Frankreich gegen Irland Skandal-Tor empört Fans und Politiker

Beschämte Franzosen, wütende Iren: Die Empörung über das Skandalspiel in der WM-Qualifikation hat jetzt auch die Politik erreicht. Irland fordert eine Wiederholung der Partie - und erboste Fans attackieren die Facebook-Seite von Stürmer Thierry Henry.

AFP/ TF1

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Auf Thierry Henrys Facebook-Account herrscht derzeit ein rauer Umgangston: Wo sonst Fans dem französischen Angreifer huldigen, schreiben sich nach dem Skandalspiel gegen Irland die Kritiker in Rage. Von unflätigen Beschimpfungen bis zu entrüsteter Fassungslosigkeit reicht das Spektrum der Einträge. Dabei sind längst nicht alle Negativkommentare in englischer Sprache verfasst, auch viele Anhänger der "Equipe Tricolore" machen ihrem Unmut Luft.

Der Stürmer des FC Barcelona hatte den Ausgleichstreffer durch William Gallas in der 103. Minute mit einem klaren Handspiel eingeleitet. Trotz massiver Proteste der Iren ließ der schwedische Schiedsrichter Martin Hansson das Tor gelten - und brachte den Außenseiter damit um die Chance, im Elfmeterschießen doch noch das Ticket zur WM nach Südafrika zu lösen.

Im Pariser Regierungspalast ist man von Jubelstimmung ob der geglückten Qualifikation denn auch weit entfernt: "Die Franzosen sind beunruhigt und enttäuscht", klagte Gesundheits- und Sportministerin Roselyne Bachelot. Ex-Nationalspieler Jean-Michel Larqué sagte als TV-Kommentator: "Ich fühle mich unwohl." Verbandsboss Jean-Pierre Escalettes meinte, man müsse "den Abend ganz schnell vergessen".

Irischer Minister und Fußballverband fordern Wiederholungsspiel

Auch ein irischer Politiker meldete sich bereits zu Wort, von Vergessen will Dermot Ahern allerdings nichts wissen. Im Gegenteil: Der Justizminister sieht den Weltverband Fifa in der Verantwortung und fordert nicht weniger als eine Neuansetzung der Partie. "Sie werden es uns wahrscheinlich nicht bewilligen, weil wir ein kleiner Fisch im Weltfußball sind", gab sich Ahern jedoch wenig zuversichtlich. "Sollte das Ergebnis bleiben, verstärkt es die Sicht, dass man gewinnt, wenn man betrügt."

Dazu hat sich der irische Fußballverband eingeschaltet. Dieser plädiert ebenfalls für eine Neuauflage des Spiels. "Diese offensichtliche Fehlentscheidung des Schiedsrichters hat der Integrität des Sports geschadet. Wir fordern die Fifa daher auf, ein Rematch zu organisieren", hieß es in einem Statement.

Der Protest hat allerdings wenig Aussicht auf Erfolg, da es sich um eine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters handelt.

Das Presseecho in Frankreich fällt trotz gesicherter WM-Teilnahme entsprechend vernichtend aus. "Darauf kann man nicht stolz sein", titelte die Zeitung "Le Figaro". Das Sportblatt "L'Equipe" fordert nach dem "katastrophalen Spiel" Konsequenzen. Man müsse überlegen, ob der umstrittene Coach Raymond Domenech wirklich der richtige Mann für den WM-Job sei, heißt es auf Seite eins unter der Überschrift "Die Hand Gottes".

Damit spielt das Blatt auf den Treffer von Argentiniens Diego Maradona im WM-Viertelfinale 1986 gegen England an. Der legendäre Offensivspieler hatte den Ball damals per Hand über die Linie gebracht und hinterher zu Protokoll gegeben, die "Hand Gottes" habe bei seinem Tor mitgewirkt.

"Lassen Sie mich die Qualifikation genießen"

Und so dürfte trotz der geglückten Quali kaum Ruhe bei der zuletzt viel gescholtenen Equipe einkehren. Während Übeltäter Henry sein Vergehen offen zugab ("Es war ein Handspiel. Aber ich bin nicht der Schiedsrichter. Der hat das Tor gegeben") wiegelt der umstrittene Nationalcoach Domenech ab. Er habe von seiner Position aus kein Handspiel gesehen. "Lassen Sie mich die Qualifikation genießen", fuhr der Trainer Reporter an, die ihn zu der kontroversen Szene befragen wollten.

Dabei konnte sein Team über weite Strecken der Begegnung mal wieder kaum überzeugen. Ohne den verletzten Bayern-Profi Franck Ribéry agierten die Gastgeber harmlos und apathisch. Die Iren kämpften dagegen verbissen und dominierten das Spiel zeitweise.

Die wenigen guten französischen Einzelleistungen gingen in dem Tumult über Henrys Handhilfe völlig unter. Denn letztlich retteten sogar drei Hände die Heim-Elf im Stade de France. Torhüter Hugo Lloris habe sein Team mit glänzenden Paraden "am Leben erhalten", stellte nicht nur "L'Equipe" fest.

