Frankreichs WM-Chaos Domenech fürchtet Spielerstreik im Match gegen Südafrika

Das Chaos in Frankreichs Nationalelf nimmt kein Ende: Jetzt warnt Trainer Raymond Domenech davor, dass einige Akteure das Entscheidungsspiel gegen Südafrika boykottieren könnten. Den Profis wirft er "Blödheit" vor. Frankreichs Sportministerin kündigte eine Untersuchung der Vorfälle nach der WM an.

Trainer Domenech: Spielerstreik in der entscheidenden Begegnung?
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Trainer Domenech: Spielerstreik in der entscheidenden Begegnung?


Bloemfontein/Hamburg - Die Krise in Frankreichs Nationalmannschaft wird immer bizarrer, jetzt schließt Nationaltrainer Raymond Domenech auch einen Spielerboykott bei der kommenden WM-Begegnung gegen Südafrika nicht mehr aus. Domenech sagte bei einer Pressekonferenz am Montagabend, es gebe "eine Möglichkeit", dass einige Spieler beim entscheidenden Spiel der Gruppe A am Dienstag nicht dabei sein wollten. "Wir werden das bei der Aufstellung bedenken müssen."

Ein Spielerstreik käme für den umstrittenen Coach einer Katastrophe gleich. Nur bei einem klaren Sieg haben die Franzosen noch Chancen auf den Einzug ins Achtelfinale - allerdings nur, wenn sich im anderen Gruppenspiel Mexiko und Uruguay in Rustenburg nicht remis trennen (beide 16 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Auf die Frage, ob sich sein Team angesichts der Turbulenzen überhaupt auf das Spiel gegen Südafrika vorbereiten könne, sagte Domenech: "Das ist sehr schwer. Sie haben viel Energie außerhalb des Sports verschwendet." Die Mannschaft müsse nun Taten auf dem Platz sprechen lassen, um die Situation zu retten. Der Ruf des französischen Fußballs stehe auf dem Spiel und hänge vom Ergebnis gegen Südafrika ab.

Domenech kritisierte bei der Pressekonferenz zudem die "Blödheit" seiner Spieler, wegen des Rausschmisses von Nicolas Anelka und eines Streits zwischen Kapitän Patrice Evra und dem Fitnesstrainer, das Training am Sonntag boykottiert zu haben. "Diese Sanktion war berechtigt", sagte Domenech zum Rauswurf Anelkas. "Keiner hat das Recht, sich so in der Kabine zu verhalten. Profis müssen ein Vorbild sein. Was die Spieler gemacht haben, war dumm."

Anelka war nach obszönen Beleidigungen gegen Domenech vom französischen Verband nach Hause geschickt worden. Daraufhin hatten sich die verbleibenden Spieler am Sonntag geweigert, zu trainieren. "Ich habe versucht, die Spieler zu überzeugen, dass es undenkbar ist, sich als französische Nationalmannschaft so zu verhalten", sagte Domenech weiter.

Evra war für die Pressekonferenz angekündigt worden, erschien aber nicht. Dies ist ungewöhnlich, weil Trainer und Kapitän vor Spielen normalerweise immer gemeinsam vor die Presse treten. Beobachter sahen Evras Fehlen als Indiz dafür an, dass der Kapitän zu den Spielern gehören könnte, die gegen Südafrika nicht zum Einsatz kommen. Der Generalsekretär des französischen Verbandes FFF sagte am Montagabend, drei oder vier Führungsspieler seien über ihren Zenit hinaus und würden nie wieder bei einer WM spielen.

Eklat beim Training

Kurz vor Beginn des öffentlichen Trainings am Sonntag war auf dem Platz eine hitzige Diskussion zwischen Evra und Fitnesstrainer Robert Duverne entbrannt. Dieser warf daraufhin seine Stoppuhr quer über den Trainingsplatz, Domenech musste dazwischengehen. Angewidert vom Verhalten der Spieler gab Teammanager Jean-Louis Valentin unmittelbar nach dem Vorfall seinen sofortigen Rücktritt bekannt.

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Nicolas Anelka: Schlecht gespielt, verbal entgleist
Die Spieler hatten sich beim Trainingsboykott im Mannschaftsbus beraten und eine Erklärung verfasst, die Domenech anschließend der Presse vorlas. Der Trainer sagte, er habe die Erklärung der Spieler vorgelesen, "damit die Leute wissen, was los ist." Die Vorgänge waren vom französischen Fernsehen live übertragen worden. Domenech sagte, er "unterstütze in keiner Weise, was in diesem Schreiben stand".

