SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Juni 2019, 00:47 Uhr

Argentiniens WM-Sensation gegen Japan

Ihr Name ist Banini

Aus Paris berichtet

Vergleiche zwischen Männern und Frauen im Fußball sind nicht sehr sinnvoll. In keinem anderem Land wird das deutlicher als in Argentinien. Über ein Team, das sich wehrt - und zwar erfolgreich.

Ihr Spitzname ist "La Messi femenina".

Plötzlich ging Estefanía Banini ins Dribbling. Die Argentinierin täuschte eine Bewegung an, verschärfte das Tempo und ließ drei Japanerinnen stehen, Pass zur Teamkollegin. Die Zuschauer im Pariser Prinzenpark jubelten in diesem Moment, und sie bekamen ein Gefühl dafür, warum man die Spielmacherin mit der Rückennummer zehn häufig mit dem argentinischen Fußballstar Lionel Messi vergleicht.

Aber Banini bevorzugt nicht den linken Fuß wie Messi, das merkt man beim 0:0 im WM-Duell gegen Japan immer wieder. Sie hat auch kein Team um sich herum wie Messi, in dem sie ständig glänzen kann. Vergleiche zwischen Männern und Frauen im Fußball sind häufig schief, hier hinkt er aber besonders. Denn für Banini und ihre Teamkolleginnen sind die Arbeitsbedingungen in Argentinien schlecht, Frauenfußball wird oft verpönt. Und deswegen ist das, was Banini und ihr Team gegen Japan geschafft haben, eine Sensation.

Banini ist die Spielerin, die im WM-Auftaktspiel für Entlastung sorgen soll. Insgesamt gibt es gegen den Vizeweltmeister von 2015 und WM-Champion von 2011 nur wenig Entlastung. Die Asiatinnen sind taktisch gut organisiert und lassen die Argentinierinnen laufen. Japan ist eine Macht im Fußball, Argentinien hingegen ein Zwerg.

Im Feiern schon ein Weltmeister

Bei den bisherigen zwei WM-Teilnahmen 2003 und 2007 kassierte die Auswahl erst 15 und dann vier Jahre später 18 Gegentore. In den bisher sechs Vorrundenspielen: immer ein Debakel. 2016 stand das Land zeitweise auf Platz 128 der Fifa-Weltrangliste, abgestürzt zwischen Bangladesch und Ruanda. Heute steht das Team auf Platz 37, es macht kleine Schritte nach vorne, Cheftrainer Carlos Borrello nennt seine Elf eine Graswurzelbewegung.

Und die ersten dünnen Halme sind nun zu sehen. Argentiniens Kraftakt gegen Japan wurde belohnt, der erste Punkt in der WM-Geschichte der Albicelestes war im siebten Anlauf perfekt. Wer wissen wollte, was dieses historische Remis den Argentinierinnen bedeutet, musste nur die Sekunden nach dem Abpfiff verfolgen. Von der Ersatzbank stürmte gleich ein Dutzend Spielerinnen los, manche rannten zur Torhüterin und rissen sie vor Freude zu Boden. Die Stürmerin Sole Jaimes küsste den Rasen; so ähnlich dürfte sie bereits vor wenigen Wochen gejubelt haben, Ende Mai, da gewann sie allerdings mit Olympique Lyonnais die Champions League. Jaimes ist neben Banini einer von zwei Stars im Team.

Aber sonst sind viele junge Talente im Aufgebot vertreten, und einige von ihnen verdienen sehr wenig Geld. 2017 streikte ein Teil des Nationalteams, als ihnen der Verband nicht die zugesagten zehn Dollar Aufwandsentschädigung für ein Länderspiel bezahlen wollte. Zehn Dollar! Es habe bei Terminen der Auswahl auch oft keine geeigneten Umkleideräume gegeben, Hotelkosten seien nicht übernommen worden, bemängelten die Spielerinnen. Anfang dieses Jahres klagte die Spielerin Macarena Sánchez gegen den eigenen Verband, um auf die Missstände im argentinischen Fußball aufmerksam zu machen. Um für eine Professionalisierung ihres Sports zu kämpfen (lesen Sie hier ein Interview mit der Klägerin).

Argentinische Liga wird Profiliga, das Geld bleibt wenig

Dieser Kampf zeigt nun Erfolge, wenn auch kleine: Ab der kommenden Saison sind Fußballerinnen aus Argentinien offiziell Profis. Jeder der 16 Erstligisten wird zudem 3000 Dollar monatlich vom Verband erhalten, um die Spielerinnen zu bezahlen, das Mindestgehalt soll bei 365 Dollar pro Monat liegen. Es ist ein Anfang. Aber auch künftig werden in Argentinien hervorragende Fußballerinnen vom Fußball allein nicht leben können. Banini dürfte bei ihrem Klub Levante aus Spanien mehr Geld erhalten. Wie viel, ist nicht bekannt, aber die Liga befindet sich im Aufwind.

In dem Moment des größten Triumphs der argentinischen WM-Geschichte der Frauen hielt sich Banini mit weiteren Forderungen zurück. "Wir wollen die Menschen in Argentinien inspirieren", sagte die 28-Jährige nur, die nach dem Match auch als Spielerin der Partie ausgezeichnet wurde: "Wir sind auf dem richtigen Weg. Hier entsteht etwas Großes." Trainer Borrello sagte: "Ich hoffe, die Entwicklung geht weiter. Die Frauen verdienen mehr Aufmerksamkeit." Über einen Bonus dürfte sich auch der Chefcoach freuen, er verkauft im Nebenjob Autos.

Wie die argentinische Geschichte weitergeht, das weiß man nicht. Sicher ist aber, dass das Team eine weitere Sensation folgen lassen muss, um in die K.-o.-Phase einziehen zu können. Im nächsten Gruppenspiel am Freitag wartet England (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Es ist der nächste Turnierfavorit. Banini will dann "wieder kämpfen und viel laufen". Sie sagt, ihr sei es nicht wichtig zu glänzen. Das klingt nicht nach Lionel Messi. Die Vergleiche mit ihm findet sie zwar in Ordnung. Wichtiger sei ihr aber, dass die Fans sich ihren Namen merken. Er lautet Estefanía Banini.

Alle Informationen zur WM in Frankreich finden Sie hier.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung