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26. Juni 2016, 21:16 Uhr

Frankreichs Erfolg gegen Irland

Es gibt sie noch, die guten alten Tore

Aus Lyon berichtet

Frankreich steht durch den Sieg gegen Irland im Viertelfinale. Nach den grausamen Spielen der vergangenen Tage stand endlich wieder eine Mannschaft auf dem Platz, die Tore schießen wollte.

Die Wahl zum "Mann des Spieltages" ist den Zuschauern bei dieser EM bislang eigentlich immer nachvollziehbar erschienen. Auch wenn der ein oder andere Journalist oder Fan zuweilen andere Favoriten gehabt hätte. Aber am Sonntagnachmittag hätten wohl annähernd 100 Prozent der 56.000 Zuschauer denselben Mann auserkoren wie die Uefa. Antoine Griezmann hatte schließlich nicht nur zwei Tore geschossen. Er war auch an so gut wie jeder Chance beteiligt und musste sich dennoch nie vorwerfen lassen, einen besser postierten Mitspieler übersehen zu haben.

Auch dank Griezmann steht Frankreich nach dem 2:1-Sieg gegen Irland im Viertelfinale, vor allem aber, weil Griezmann Teil einer Offensive ist, die bei dieser EM ihresgleichen sucht. Zu ihr gehören Olivier Giroud, der das 2:1 von Griezmann und dessen Chance vorbereitete, die Irlands Verteidiger Shane Duffy mit einer Notbremse vereitelte. Und natürlich Dimitri Payet, der erneut ein tolles Spiel zeigte und stets gefährlich war. Und dann wären da noch die beiden offensiv ausgerichteten Mittelfeldleute Paul Pogba, und Blaise Matiudi.

Letzterer schnaufte nach dem Spiel erst mal tief durch: "In der zweiten Halbzeit haben wir getan, was getan werden muss, um ins Viertelfinale zu kommen." Wenigstens in der zweiten Halbzeit, müsste man dazusagen, denn nach dem frühen Rückstand wirkte Frankreich bei aller spielerischen Dominanz nervös.

Kein Wunder, wenn man nach zwei Minuten in einem K.-o.-Spiel zurückliegt, weil sich ein Spieler im Strafraum so ungeschickt anstellt wie Pogba bei seinem unnötigen Foul an Shane Long. Überhaupt hatte man bei diesem Turnier ja schon öfter den Eindruck, dass die französische Elf sich gerne selbst in Schwierigkeiten bringt. So fielen beide Gegentore, die Frankreich bei der EM kassierte, nach Elfmetern. Und der, den Patrice Evra gegen Rumänien verursacht hatte, war ähnlich dämlich wie der vom Irland-Spiel.

Aber dafür kämpft und ackert die Mannschaft danach eben so lange, bis das Spiel gedreht ist. Und wenn es in den letzten Minuten ist wie gegen Rumänien und Albanien. Oder nun gegen Irland, das nach spätestens einer Stunde auch physisch nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Und dennoch endete dieses Spiel mit dem ungleichen Chancenverhältnis von 24:6 eben nur 2:1 - Frankreich braucht einfach sehr viele Chancen, bis ein Tor fällt.

"Bei Atlético machen wir es auch immer bis zum Ende spannend", sagte Griezmann. "Oft führen wir 1:0 und bringen den Vorsprung über die Zeit." Er spielte vor allem im zweiten Durchgang überragend, schoss beide Tore und hätte ziemlich sicher noch ein drittes nachgelegt, wenn ihn Duffy nicht umgenietet hätte.

Kingsley Coman nutzte Freiräume

Trainer Didier Deschamps wiederum verlor kaum Worte über seine Offensive. Er dürfte wissen, dass das Prachtstück seiner Mannschaft in den kommenden Tagen auch ohne sein Zutun die Aufmerksamkeit abbekommen wird, die sie verdient hat. Wichtiger schien ihm, die Schattenbereiche seiner Mannschaft auszuleuchten. Und Deschamps hatte ja recht, als er die Wichtigkeit der Ersatzspieler betonte.

Tatsächlich war die Einwechslung von Kingsley Coman eine gute Maßnahme, denn spätestens, nachdem Irland nur noch zu zehnt war, hatte der Bayern-Spieler viele Räume. Die nutzte Frankreich auch weidlich. Am Ende gingen die Zuschauer zufrieden nach Hause, weil da eine Mannschaft Fußball spielen und Tore schießen wollte - nach den Grottenkicks der vergangenen Tage kann man das den Franzosen nicht hoch genug anrechnen.

Gerade im Vergleich zum Vortag, als sich Wales, Nordirland, Kroatien und Portugal in der Kunst übertroffen hatten, ihr Publikum zu quälen und man den Eindruck hatte, dass jeder Spieler sofort wegen taktischer Undiszipliniertheit ausgewechselt worden wäre, wenn er aufs Tor geschossen hätte.

Auch Deschamps, der angeblich alle EM-Spiele in voller Länge gesehen hat, schien sich daran zu erinnern: "Wir haben nicht alles gut gemacht, aber wenn ich mich an die drei Spiele von gestern erinnere, habe ich auch keine Mannschaft gesehen, die alles richtig gemacht hat."

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