Entsprechend stehen Domenech erneut schwere Wochen bevor. In einer Online-Umfrage von "Le Monde" sagten 89 Prozent von 38.000 Lesern, Frankreich habe die WM-Qualifikation nicht verdient. "Raymond, Du und Deine Jungs, Ihr müsst Euch mobilisieren, sonst wird das nichts in Südafrika", warnte sogar Ministerin Bachelot.

mit Material der dpa

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Seite 1
Polar, 19.11.2009
1.
Zitat von sysopDer Schiedsrichter übersah das klare Handspiel von Frankreichs Thierry Henry vor dem Ausgleich gegen Irland. Wie sollte mit solch strittigen Situationen umgegangen werden? Braucht der Fußball endlich den Beweis per Video?
Nö, so wat passiert. DIE Szene war ja auch eindeutig, aber wer hätte auch nach Bilderstudium beim Kick der N11 gestern welchen Elfmeter für wen gegeben? Ist nun mal so.
freeride 19.11.2009
2. fair play
Zitat von sysopDer Schiedsrichter übersah das klare Handspiel von Frankreichs Thierry Henry vor dem Ausgleich gegen Irland. Wie sollte mit solch strittigen Situationen umgegangen werden? Braucht der Fußball endlich den Beweis per Video?
nein, braucht er nicht. der fussball braucht - wie jede andere sportart - faire spieler, die ein solches fehlverhalten dem schiedsrichter gegenueber zugeben.
Gast100100, 19.11.2009
3.
Auch wenn mir die Iren lieber gewesen wären: Warum wird nicht auf den klaren Elfmeter für Frankreich hingewiesen? Ausgleichende Gerechtigkeit. Irland ist gescheitert, weil man die dicken Chancen in der 2. HZ nicht genutzt hat.
Casparcash 19.11.2009
4. 20 minuten zur größe
ohne neid muss man die spielerische klasse des thierry henry anerkennen. weltfussballer mit format, einer, der spiele entscheiden kann und veratwortung übernimmt. auch einer, der niederlagen nicht mag, wer kann es ihm verdenken. aber etwas fehlt ihm zur großen klasse: die größe, etwas richtiges zu tun, auch wenn es eine niederlage bedeutet. henry sagte nach dem spiel zum iren dunny: "it was a handball. but i am not the referee." ich hätte mir gewünscht, dass er diesen satz 20 minuten vorher gesagt hätte. zum schiedsrichter. niemand kann es ihm verdenken, dass er in der hitze des gefechts einen unerreichbaren ball mit der hand stoppt. niemand kann ihm die zweifel abnehmen, die er ganz sicher - schuldgefühle gehören dazu - nach dem treffer mit sich selbst hatte. doch zu der richtigen entscheidung hat er sich nicht durchringen können. zu groß war die versuchung, die teilnahme an der wm zu wichtig für ein bisschen fairness und sportlichkeit. dabei schob er die schuld dafür sogar noch weiter: auf den schiedsrichter, der die szene nicht gesehen und folglich eine fehlentscheidung getroffen hat. henry hätte helfen können. das hat er nicht getan. viele werden sagen, das gehört dazu. das ist fußball. doch geht dieser vorfall weit über das hinaus. es geht um courage, um menschlichkeit. und um die größe, etwas falsches zugeben und wieder gerade biegen zu können. das passiert nicht nur auf dem fußballplatz, auch in chefetagen, bei politikern oder bereits im büro ist das ein gängiges verhalten. zurück zum thema: der wirklich geschädigte wird thierry henry selbst sein. die wm 2010 werden die meisten bereits in einem jahr vergessen haben, wie auch immer sie ausgeht. selten haben sportliche großereignisse etwas nachhaltiges. doch an henry wird sich die nachwelt erinnern. an die 20 minuten, die er mit seiner aussage gewartet hat. und die darüber entscheiden werden, ob wir es mit einem guten fußballer oder einem großartigen sportler zutun hatten.
SwissMatthias72 19.11.2009
5. Fairness
Es wird jetzt langsam Zeit, dass der Videobeweis kommt! Immer mehr Fehlentscheidungen von professionellen Schiedsrichtern werden durch Fernsehbilder aufgedeckt! Im Sinne von Fairplay muss das kommen! Profisportler wie Thierry Henry haben Vorbildfunktion für Nachwuchsspieler. Was Henry hier macht, ist über alle Massen hinaus schäbig und eines Profis nicht würdig. Auch dass er augenscheinlich ein schlechtes Gewissen hatte. Jubeln tat er nicht, als sein Spielerkollege das 1:1 schoss. Es sollte auch möglich sein, dass man solche Fehlentscheidungen im Nachhinein am "grünen Tisch" zurücknimmt und dementsprechend reagiert. Klartext: Frankreich verliert das Spiel, Irland ist qualifiziert. Die französischen Nationalspieler sollten sich jetzt schämen und bei jedem WM-Spiel sich vor Augen führen, dass sie mit Beschiss dort auf dem Platz stehen und nicht mit sportlicher Fairness! Pfui La France, Pfui Schiedsrichter!
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