Wolfsburgs Aus in der Champions League Was hat Lyon, was ihr nicht habt?

Bei den Frauen gehört Wolfsburg zu den Top-Teams in Europa. Dass es in der Spitze jedoch große Qualitätsunterschiede gibt, zeigte Olympique Lyon erneut eindrucksvoll. Der VfL sucht weiter nach Antworten.

Wieder hat sich Olympique Lyon gegen den VfL Wolfsburg durchgesetzt
Fabian Bimmer / REUTERS

Wieder hat sich Olympique Lyon gegen den VfL Wolfsburg durchgesetzt

Aus Wolfsburg berichtet


Was hat Lyon, was ihr nicht habt? Auf diese Frage wusste Alexandra Popp am Mittwochabend keine Antwort. Die Frage stellte sich bei den Frauen des VfL Wolfsburg nicht zum ersten Mal. Schon wieder hat Olympique Lyon die Champions-League-Hoffnungen des VfL zerstört - wie in den drei Jahren zuvor. "Keine Ahnung", sagte die deutsche Nationalspielerin. "Ich weiß es nicht, ich kann das echt nicht beantworten."

Dabei hatte Lyon beim 4:2 (2:0)-Sieg vor 4445 Zuschauern im ausverkauften Wolfsburger Stadion hinreichend demonstriert, dass es selbst in der Spitze des europäischen Frauenfußballs eben noch mal deutliche Klassenunterschiede gibt. Olympique Lyon verfügt schlichtweg über eine größere individuelle Klasse.

Etwa Dzsenifer Marozsán: Jede ihrer Bewegungen war sehenswert, jede Ballberührung ein Genuss. Um das zu erkennen, reichten am Mittwochabend acht Minuten. Eine eigentlich harmlose Freistoßsituation an der Strafraumkante, Marozsán zog den Ball um die Mauer herum direkt auf das Tor. Wolfsburgs Torhüterin Almuth Schult wurde in der kurzen Ecke erwischt, die so wichtige Null war dahin.

"Scheiße, warum bekommen wir jetzt Lyon?"

Nachdem Marozsán fast schon schüchtern erklärte, dass sie aus der Nationalmannschaft gewusst habe, dass Schult gerne spekuliere, geriet ihr Trainer auf der Pressekonferenz ins Schwärmen. Marozsán bekomme in seinem Team Freiheiten, sagte Reynald Pedros. "Weil sie eine Ausnahmespielerin ist." Nur - und das dürfte die ganz banale Antwort auf die Wolfsburger Ratlosigkeit sein - ist die 26-Jährige nur eine von zahlreichen Ausnahmespielerinnen im Team von Olympique Lyon.

Deutschlands Fußballerin des Jahres: Dzsenifer Marozsán (l.)
Joachim Sielski / Getty Images

Deutschlands Fußballerin des Jahres: Dzsenifer Marozsán (l.)

Zwar hat auch Wolfsburg Spielerinnen auf Weltklasseniveau: Popp zum Beispiel oder Pernille Harder. Doch Lyon hat neben Marozsán noch Spielerinnen wie Eugénie Le Sommer, Wendie Renard oder nicht zuletzt Weltfußballerin Ada Hegerberg. Auf diesen Säulen wurde ein Team gebaut, das in diesem Sommer zum vierten Mal in Folge die Champions League gewinnen kann. Zweimal war Wolfsburg in den vergangenen drei Jahren der Endspielgegner des französischen Überteams. Dass es mit dem Finale in dieser Saison eng werden könnte, wussten die Spielerinnen des VfL seit der Auslosung im November. Lena Goeßling sagte: "Natürlich denkt man bei diesem Viertelfinallos: Scheiße, warum bekommen wir jetzt Olympique Lyon?".

Und der fünffache Champions-League-Sieger zeigte seine bekannten Qualitäten. Neben der individuellen Klasse überzeugten die Gäste gerade in der ersten Hälfte auch im Gefüge, waren dem Gegner taktisch überlegen. Gegen den Ball pressten sie situativ, provozierten regelmäßig Ballverluste der Wolfsburgerinnen und kontrollierten so die Partie. Das 2:0 fiel durch einen Elfmeter, den Schult an Hegerberg verursachte (25.). Ob sie der Pechvogel des Abends sei? "Ist schon so", sagte Schult selbstkritisch.

