Frankreich im Achtelfinale Alles gut zum Geburtstag

Desaster verhindert, Minimalziel erreicht: Ohne ihren gesperrten Superstar Zinedine Zidane besiegte Frankreich Togo und zog ins Achtelfinale ein. An dessen Geburtstag glänzte ein anderer Jubilar. Das Spiel zeigte zudem, dass Trainer öfter auf ihre Spieler hören sollten.

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Gott muss es gut gemeint haben mit Frankreich an jenem 23. Juni 1976. Er entschied, dass Patrick Vieira geboren wurde, genau vier Jahre nach Zinedine Zidane. Natürlich konnte damals noch niemand ahnen, dass das mal wichtig werden würde. Erst dreißig Jahre später wurde es klar, um 22.10 Uhr im letzten WM-Gruppenspiel der französischen Nationalmannschaft. Da schoss Vieira ein Tor gegen Togo, an seinem Geburtstag und an dem von Zidane - und aus den schon fertig produzierten Geschichten über das Ende einer großen Fußballnation war die von Patrick Vieira geworden.

"Ich bin sehr zufrieden", sagt Vieira, der Jubilar, nach dem Spiel. Er wirkt nicht erschöpft, er lächelt breit. Sein Team ist nach einem 2:0 (0:0)-Erfolg über die Togolesen ins Achtelfinale eingezogen, vor allem dank des eleganten Mittelfeldspielers von Juventus Turin, der in der 55. Minute einen Pass von Frank Ribery angenommen, sich gedreht und oben rechts zur Führung vollendet hatte. Nur wenig später verlängerte er zudem eine Flanke auf Thierry Henry per Kopf, woraufhin der Stürmer zum 2:0 traf. "Es steckt viel Qualität in dieser Mannschaft, wir sind gut drauf", sagt Vieira. Es klingt wie eine Drohung.

Vieira war Weltmeister 1998 und Europameister 2000, es waren die Zeiten, da die Grande Nation für Leichtfüßigkeit stand und spielerische Dominanz. Und für Spieler wie den Vieira-Vorgänger Didier Deschamps, Zidane oder den glatzköpfigen Torhüter Fabien Barthez, eine Achse der Brillanz. 2006 schien die französische Mannschaft - wie schon 2002 - ein Chiffre für Enttäuschung zu werden, und Vieira, Zidane und Barthez eine Achse des Schnöden. Als Zidane im zweiten Vorrundenspiel gegen Südkorea auch noch die zweite Gelbe Karte kassierte und an seinem Geburtstag gegen Togo zuschauen musste, da konnten sie einem fast Leid tun.

Dass die Geschichte dieser Mannschaft, aus der acht Spieler schon 1998 dabei waren, doch noch nicht zu Ende ist, lag vor allem an Vieira, der die Kapitänsbinde von Zidane übernommen hatte und auch dessen Spielmacherposition. Er unterband die Angriffsbemühungen der Afrikaner schon weit vor dem eigenen Strafraum und initiierte mit kurzen oder langen Pässen immer wieder neue Angriffe. Das Spiel der Franzosen wurde so schnell, dass man sich fragen musste, ob die Partien gegen die Schweiz (0:0) und Südkorea (1:1) in Zeitlupe abgelaufen waren. Und warum die "Blauen" nicht immer so gespielt hatten.

Diese Frage wird sich auch Raymond Domenech gefallen lassen müssen. Der Trainer der Franzosen hatte nach der schweren Verletzung des eigentlich gesetzten Angreifers Djibril Cisse kurz vor der WM (Wadenbeinbruch) die Entscheidung getroffen, fortan nur mit einer Spitze zu spielen, Henry. Domenech, ein knorriger Typ wie DFB-Jugendtrainer Uli Stielike (nur ohne Karosakko), ließ sich auch von den kritischen Stimmen aus der Heimat nicht beirren, mit der Presse steht er seit jeher auf Kriegsfuß. Erst gegen Togo sprang er über seinen Schatten und stellte David Trezeguet neben Henry in eine 4-4-2-Formation, die Zidane schon lange gefordert hatte.

Dass es gegen die gut kämpfenden aber nicht allzu gut spielenden Togolesen nun funktionierte, dass Henry sich mehr auf die linke Seite fallen lassen konnte und Trezeguet für Torgefahr im Zentrum sorgte, dass das Nachrücken besser klappte und vorn eine Anspielstation mehr vorhanden war, kurz: dass die Franzosen mehr Druck entfachen konnte, all das wird die Kritik am Domenech nicht verstummen lassen. In der Mannschaft gilt er wegen seiner Starrköpfigkeit als isoliert, nach der WM wird er wohl durch Laurent Blanc ersetzt werden, den Abwehrchef von 1998.

