Frankreich - Dänemark Henry verzauberte die Dänen

Nach dem 3:0-Sieg gegen Dänemark haben die Franzosen nicht nur einen ersten Schritt in Richtung Viertelfinale getan. Sie bewiesen vor allem, dass sie eines nicht haben: ein Stürmer-Problem.

Von Katrin Weber-Klüver


Laurent Blanc: Torschütze zum 1:0
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Laurent Blanc: Torschütze zum 1:0

Brügge - Frankreich also. Wenn es Zweifel gegeben haben sollte, dass die französische Mannschaft, die vor zwei Jahren im eigenen Land Weltmeister geworden ist, nun auch das Zeug hat, bei den kontinentalen Titelkämpfen zu bestehen, dann sind sie seit Sonntag in alle Winde zerstreut.

Es gab zu Beginn der Auftaktpartie gegen Dänemark zehn Minuten, in denen die Mannschaft in der Defensive Probleme hatte, sich auf den ungestümen Gegner einzustellen. Und Glück, dass dessen Stürmer Tomasson aus einem Abwehrfehler kein Kapital schlug. Dann aber demonstrierten die Franzosen bei ihrem 3:0-Erfolg beeindruckend, dass sie seit dem Titelgewinn im Juli 1998 nicht nur nicht schlechter, sondern sogar noch besser geworden sind. Namentlich in der Offensive.

Franz Beckenbauer hat sich unlängst einmal darüber ereifert, was für einen "Angsthasenfußball" Frankreich bei der WM im eigenen Land geboten habe. Begründung: eine Standardaufstellung mit nur einem Stürmer. Selbst wenn man die Kritik ernst nähme, was angesichts des damaligen Erfolges schwierig ist, wäre sie mit Blick auf die französische Elf der Gegenwart hinfällig. Der Sturm, der damals angelegentlich und auch in der Startelf des Finalspiels gegen Brasilien nur aus dem glücklosen Guivar'ch bestand, kann sich inzwischen mit den Qualitäten des Mittelfelds um den großartigen Zinedine Zidane messen. Der 21-jährige Nicolas Anelka steht im Zentrum, Thierry Henry, ebenfalls gerade einmal 22 Jahre alt, spielt etwas zurückgezogen an seiner linken Seite, und Youri Djorkaeff gibt den offensiven Part im rechten Mittelfeld. Mit ihnen zieht Zidane in ruhiger Präzision und schnörkelloser Kunstfertigkeit sein Spiel auf.

Zidane tat es in Brügge so schön, dass nach dem Spiel nicht nur sein eigener Trainer Roger Lemerre glücklich war, sondern auch der dänische Coach ganz hingerissen. Bo Johansson konstatierte mit trauriger Miene, seine Spieler seien bis an ihre Grenzen gegangen, um dann mit verklärtem Blick zu schwärmen, welche Fähigkeiten die französischen Akteure hätten. "Die Schnelligkeit eines Henry?", wollte jemand wissen. Ach, stand da auf Johanssons Gesicht geschrieben, doch nicht nur das. Wenngleich: Allein schon der Antritt Henrys, der bereits bei der WM als Debütant und Einwechselspieler mit drei Treffern Frankreichs bester Torschütze war, ist phantastisch. Und war wohl ein Grund dafür, dass Berti Vogts und Roy Hodgson als Mitglieder der Spielbeobachtercrew der UEFA den Stürmer vom FC Arsenal zum "Man of the match" kürten.

Zinedine Zidane weiß natürlich, wie man diese Begabung Henrys einsetzt. Er schickte Henry nach einer Stunde mit einem Doppelpaß auf den Weg. Der Däne Colding hatte nicht den Hauch einer Chance, dem Ball führenden Franzosen zu folgen, als der das 2:0 erzielte. Allein im defensiven Mittelfeld hat Frankreich ein Problem, dass bei den beiden stärkeren Gruppengegnern Holland und Tschechien fatalere Auswirkungen haben könnte. Denn der mittlerweile im eigenen Land sehr umstrittene Kapitän Didier Deschamps, 32, hat als Abräumer vor der Abwehr eine relativ hohe Fehlerquote.

Deschamps' Nachfolger aber steht schon bereit. Es ist Patrick Viera, auch erst 23 Jahre alt, der in Brügge in der zweiten Halbzeit schon mal an der Seite des Kapitäns zum Einsatz kam. Dechamps war es dann immerhin vergönnt, kurz vor dem Ende den letzten Treffer durch den gerade eingewechselten Sylvain Wiltord einzuleiten. Die französischen Fans feierten ihre Mannschaft anschließend zu "I will survive"-Beschallung aus den Stadionboxen. Es wäre allerdings ziemlich überraschend, spränge nicht viel mehr als Überleben beim französischen EM-Trip heraus.



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