90 Minuten nicht auf höchstem Niveau

In der zweiten Hälfte kippte die Partie doch noch mal. Kurz schien Wolfsburg in der Lage zu sein, das Spiel noch mal zu drehen. Nach dem Doppelschlag von Harder standen die Zuschauer im Stadion, klatschten und brüllten ihr Team nach vorn. Würde Wolfsburg nach dem 0:2-Rückstand tatsächlich vier Tore Rückstand aufholen? Die Antwort kam von Le Sommer, ebenfalls im Doppelpack: Nein.

Lyon - das Starensemble des europäischen Fußballs
Joachim Sielski / Getty Images

Lyon - das Starensemble des europäischen Fußballs

Lyons Schwächephase dauerte lediglich eine Viertelstunde. Die von Wolfsburg, wie bereits im Hinspiel, die gesamte erste Spielhälfte. Zusammengerechnet spielte Wolfsburg 90 Minuten des Viertelfinals nicht auf höchstem Niveau. Das kann in der Bundesliga mitunter reichen, um am Ende dennoch siegreich zu sein, jedoch nicht auf der großen europäischen Bühne gegen ein Ausnahmeteam wie Olympique Lyon.

Am Ende war es dann einfach zu deutlich, was Lyon hat und Wolfsburg eben nicht. Die Lyoner Fans feierten den verdienten Halbfinaleinzug ihres Teams. Auf der anderen Seite bekamen die Wolfsburgerinnen bei ihrer Runde durch das Stadion Ovationen von den Rängen. Sie haben sich auch nach einem deutlichen Rückstand noch mal aufgebäumt gegen den Champions-League-Seriensieger. Gegen die meisten Gegner wäre vermutlich noch etwas drin gewesen. Aber Lyon ist da die Ausnahme.



insgesamt 3 Beiträge
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Martin Karl Konrad 28.03.2019
1.
Die Analyse ist kurz und einfach: Wolfsburg hat sich trotz ansprechender Leistung selbst zerlegt: 2 Gegentore in Lyon: 1. Ohne jegliche Not wird ein Rückpass gespielt, der zur Steilvorlage für Lyon wird ... 2. Renard köpft einen Eckball ein. Für solche Situationen ist sie hinreichend bekannt. Da muss ich vielleicht ´mal eine ebenfalls große, körperlich robuste Spielerin dagegen stellen (z. B. Popp). Die ersten 3 der 4 Gegentore in Wolfsburg: Katastrophale Fehler von Nationaltorhüterin Schult. 1. Beim Freistoß gab es keine richtige Mauer, obwohl Schult die Schützin Marozsán ausreichend kannte. Die Entfernung des Freistoßpunktes zum Tor war relativ groß. Aus diesem Winkel ins kurze Eck ist unfassbar. 2. Schult stürzt völlig übermotiviert aus dem Tor und foult. Es war auch noch eine Verteidigerin an der französischen Stürmerin dran. 3. Unabhängig davon, dass Gössling an der Außenlinie etwas leicht "vernascht" wurde, darf man als Torwart eine Flanke fast von der Eckfahne 3 Meter vor dem Tor durchaus fangen, oder zumindest wegfausten. Somit ergibt meine Milchmädchen-Rechnung ein klares Weiterkommen des VfL.
kopi4 28.03.2019
2.
Wolfsburg und Bayern dominieren die Liga weil auch bei den Damen die Phase des 11 Freundinnen müßt ihr sein vorbei sind, Duisburg,Potsdam und Frankfurt können davon ein Lied singen. International gibt es aber andere (finanzielle) Kaliber. Es wäre doch einfach: wenn Uli mal wieder die Championsleague gewinnen will: 5 Prozent der Ablöse für Hernandez in die Damenmannschaft stecken.
bart_haar 28.03.2019
3. Weit entfernt
Frauenfußball ist derzeit noch weit entfernt von der Leistungsspitze des Fußballs. Was daran liegt, dass die Spielerinnen selbst weit entfernt vom derzeit bestmöglichen Niveau sind. Was an den deutlich schlechteren Trainingsbedingungen liegt. Das wird auch solange so bleiben, solange es keine gemischten Mannschaften gibt. Und vor allem solange es Eltern gibt, die meinen, es wäre nicht richtig, die Mädchen den ganzen Tag Fußball spielen zu lassen. Das ist - leider - nicht mehr als Quotenberichterstattung. Was so Eibe Quote für Folgen hat, lässt sich derzeit an ganz anderer Stelle ablesen: der Collegeskandal in den USA hat Eibe Ursache darin. Quotensportarten haben mangels Masse Tür und Tor geöffnet .
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