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Franz Beckenbauer: Ein Leben als Kaiser

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Beckenbauer-Film Eine Lichtgestalt. Nur wo sind die Schatten?

Zum 70. Geburtstag von Franz Beckenbauer zeigt die ARD ein Porträt des "Kaisers". Der Film ist wie ein Geschenk: exzellent komponiert - und absolut unkritisch.

Die Szene zeigt den jungen Fußballer Franz Beckenbauer im München der Sechzigerjahre. Er wird gefragt, was er später, nach der Sportlerkarriere, mal machen wolle. Auf jeden Fall nichts mit Fußball, versichert Beckenbauer mit ernster Miene, "der Trainerberuf kommt für mich nicht in Frage".

Was für ein Fund, diese Aufnahme. Entstanden mehr als 20 Jahre bevor Beckenbauer die deutsche Nationalmannschaft in Italien als Teamchef zum WM-Titel führte. Die Sequenz von Beckenbauer, als er nach dem WM-Finale 1990 allein über den Rasen des Römer Olympiastadions schreitet, darf anschließend natürlich nicht fehlen.

Rom, München, dazu Salzburg, London und New York: Ein Jahr lang hat Regisseur Thomas Schadt für seinen Film "Fußball - ein Leben: Franz Beckenbauer" den berühmtesten deutschen Fußballer der Geschichte an die Originalschauplätze seines Lebens begleitet (weil die Dreharbeiten im Mai 2015 abgeschlossen wurden, behandelt der Film nicht den Tod von Beckenbauers Sohn Stephan). Herausgekommen ist ein 90-minütiges Porträt, das die ARD am Sonntagabend um 21.45 Uhr anlässlich von Beckenbauers 70. Geburtstag zeigt. Es ist ein sehenswerter Film geworden.

Charmeur mit einem Hang zur Cholerik

Die Herausforderung bei so einem Projekt besteht ja nicht darin, genügend Material zusammenzubekommen. Von Beckenbauer gibt es schließlich ungezählte Interviews, Spielszenen, Werbeclips und Anekdoten. Die Schwierigkeit ist, zu sichten, auszuwählen und alles mit dem neu gefilmten Material zu arrangieren und zu komponieren. Das ist Schadt gelungen.

Der Film zeichnet das Bild eines charmanten, witzigen, mitunter ungeduldigen Menschen mit einem Hang zur Cholerik. Schadts Wechsel zwischen damals und heute sind stimmig, etwa wenn er Beckenbauers Ankunft bei New York Cosmos 1977 zeigt und in der nächsten Szene mit ihm im Central Park dreht. Und auch dort: Beckenbauer wird erkannt, überall, ständig.

Vor allem die jüngeren Zuschauer dürften darüber staunen, was für ein herausragender Fußballer der "Kaiser" war. "Er hat bestimmt, was der Ball macht und nicht umgekehrt", sagt Uli Hoeneß, einer von vielen Weggefährten, die im Film zu Wort kommen. Ein anderer ist Günter Netzer. Dessen erzählerisches Talent kombiniert mit seinem Hang zur Selbstironie gehört zu den Highlights des Films.

Ungereimtheiten um die Vergabe der WM 2006

Regisseur Schadt geht in seiner Arbeit chronologisch vor. Nach dem Fußballer Beckenbauer kommt der Teamchef Beckenbauer, es folgt der Funktionär Beckenbauer. Dieser Abschnitt ist die Schwäche des Films, der die Kontroversen und die Schatten, die es seit Jahren im Leben der Lichtgestalt gibt, ausblendet und unerwähnt lässt.

Beckenbauer, Chef des Organisationskomitees für die Weltmeisterschaft 2006, wird als Vielflieger inszeniert, der die Welt bereiste, um die Stimmen für die deutsche Bewerbung einzusammeln und das Turnier nach Deutschland zu holen. Dass es auch Ungereimtheiten rund um die WM-Vergabe gab, kommt nicht zur Sprache.

Dafür, und das ist dann überaus unglücklich, darf der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder loben, dieser hätte 100 Millionen Euro für die Stadien in Berlin und Leipzig besorgt. Schröder war es aber auch, der dafür sorgte, dass Deutschland im Vorfeld der WM-Vergabe 1200 Panzerfäuste nach Saudi-Arabien lieferte. Dem Fifa-Exekutivkomitee, das Deutschland zum Ausrichter machte, gehörte damals auch der Saudi Abdullah Khalid Al Dabal an.

Gazprom und Sklaven bleiben unerwähnt

Beckenbauer selbst durfte später als Fifa-Exekutiv-Mitglied über die Vergabe der WM-Turniere 2018 und 2022, die an Russland beziehungsweise Katar gingen, mit abstimmen. Bis heute hat Beckenbauer nicht verraten, wem er seine Stimme gegeben hat, auch der Film liefert in dieser Sache nichts Neues. Er erwähnt auch nicht, dass Beckenbauer später Botschafter des umstrittenen russischen Energieriesen Gazprom wurde. Und Beckenbauers skandalöses Statement, er habe bei einem Besuch in Katar keine Arbeitssklaven gesehen? Ausgespart.

Zu all dem habe Beckenbauer bei den Dreharbeiten nichts Neues gesagt, für den Zuschauer wäre "der Erkenntniswert 0,0", verteidigt Produzent Nico Hoffmann die Auswahl des Materials. Man kenne doch die Antworten, das "kann man sich tausendfach bei YouTube ansehen". Der Protagonist darf aber erklären, warum er einen Fragenkatalog der Fifa nicht beantwortet hatte und daraufhin gesperrt wurde. Eine Beantwortung "erschien ihm unlogisch", verteidigt Marcus Höfl. Er ist Beckenbauers Manager.

Am Ende bleibt das Gefühl, einen beeindruckenden Film gesehen zu haben, bei dem etwas fehlt. Es hätte nicht fehlen müssen, denn die Bilder von den Erfolgen sind so stark, die Person Beckenbauer so groß, dass sie kritische Szenen und Worte ausgehalten hätten.

"Es wird zu seinem 70. Geburtstage ja ein umfassendes Bild von Franz Beckenbauer geben", sagt Produzent Hofmann. Nur der Film liefert das nicht. Schade.


"Fußball - ein Leben: Franz Beckenbauer", Sonntag, 21.45 Uhr, ARD