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft während eines WM-Turniers das Training boykottiert. Bei der WM 2006 in Deutschland hatten Togos Nationalspieler wegen der ungeklärten Prämienfrage an drei Tagen die Übungseinheit verweigert. Ein Teil des Teams erwog zwischenzeitlich sogar einen WM-Boykott. Daraufhin trat der damalige Trainer Otto Pfister zurück. Später nahm er seine Arbeit wieder auf und betreute die Nationalelf doch während der Vorrunde, in der Togo keines seiner drei Spiele gewinnen konnte.

Sportministerin kündigt Untersuchung an

Offenbar wird dem französischen Team zusehends die Tragweite der Vorfälle bewusst. In einem Brief der Mannschaft an die Öffentlichkeit war zu lesen: "Wir werden alles tun, um die Ehre Frankreichs wiederherzustellen." "Wir werden alles tun, um zu gewinnen", beteuerte auch Franck Ribéry vom FC Bayern München. "Die ganze Welt lacht über uns", sagte er. "Frankreich leidet. Unser Land leidet. Ich leide."

Inzwischen haben sich auch höchste Stellen in die Affäre eingeschaltet. Sportministerin Roselyne Bachelot, die sich ohnehin in Südafrika aufhielt, hatte am Sonntag den Auftrag erhalten, die Protagonisten der Posse für Montag zu einem Krisengipfel zu bestellen. Präsident Nicolas Sarkozy und sie selbst, sagte Bachelot, "haben von der Entrüstung der französischen Menschen Kenntnis genommen, wir rufen zu Würde und Verantwortung auf."

Zugleich kündigte sie nach dem Treffen Konsequenzen an: "Wir werden nach der WM eine Untersuchung einleiten über alles, was hier passiert ist." Es sei noch nicht die Zeit für Disziplinarmaßnahmen, aber diese Zeit werde bald kommen. Eigentlich sei eine Weltmeisterschaft Angelegenheit des Fußball-Verbandes, "aber die Regierung muss eingreifen, wenn der Ruf Frankreichs auf dem Spiel steht, das ist hier der Fall."

Bachelot forderte die Nationalelf auf, "den guten Namen des französischen Teams wiederherzustellen". Das Bild, das der französische Fußball bei der WM abgebe, sei "ein Desaster", sagte die 63-Jährige am Montagabend in Bloemfontein. "Die Spieler haben das Image Frankreichs angekratzt. Sie können nicht länger die Helden unserer Kinder sein."

Die Spieler hätten bei der Unterredung mit ihr Tränen in den Augen gehabt, berichtete Bachelot. "Sie haben die Träume ihrer Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Fans zerstört", teilte die Sportministerin mit. Auch Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, eine ehemalige Synchronschwimmerin, verurteilte den Trainingsboykott der Spieler am Sonntag: "Auch ich habe die Nationalfarben getragen, ich bin erschüttert."

ulz/sid/dpa/rtr



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crocodile dentist 21.06.2010
1. Adieu les Bleus ...
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
... mit einem neuen Trainer klappt's vielleicht 2014.
Christian W., 21.06.2010
2.
Zitat von sysopFrankreich ist entsetzt über das Auftreten seines Teams bei der Fußball-WM in Südafrika. Die Ergebnisse sind mies, Stürmer Anelka beschimpft den Trainer, die Mannschaft tritt in den Streik. Haben die Franzosen trotzdem noch eine WM-Chance?
Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
druum, 21.06.2010
3. Fluch der Iren
Zitat von Christian W.Ich hoffe nicht. Zudem sie nicht einmal hätten dabei sein dürfen.
Von wegen afrikanischer Voodoozauber. Ich sehe die Franzosen - zurecht - vom Fluch der Iren getroffen. So werden sie am Dienstag gänzlich untergehen ...
franzosen 21.06.2010
4. Nein !
Wenn es nach den Franzosen ginge, bräuchten "les Bleus" gar nicht mehr antreten. Domenech hatte es schwer, war aber auch ganz und gar nicht die richtige Person, verquert, unfähig...Schon vor Jahren wollte man ihn ersetzen, aber er hatte einen langjährigen Vertrag. Das Bildungs- und Erziehungsniveau der Spieler, na ja, ist schon weit unten angesiedelt...Wir warten auf Monsieur Blanc !
Jettenbacher 21.06.2010
5. Suppenkasper Franz
Na ja, ich glaube an Peinlichkeiten sind auch die deutschen Auftritte bei WM's nicht arm. Wer nannte den Franz Beckenbauer einen Suppenkasper, und durfte dafür nach Hause reisen? Immer erstmal vor der eigenen Haustüre kehren ;-)
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