Die Franzosen waren vor dieser WM als amtierender Peinlichkeitsweltmeister angetreten, nachdem sie vor vier Jahren die Vorrunde mit einem Punkt und null Toren desaströs beendet hatten. Dieses Schicksal ist ihnen nun nicht noch einmal widerfahren. Die Mannschaft hat sich zusammengerissen auch ohne ihren Spielmacher Zidane. Ihr Renommee war in Gefahr, mit dem Achtelfinale ist zumindest das Minimalziel erreicht.

Dort wartet mit Spanien ein ungleich härterer Gegner als die Schweiz, Südkorea oder Togo. Es ist aber auch eine gute Möglichkeit für diese goldene Generation, weiter an an der eigenen Legende zu stricken. Zidane wird wieder mitwirken, und auf ihn und Vieira wird es auch ankommen. Höhere Mächte werden Frankreich dann nämlich nicht zur Seite stehen. Am 27. Juni hat niemand aus der Mannschaft Geburtstag.

Togo - Frankreich 0:2
0:1 Vieira (55.)
0:2 Henry (61.)
Togo: Agassa - Forson, Nibombe, Tchangai, Abalo - Salifou, Mamam (59. Olufade), Aziawonou, Senaya - Adebayor (75. Dossevi), Mohamed Kader. Trainer: Otto Pfister
Frankreich: Barthez - Sagnol, Thuram, Gallas, Silvestre - Ribery (77. Govou), Vieira (81. Diarra), Makelele, Malouda (74. Wiltord) - Henry, Trezeguet. Trainer: Raymond Domenech
Schiedsrichter: Larionda (Uruguay)
Zuschauer: 45.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Mamam, Aziawonou, Salifou / Makelele



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Pallas, 23.06.2006
1.
Gar nicht. :-)
Lennart Kann, 23.06.2006
2.
Neues Spiel, neues Glueck. Alles ist moeglich und der Erfolg wird ihnen sicher Mut machen. Ich denke, beide Teams koennen gewinnen.
Fußballgourmet 24.06.2006
3.
---Zitat von sysop--- Während Spaniens Stammspieler im letzten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien geschont wurden, mussten die Franzosen hart um den Sieg über Togo kämpfen. Wie wird sich dieser Umstand auf das Achtelfinale zwischen Frankreich und Spanien auswirken? ---Zitatende--- Wenn Frankreich diese Taktik beibehält wird sie Spanien wegpusten...War eins, der intensivsten Spiele dieser WM...beide Mannschaften überzeugten mit exzellenten Tempofußball. Die einen bestimmten das Spiel, die anderen konterten gefährlich...letztlich trotzdem hochverdient. Wenn das das Abschiedsgeschenk an Zidane ist, werden die Franzosen weit kommen!
felipe3664, 24.06.2006
4. Frankreich chancenlos
Frankreich wird gegen Spanien ohne Chance sein. Sicherlich haben die Blauen besser ausgesehen als gegen die Schweiz und Korea, aber der Gegner war diesmal drittklassig, gerade die Abwehrleistung der Togolesen war Lichtjahre von internationalem Format entfernt. Frankreichs Mannschaft ist überaltert und am Ende eines Zyklusses angekommen: Die Spanier beeidnrucken dagegen mit modernem Technikfussball und jugendlicher Dynamik. Deshalb wirds am Dienstagabend heissen: Au Revoir, les Bleus!
Fußballgourmet 24.06.2006
5.
---Zitat von sysop--- Während Spaniens Stammspieler im letzten Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien geschont wurden, mussten die Franzosen hart um den Sieg über Togo kämpfen. Wie wird sich dieser Umstand auf das Achtelfinale zwischen Frankreich und Spanien auswirken? ---Zitatende--- Wenn Frankreich diese Taktik beibehält wird sie Spanien wegpusten...War eins, der intensivsten Spiele dieser WM...beide Mannschaften überzeugten mit exzellenten Tempofußball. Die einen bestimmten das Spiel, die anderen konterten gefährlich...letztlich trotzdem hochverdient. Wenn das das Abschiedsgeschenk an Zidane ist, werden die Franzosen weit kommen!
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