Frankreich-Schweiz Eidgenossen verschenken Sieg

Sie waren das bessere Team,  sie hatten mehr Spielanteile. WM-Favorit Frankreich war der Niederlage trotzdem näher als dem Sieg. Dass sie überhaupt einen Punkt behalten dürfen, lag an der schlechten Chancenverwertung des Gegners aus der Schweiz.


Stuttgart - Zinedine Zidane ist ein sehr ruhiger Zeitgenosse. Auf dem Rasen wird der ehemalige Weltfußballer jedoch zum Heißsporn. Dann schreit er, gestikuliert und fliegt auch Mal vom Platz. Schiedsrichter und Gegenspieler bekommen normalerweise seinen Groll zu spüren. Dann, wenn Zidane merkt, das Spiel läuft nicht so wie er es will.

Heute gegen die Schweiz lief es für den Regisseur der "Equipe tricolore" mit zunehmender Spielzeit immer schlechter. So schlecht, dass sogar seine Mitspieler William Gallas und Vikash Dhorasoo den Frust ihres Kapitäns abbekamen. Wütend brüllte er sie an, sie standen eben gerade am nächsten.

0:0 gegen die Schweiz. Unentscheiden, wie zweimal schon in der WM-Qualifikation. Und was noch schlimmer ist: In ihren letzten vier WM-Spielen haben die Franzosen kein Tor erzielt. Das vorerst letzte schoss Emmanuel Petit im Finale 1998. Keine Frage: Die Franzosen hatten sich einen besseren Start gewünscht - auch Fabien Barthez: "Wir müssen noch stärker werden", sagte der französische Torhüter dem sid.

Doch nicht nur das Ergebnis ließ das Team von Trainer Raymond Domenech ("Uns hat es an Durchsetzungsvermögen gefehlt") enttäuscht aus Stuttgart abreisen. Nach gutem Beginn, in dem Frankreich die Schweiz mit einem starken Offensivspiel in deren Hälfte einschnürte, konnten sich die Eidgenossen zunehmend gute Chancen erarbeiten.

Während die französischen Kombinationen nur bis zum Strafraum funktionierten, schafften es die Schweizer vor allem bei Standardsituationen gefährlich zu werden. Stürmer Alexander Frei verpasste gleich zweimal - obwohl er frei stand. Nach einer Freistoßflanke traf er (24.) nur den Pfosten, den Abpraller brachte er nicht aufs Tor. Noch stärker präsentierte sich allerdings die Schweizer Defensive.

Die Schweizer Abwehr um Philippe Senderos und Patrick Müller war hervorragend auf das schnelle Passspiel des Gegners eingestellt und ließ mit viel Laufarbeit nur wenig zwingende Chancen zu.

Kam Frankreich einmal frei zum Schuss, zeigten sie sich wenig zielsicher. Thierry Henry und auch Patrick Vieira vergaben gute Möglichkeiten (39. und 45.), in beiden Fällen bekamen sie den Ball jedoch nicht gefährlich aufs Schweizer Tor. Näher am Sieg war auch im zweiten Spielabschnitt das Team von Trainer Jakob Kuhn. Zunächst scheiterte Tranquillo Barnetta (61.) aus der zweiten Reihe. Vier Minuten später  traf der eingewechselte Daniel Gygax aus erstklassiger Position nicht ins Tor. Frankeichs Torhüter Fabien Barthez parierte in dieser Szene stark, zeigte ansonsten aber mitunter kleinere Schwächen.

Diese offenbarte sein Kapitän weniger. Vielleicht war aber genau das der Grund für Zidanes Frustration. Er hatte das Spiel mit viel Übersicht und seinen für ihn typischen öffnenden Pässen gelenkt. Doch diese Partie zeigt, dass die französische Offensive schnell an ihre Grenzen stößt, wenn sie auf eine gute Defensive trifft. Die Zeiten, als Frankreich mit seinem Angriffsspiel jede Abwehr auseinander nehmen konnte, scheinen vorbei.

Die Gewissheit, die Entscheidung nicht mehr allein auf dem Fuß zu haben, schmerzt. Doch gegen Südkorea und Togo warten andere Defensivreihen. Vielleicht findet Zidane dann wieder die Lücken, die ihm heute verwehrt blieben. Grundsätzlich zufrieden waren die Schweizer. Einer aber wusste um die Sieg-Chance, die sie heute vergeben hatten. "Diesen Möglichkeiten trauern wir nach", sagte Trainer Kuhn.

Frankreich - Schweiz 0:0

Frankreich: Barthez - Sagnol, Thuram, Gallas, Abidal - Vieira, Makelele - Wiltord (84. Dhorasoo), Zidane, Ribéry (70. Saha) - Henry - Trainer: Domenech
Schweiz: Zuberbühler - Philipp Degen, Müller (75. Djourou), Senderos, Magnin - Vogel - Barnetta, Cabanas, Wicky (82. Margairaz) - Streller (57. Gygax), Frei - Trainer: Kuhn
Schiedsrichter: Iwanow (Russland)
Zuschauer: 52 000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Zidane, Abidal, Sagnol / Magnin, Cabanas, Streller, Philipp Degen, Frei



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.