Frankreichs Hymnenstreit Platini hält Spielabsagen für absurd

Abpfiff für eine Idee: Michel Platini hat sich im Hymnenstreit um Frankreichs Nationalmannschaft zu Wort gemeldet. Der Uefa-Präsident hält Spielabsagen für "absurd" und kontert damit einen Vorstoß von Staatspräsident Nicolas Sarkozy.


Hamburg - "Wenn man deswegen ein Spiel absagt, kann man das auch machen, wenn ein Spieler ausgebuht oder ein Torwart für einen Schuss ins Aus ausgepfiffen wird", sagte Platini der Pariser Tageszeitung "Le Monde": "Es ist absurd. Warum stellt man nicht gleich hinter jedem Fan einen Polizisten auf?"

Frankreichs Henry (Mitte),Tunesier Felhi (r.): Trotz Pfeifkonzerts gespielt
AP

Frankreichs Henry (Mitte),Tunesier Felhi (r.): Trotz Pfeifkonzerts gespielt

Der Uefa-Boss nahm damit Stellung zum Vorschlag von Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Der hatte am vergangenen Mittwoch aus Empörung über ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert beim Abspielen der französischen Hymne vor dem Länderspiel in Paris gegen Tunesien mit der Absage gedroht.

Platini fordert statt Aktionismus durchdachte Maßnahmen für eine langfristige Lösung: "Es wäre angebrachter, die Menschen besser zu erziehen. In einigen anderen Ländern pfeifen die Menschen nämlich überhaupt nicht gegen Hymnen", sagte der Europameister von 1984 und erinnerte an die Verhältnisse zu Zeiten seiner Profi-Laufbahn: "Als ich vor 30 Jahren für Frankreich gespielt habe, wurde die Marseillaise in jedem Stadion in Frankreich ausgepfiffen. Aber damals haben sich die Politiker nicht für Fußball interessiert, und niemand war schockiert."

Frankreichs Verbandschef Jean-Pierre Escalettes bemühte sich unterdessen nach einem Gespräch mit Sarkozy um eine Relativierung der diskutierten Maßnahmen: "Wenn, dann würden ohnehin nur Freundschaftsspiele davon betroffen sein." Gleichwohl stellte Escalettes Überlegungen zur Umsetzung des Staatspräsidenten-Wunsches an: "Ich sehe uns nicht in der Lage, ein ganzes Stadion zu räumen. Und was passiert, wenn die Leute auch nicht gehen wollen? Und was wird passieren, wenn die Menschen erst einmal aus dem Stadion und auf den Straßen sind?"

mti/sid



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