Fazit zur Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich Die beste WM der Geschichte, aber...

Die WM in Frankreich war sportlich erfolgreich, aber es gibt Abzüge bei der Stimmung. Der SPIEGEL kürt die Elf des Turniers und erklärt, warum auf das DFB-Team schwere Zeiten zukommen.

Die Weltmeisterinnen kommen aus den USA
Alex Grimm Getty Images

Die Weltmeisterinnen kommen aus den USA

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Wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino von der besten Weltmeisterschaft der Geschichte spricht, gehört das zu seinem Job. In der Vergangenheit gab es wenig Aussagen des Schweizers, denen man sich vollumfänglich anschließen wollte. In diesem Fall ist das anders. Die sportliche Qualität hat sich extrem verbessert, was sowohl an den Spitzenteams als auch an den schwächeren Nationen lag. Weltmeister USA, Frankreich und England bildeten die Spitze, dahinter gab es ein breites Mittelfeld, aber selbst schwächere Teams wie Chile, Neuseeland oder Schottland haben sich defensivtaktisch so verbessert, dass völlig einseitige Partien selten waren.

Sicher, nicht jedes Spiel war ein Leckerbissen - doch das ist bei allen Fußballturnieren so. Und die Zeiten, in denen technische und taktische Defizite selbst für Laien ersichtlich sind, scheinen vorbei. Spielerinnen wie Marta oder Alex Morgan waren immer schon gut, doch nun ist auch die zweite Reihe deutlich besser geworden, es ist zudem insgesamt mehr Tempo im Spiel.

Das deutsche Team muss aufpassen, dass die internationale Spitze nicht weiter enteilt. Ohne die verletzte Starspielerin Dzsenifer Marozsán waren bei dieser WM Standards das gefährlichste Mittel der DFB-Auswahl, aber gegen Schweden reichte selbst das nicht mehr. Im Spiel nach vorne sind andere Nationen klar besser, aber auch die Defensive wirkte oft unsicher und war eine Schwachstelle.

Inwieweit diese Mängel mit den ständigen personellen und taktischen Veränderungen von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zusammenhängen, dürfte ein Thema der internen WM-Analyse werden. Ein entwicklungsfähiger Kader steht Voss-Tecklenburg zumindest zur Verfügung. Das haben die WM-Entdeckungen Giulia Gwinn, die als beste Nachwuchsspielerin ausgezeichnet wurde, oder die 17 Jahre alte Lena Oberdorf angedeutet. Problem: Die DFB-Auswahl kann sich erst wieder bei der EM 2021 auf Topniveau messen. Durch das Viertelfinal-Aus wird Deutschland bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio 2020 nicht vertreten sein.

Die besten Spielerinnen dieser Weltmeisterschaft

Die WM begann erst in den Stadien

Die Bilder der hüpfenden Niederländer in den französischen Straßen gingen durch die sozialen Netzwerke - doch das war eher die Ausnahme. Anders als bei der WM 2018, als beispielsweise der Rote Platz in Moskau von Tausenden Fans unterschiedlicher Nationen eingenommen wurde, war in Frankreich außerhalb der Stadien - bei Fanfesten oder in den Innenstädten der WM-Standorte - selbst an Spieltagen kaum WM-Atmosphäre zu spüren. Paris ist zu groß, in Montpellier und Nizza sind die Stadien weit außerhalb. Einzig in Valenciennes, wo man zu Fuß durch die Innenstadt zum Stadion ging, kam WM-Stimmung auf.

Die niederländischen Fans verbreiteten gute Stimmung
Alex Grimm Getty Images

Die niederländischen Fans verbreiteten gute Stimmung

Ein anderes Bild zeigte sich in den Stadien. Höhepunkte waren natürlich die Auftritte des Gastgebers Frankreich. Ob im Achtelfinale gegen Brasilien oder im Viertelfinale gegen die USA - die Unterstützung auf den Rängen war beeindruckend. Vor allem beim USA-Frankreich-Spiel schaukelten sich die Fangruppen gegenseitig hoch, natürlich bedingt durch die vielen US-Amerikaner sowie den spannenden Spielverlauf. Ebenfalls wahr: Es gab auch spärlich besuchte Spiele, die Stimmung passte sich oft dem Geschehen auf dem Spielfeld an - und das war nicht immer attraktiv.

Gewinnerinnen des Turniers

Noch vor zwei Jahren, bei der EM 2017 in den Niederlanden, standen die Torhüterinnen heftig in der Kritik. Reihenweise tauchten sie unter Flanken und Eckbällen durch oder sorgten durch spektakuläre Fehler für Gegentore. Doch das ist Vergangenheit, der Qualitätssprung auf der Torhüterposition ist enorm. Mittlerweile gibt es viele überragende Keeperinnen: Christiane Endler, Vanina Correa, Almuth Schult, Sari van Veenendaal, Karen Bardsley, Alyssa Naeher, Hedvig Lindahl. Sie haben nicht nur überragende Reflexe und sind technisch gut ausgebildet, sie beherrschen auch ihren Strafraum. Und können mit ihren Paraden Spiele entscheiden.

insgesamt 33 Beiträge
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EconomistGI 08.07.2019
1. Schwere Zeiten? Unsinn!
Die Zeit nach Voss-Tecklenburgs Antritt bis zur WM war zu kurz, um dieses junge Team ausreichend vorzubereiten - und dann noch der weitgehende (verletzungsbedingte) Ausfall von Marozsan. Das Viertelfinale gegen Schweden (1:2) war insgesamt ausgeglichen, wobei ein einzelner schwerer Abwehrpatzer gleich zum ersten Tor der Schwedinnen führte (und ein nicht geahndetes Foul an einer deuitschen Angreiferin dem zweiten vorausging). USA, England, und die Niederlande sind der deutschen Mannschaft aktuell sicherlich voraus, aber zu den vier besten Mannschaften in Europa gehören die deutschen Frauen schon. Wir werden es bei der EM 2021 sehen. Mir geht dieses ständige mediale Schwarzsehen auf den Senkel - da sind wir Deutschen sicherlich Weltmeister!
argonaut-10 08.07.2019
2. Richtig
die Qualität hat sich deutlich in der gesamten Breite verbessert und bei den Torhütern ganz besonders. was man unbedingt beobachten konnte, ist, dass die Athletik besser geworden ist; konnte man zuvor beobachten, dass bei den Frauen oft eine "Denk-Sekunde" bis zur eigentlichen Reaktion gebraucht wurde, so ist das nun beinahe eliminiert. Was nun die Deutschen betrifft, so waren sie in den ersten 20 Minuten gegen Schweden sogar besser, haben aber danach einfach kein Mittel mehr gefunden und ihre Linie komplett verloren. Das konnte auch die Bundestrainerin nicht mehr korrigieren. Und noch ein Letztes: Ich halte von Marodzan leider gar nichts; ohne sie ging es sehr gut und wann immer ich sie habe spielen sehen, habe ich seltenst etwas Gutes gesehen (auch bei anderen Turnieren nicht). Verstehe nicht den Hype um diese Personalie.
M. Vikings 08.07.2019
3. Es gibt andere Gründe, die mir mehr Sorgen bereiten.
Ich habe neulich, in einem anderen SpOn-Forum, einen ziemlich erschreckenden Beitrag gelesen. Ich zitiere der Einfachheit halber, aus dem Kommentar des Foristen spon-facebook-10000012354 vom 30.6.2019, 14.16 Uhr: "Umgekehrt verläuft die Entwicklung allerdings bei den Mädchen bis 16 Jahren. Waren es 2010, dem Jahr mit dem höchsten Wert in der jüngeren Vergangenheit, 8.665 Teams, sank die Zahl bis 2018 auf 5.346. Ein dramatischer Rückgang um fast 40 Prozent." Während in anderen Ländern der Frauenfußball boomt, bricht dem in Deutschland die ohnehin schon mickrige Basis weg. Da läuten die Alarmglocken, und es gibt für den DFB viel mehr zu tun, wenn der deutsche Frauenfußball den Anschluss halten will.
xiaoddid 08.07.2019
4. Spanien
Die Spanierinnen haben den besten Fußball gespielt. Die Deutschen hatten Dusel gegen die und sie hatten die USA voll im Griff. Was sie noch lernen müssen ist das Tore schießen, dann sind sie kaum schlagbar. In Deutschen Team habe ich keine wirkliche Weiterentwicklung seit dem Viertelfinale in Rotterdam erkennen können. Die spielen immer den gleichen Socken runter sind leicht auszurechnen und haben wenn es drauf ankommt keine Spielerin die den Unterschied macht. Bei genauerer Betrachtung hatten sie nicht nur gegen Spanien viel Dusel sondern auch schon gegen China. Wenn es dumm gelaufen wäre, hätten sie auch in der Vorrunde ausscheiden können, oder als eine der besten dritten dann im Achtelfinale.
sapiens-1 08.07.2019
5. @# 1 Economist GI
...also was Sie da zum Besten geben bezweifle ich stark. Zu den besten 4 europäischen Mannschaften gehört Deutschland momentan keinesfalls. Neben den Niederlanden und England sind auch Frankreich und Schweden (weit) entfernt. Der deutschen N11 fehlt eine sattelfeste Abwehr, aber auch in der Spieleröffnung hapert es dort doch gewaltig; ein Mittelfeld, das Esprit hat, konnte sich leider nicht etablieren - die vielgelobte Frau Maroszan ist für mich eine Luxusspielerin (wenns eh läuft ist auch sie gut drauf), sie kann aber die Mannschaft nicht führen, dadurch fehlt den anderen die Taktgeberin, die nach vorne Impulse setzt und die Kolleginnen einsetzt. Und zum Schluß will frau dann noch den Ball ins Tor tragen, statt mit schnellem on touch Spiel sich mal durchzutanken, das hat schon bei Jogis Jungs zum Absturz letztes Jahr geführt. Das deutsche Spiel war zu langsam und ideenlos, muß man leider so konstatieren, da gibts doch einige Hausaufgaben zu machen, will man wieder in die europäische Spitze.
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