Frankfurt Ultras vs. Polizei Warnschuss mit Knalleffekt

In Frankfurt herrscht vor dem Spiel gegen den 1. FC Köln Alarmstimmung. Auslöser waren angebliche Fankrawalle und ein Warnschuss am vergangenen Spieltag im Stadion der Hessen. Doch die Panikmache ist überzogen: Sowohl Polizei als auch die Ultras geloben Besserung.

dapd

"Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist." Dieses Zitat des ehemaligen Trainers des FC Liverpool, Bill Shankly, ist legendär. Es könnte auch das Motto zahlreicher Ultra-Fangruppen des Landes sein. Für die Hardcore-Fans bedeutet Fußball alles.

So auch bei den Anhängern der Eintracht aus Frankfurt, die am vergangenen Samstag mitten im Abstiegskampf ohne Gegenwehr 0:3 beim Rivalen aus Mainz verlor. Echte Fans verfolgt so eine Niederlage tagelang. Und wenn sie etwas jünger sind und mit der S-Bahn gerade an dem Ort vorbeifahren, an dem wenige Minuten darauf die Spieler ankommen, beschließen sie vielleicht sogar, ihr Team zur Rede zu stellen. So wie es am Samstagabend auf dem Vereinsgelände der Eintracht geschah.

In Frankfurt gibt es Drähte zwischen Fans und Verein. Den etwa 250 Fans - die meisten davon der Ultraszene zugehörig - die nach der Heimpleite in Mainz auf die Eintracht-Spieler warteten, soll von Seiten des Vereins gesagt worden sein, dass sich die Profis einem Gespräch stellen würden. Doch dazu sollte es nicht kommen. Auf dem Stadiongelände zückte stattdessen ein Zivilbeamter der Polizei, offenbar ein junger unerfahrener Kollege, seine Schusswaffe, als er die Fans näherkommen sah - in Deutschland kommt so etwas äußerst selten vor.

"Wir waren von der Mannschaft zum Gespräch eingeladen", sagt Andreas (Name von der Redaktion geändert), "da ist es doch mehr als unüblich, wenn man mit Schlagstöcken und gezückter Waffe empfangen wird." Andreas sagt aber auch, dass die Situation "emotionalisiert" gewesen seien. Während des Wortgefechts, in dem er aufgefordert wurde, die Waffe wegzustecken, wich der Beamte zurück. Etwa 75 Meter, wie Polizeisprecher Jürgen Linker sagt. Dann gab er seinen Warnschuss in die Luft ab.

"Das war in keiner Weise bedrohlich"

Dass der Beamte sich in die Enge gedrängt gefühlt hat, lässt sich nachvollziehen - auch wenn Augenzeuge Andreas die Situation anders empfunden hat: "Das war in keiner Weise bedrohlich. Zumal um uns herum ein Dutzend Zivilpolizisten und Security-Leute standen." Kurz darauf kam es zu 19 Festnahmen wegen Landfriedensbruchs. Nicht wegen Sachbeschädigung oder gar Körperverletzung, wie zunächst berichtet. Die Bundesliga hatte ihren neuesten Aufreger zum Thema Fangewalt.

Stephan von Ploetz ist der Leiter des Frankfurter Fanprojekts. Er wünscht sich für die Zukunft sowohl von der Polizei als auch von den Fans mehr Bereitschaft zur Selbstkritik, wenn es zu solchen Geschehnissen kommt. "Warum behaupten nach solchen Vorfällen immer beide Seiten, sie hätten alles richtig gemacht?"

Derzeit ärgert er sich aber vor allem über die Eigendynamik, die die Ereignisse bekommen haben: "Da herrscht eine merkwürdige Logik: Da eine Schusswaffe eingesetzt wurde, muss ja eine extreme Bedrohungslage vorgelegen haben." Die Gewaltfaszination macht dabei offenbar zuallerletzt vor Medien halt. Von Ploetz hat am Montag jedenfalls ein Gespräch beendet, "weil der Journalist so ausschließlich auf Randale fixiert war, dass man ihn gar nicht mehr beruhigen konnte".

