Frankreich-Trainer Domenech Der unvermeidliche Rücktritt

Einigkeit bei Medien und Ex-Profis in Frankreich: Sie fordern nach dem EM-Desaster den Abschied von Nationaltrainer Raymond Domenech. Doch der zeigt sich uneinsichtig - und macht nach dem Schlusspfiff lieber seiner Lebensgefährtin einen Heiratsantrag.

Irgendwann kurz nach 23 Uhr konnte Raymond Domenech nicht mehr anders. Die Versuchung, sich lächerlich zu machen, war zu groß. Etwa eine Stunde, nachdem das sang- und klanglose Vorrunden-Aus seiner Equipe feststand, machte der dafür verantwortliche Trainer seiner Lebensgefährtin Estelle, einer Sportmoderatorin des überraschenderweise stets gut informierten Senders M6, einen öffentlichen Heiratsantrag. Der Versuch, mit etwas sympathischerem als der sportlichen Agonie die Schlagzeilen zu bestimmen, misslang jedoch auf ganzer Linie.

Französischer Trainer Domenech: Heiratsantrag statt Rücktritt

Französischer Trainer Domenech: Heiratsantrag statt Rücktritt

Foto: AFP

Am Mittwoch merkte dies auch Domenech: "Ich habe einen Hauch Menschlichkeit gezeigt in einem Moment, in dem ich professionell hätte bleiben müssen", sagte der Coach. Zu spät erkannte er seinen Fehler.

Manchmal genügt ein Wort, um die Stimmung in einem Land zusammenzufassen: "Domenech démission!" titelte "France Soir" am Mittwochmorgen: "Rücktritt!". Mehr scheint in Frankreich kaum jemand von einem Trainer zu erwarten, den auch fast alle professionellen Beobachter für das Desaster des französischen EM-Auftritts verantwortlich machen. Dass Domenech tatsächlich zurücktritt, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Der Mann scheint mit einem so großen Sendungsbewusstsein ausgestattet zu sein, dass er die Fehler stets bei anderen sucht. Oder bei der "Hitze" von sage und schreibe 23 Grad, die das Auftaktmatch gegen Rumänien (0:0) zum Desaster habe werden lassen - wie er entschuldigend anfügte.

Über das Knie von Franck Ribéry wird hingegen offenbar ausschließlich diesseits des Rheins spekuliert. Der frühe Ausfall des offensiven Mittelfeldmanns wird von seinen Mitspielern wie Jéremy Toulalan als einer der Gründe für die Niederlage gegen Italien ins Feld geführt. Ob nun aber das Kreuzband in Mitleidenschaft gezogen ist (wohl nicht), der Bayern-Star mithin mehrere Monate ausfallen müsste, oder nicht - in München dürfte diese Diskussion Konjunktur gehabt haben. In Frankreich erregt selbst die Entwarnung - Ribéry wird mit einer Verstauchung nur wenige Tage gehandicapt sein - keinerlei Aufsehen. Man hat grundsätzlichere Sorgen: Trainer Domenech.

Dass die Abwehr und der Sturm ihren Namen nicht verdienten, dass das Mittelfeld jede Art der Kreativität vermissen ließ - solche Aufzählungen gehören noch zu den harmlosesten Anklagepunkten, die die französische Presse gegen Domenech anführt. "Inéluctable" (unvermeidlich) - wieder so eine Ein-Wort-Schlagzeile, die diesmal das Fachmagazin "Equipe" fand, um die Folgerichtigkeit des französischen Scheiterns in ein Wort zu kleiden. Der Zirkelschluss liegt nahe: Auch der Rücktritt von Domenech sei deshalb "unvermeidlich".

In der Tat sind dem unnahbaren Coach die Argumente ausgegangen - ein Umstand, den er nach dem Spiel ungewohnt wortreich zu kaschieren versuchte. Dass "dieser Mannschaft eine große Zukunft" bevorsteht, wie er am Dienstag - nach dem Spiel - originellerweise behauptete, ist geradezu lächerlich. Schließlich versäumte es Domenech in den letzten Jahren den überfälligen Generationswechsel einzuleiten. Die "hoffnungsvollen Talente", von denen Domenech spricht, mag es vielleicht tatsächlich geben. Umso schlimmer, dass er ihnen bis auf wenige Alibi-Einsätze nie die Chance gab, sich kontinuierlich zu beweisen. Spieler wie Claude Makelele und Lilian Thuram ließ er so lange gewähren, bis sie von selbst zurücktraten.

Ein Trainer, der offenbar intern genauso wenig in der Lage ist, ein Spiel zu analysieren, wie er das nach außen hin tut, ist wohl tatsächlich schlicht und einfach eine Fehlbesetzung. Da braucht man nicht einmal seine Erfolge ins Feld führen: Während seiner zehn Jahre als Nachwuchstrainer beim französischen Verband gewann er genauso viele Titel wie während seiner vier Jahre als Chefcoach: keinen einzigen.

Hinzu kommt, dass er offenbar auf ein recht willkürlich zusammengesetztes Trainerteam vertraute. Kapitän Patrick Vieira äußerte sich nach seiner erneuten Verletzung in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz (!) wenig schmeichelhaft über die medizinische Betreuung bei den "Bleus". Auch der Eindruck, dass das Training falsch dosiert war, bleibt haften - nicht nur beim ersten Spiel wirkte die Mannschaft völlig kraftlos.

Während sich die aktuellen Nationalspieler - von den meisten weiß man, dass sie von Domemech nicht viel halten - öffentlich zurückhalten, kommen derzeit viele ehemalige Spieler aus der Deckung. Laurent Blanc macht sich bereits seit Wochen zum Fürsprecher aller Domenech-Gegner. Nach der Pleite gegen Italien kam nun auch Bixente Lizarazu aus der Deckung: "Wir können nicht mit demselben Trainer weitermachen." Sinnvoller sei es, Blanc oder Didier Deschamps die Verantwortung zu übertragen. Die hätten wenigstens Erfahrungen auf allerhöchstem Niveau.

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