht in der Tabelle hinter der Eintracht. Funkels unmissverständliches Credo lautet: Lieber drei mal hintereinander zehnter werden als einmal fünfter und in der darauffolgenden Saison absteigen.

Mittlerweile ist Funkel seit mehr als drei Jahren Eintracht-Trainer, nur Erich Ribbeck hielt es länger auf dem Chefsessel aus. Den eigenen Stellenwert will der Coach, ganz Funkel-typisch, nicht zu hoch eingeordnet wissen. "Wenn ich eines Tages nicht mehr hier bin, kommt ein anderer Trainer. Aber wenn Heribert Bruchhagen nicht mehr hier ist, dann wird es für die Eintracht ganz schwer – das wage ich einmal zu prophezeien", sagt Funkel. Bruchhagen sei in der Lage, diesen schwierigen Verein und das Umfeld zusammenzuhalten und Vernunft walten zu lassen, lobt der Trainer.

Es passt ins Bild, dass Funkel noch heute größtenteils dieselben Freunde hat wie damals mit 15, als er in der B-Jugend des VfR Neuss gegen den SC Kapellen oder BV Wevelinghoven kickte. Natürlich: Dem 54-Jährigen fehlt Glamour. Aber welcher aktuelle Bundesliga-Trainer hat den schon? In Frankfurt hat man sich an dieses mit Furchen versehene, immer angemessen skeptisch dreinblickende Seefahrergesicht gewöhnt. Und das ist bei diesem Verein schon eine ganze Menge.



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