Das Heimspiel Frankfurts gegen Köln am kommenden Samstag (15.30 Uhr Liveticker, SPIEGEL ONLINE) wird nun von einem Rekordaufgebot an Polizei begleitet werden, auch Borussia Dortmund hat angekündigt, auf der Hut zu sein, wenn die Eintracht am 34. Spieltag beim Meister spielt. Es scheint schwierig, aus der Eskalationsspirale herauszukommen. Immerhin: Mancherorts weichen die Fronten auf.

In Hannover zum Beispiel hat die Polizei beste Erfahrungen mit einer deeskalierenden Strategie gemacht. Präsenz wird nur dann gezeigt, wenn wirklich Gefahr im Verzug ist, ansonsten bleiben die Beamten im Hintergrund. Auch auf Seiten der Ultras ist die Bereitschaft zum Dialog offenbar gestiegen, in den vergangenen Monaten gab es bei vielen Clubs Gespräche, die beide Seiten als produktiv empfanden. Auch die Frankfurter Polizei will auf Vernunft setzen. "Im Nachhinein", sagt Jürgen Linker, Polizeisprecher, "wäre es sicher auch dem Kollegen lieber gewesen, er hätte die Waffe nicht gezogen. Grundsätzlich werden wir an unserer deeskalierenden Linie festhalten."

Martialisches Gehabe als Teil des Selbstverständnisses

Also viel Lärm um wenig? Es scheint fast so. Doch der Widerhall in den Medien war enorm. "Aus einem Warnschuss wurden Schüsse, aus gefrusteten Anhängern gewaltbereite Monster und aus einem eventuell überforderten jungen Zivilbeamten eine eigentlich tragische Gestalt", beschreibt die "Frankfurter Neue Presse", wie sich das Thema hochschaukelte und folgerte: "Die Ultras haben einen weiteren Grund, sich missverstanden und in die Ecke 'Gewalttäter' gedrängt zu fühlen."

Ein Image, das manche Ultra-Gruppierung allerdings auch kultiviert. Auch unvoreingenommenen Beobachtern fuhr der Schreck in die Glieder, als sie in der Mainzer Innenstadt Hunderte schwarzgekleidete Frankfurt-Ultras sahen, wie sie mit einem am Galgen baumelnden Mainzelmännchen Richtung Bruchwegstadion zogen.

Andererseits haben jugendliche Subkulturen - und die Ultrabewegung ist seit etwa 15 Jahren eine davon - von Punks über Gothics bis Emos immer auch mit provokativem Äußeren gespielt. Auch im Falle der Ultras ist das Bürgerschreck-Image, das martialische Gehabe, Teil des Selbstverständnisses. Dazu kommen Pyroeinlagen und teilweise äußerst aggressive Gebaren in den Kurven.

Polizeisprecher Linker erlebt die Szene so: "Unter Gruppenzwang sind die oft völlig ausgeflippt, die wissen dann nicht mehr, ob ein Ball rund oder eckig ist." Mit den Problemfans früherer Dekaden hätten sie aber wenig zu tun: "Wenn sie einzeln mit denen reden, treffen sie auf gut erzogene Leute mit hoher Intelligenz."

Inzwischen haben sich Fans und Mannschaft ausgesprochen. In einer knapp zweistündigen Diskussion sei am Donnerstagabend im Trainingslager in Bitburg Klartext geredet worden. Kapitän Patrick Ochs versprach den Anhängern den vollen Einsatz der Mannschaft. Die Fans versicherten den Spielern ihre Unterstützung, wenn deren kämpferischer Wille klar erkennbar sei. Die Mannschaft müsse jetzt alles geben. Das wäre sicherlich auch in Shanklys Sinne.



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