DFB-Team ohne Dzsenifer Marozsán gegen Spanien Der Kompass fehlt

Deutschlands Fußballerinnen müssen ohne Dzsenifer Marozsán im wichtigen Gruppenduell gegen Spanien auskommen. Eine erhebliche Schwächung - aber vor allem für die Spielmacherin selbst ein Drama.

Jan Huebner / imago images

Aus Valenciennes berichtet


Wegen Fußballerinnen wie Dzsenifer Marozsán gehen Fans ins Stadion. Wenn sie den Ball hat, passiert oft etwas Aufregendes, wenn sie trickst, dann sehen die meisten ihrer Gegenspielerinnen schlecht aus. Dirigieren, dribbeln, passen, mal scharf, mal lang, schießen, hart und präzise - Marozsán ist die Fußballerin, die jeder in seinem Team haben will. Ein Fixstern, eine für den Unterschied, und ausgestattet mit einem Kompass in der Tasche.

Normalerweise müssten hier noch viele weitere Absätze zu ihrer spielerischen Klasse folgen. Doch die Geschichte der Dzsenifer Marozsán ist nicht normal, und nicht nur die Erzählung einer Siegerin, die in ihrer Karriere bereits dreimal die Champions League gewonnen hat, Europameisterin und Olympiasiegerin mit der deutschen Nationalmannschaft wurde. Locker und einfach, nein, der Fall wiegt schwerer: Wer von der 27-Jährigen spricht, spricht auch von Widerständen, von schweren Verletzungen. Marozsán kann fußballerisch alles, nur einen Schutzschild hat sie nicht.

Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hatte vor dem Start der Weltmeisterschaft am vergangenen Freitag noch gesagt: "Ich hoffe, die Topform von Dzsenifer hält während des Turniers an." Knapp 24 Stunden später, nach dem Duell gegen China (1:0), hatte diese Hoffnung Risse bekommen, mittlerweile hat sie sich komplett zerschlagen. Für die verbleibenden Gruppenspiele gegen Spanien am Mittwoch (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) und Südafrika am Montag fällt der deutsche Superstar aus. Die DFB-Spielmacherin erlitt im WM-Auftaktmatch einen Bruch des mittleren Zehs am linken Fuß.

Viele Titel, aber auch viele Verletzungen

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Dzsenifer Marozsán: Titel und Krücken

"Das war natürlich ein Schock, und wir mussten das alle erst mal verdauen", sagte Voss-Tecklenburg über die Verletzung. Die Cheftrainerin weiß: Wenn ihr Fixstern fehlt, dann verliert das gesamte deutsche Team an Strahlkraft und Orientierung. Ohne Marozsán kein Licht. Wenn die Unterschiedsspielerin nicht da ist, muss ein Plan B her. Dazu gleich mehr.

Vor allem ist die Verletzung aber für Dzsenifer Marozsán dramatisch. Dazu muss man wissen: Die WM 2011 hatte sie wegen eines Innenbandrisses verpasst, bei der Endrunde vor vier Jahren war sie angeschlagen und spielte nicht immer, nach Turnierende musste sie damals am Sprunggelenk operiert werden. Wochenlanger Ausfall. Im Juli 2018 erkrankte Marozsán an einer Lungenembolie. Sie habe eine Thrombose in der Wade nicht bemerkt, die dann in die Lunge gewandert sei, sagte Marozsán. Ein Blutgerinnsel, nach Angaben ihrer Ärzte ausgelöst durch die Antibabypille. Vom Pech verfolgt, und nun das mögliche Aus in Frankreich, bei ihrer Heim-WM.

Im Verein spielt Marozsán für den Weltklasseklub Olympique Lyon. Sie wurde zuletzt dreimal als beste Spielerin der französischen Liga ausgezeichnet. In Frankreich ist sie ein Superstar. "Mein Bekanntheitsgrad hier ist schon wesentlich höher als in Deutschland. Das macht mich schon stolz", sagte sie kurz vor WM-Beginn, als sie mit dem Ziel Halbfinale gestartet war - es würde ein Heimspiel werden, denn die Runde der letzten vier Teams findet in Lyon statt. Ob Marozsán bis dahin wieder gesund ist, weiß aktuell niemand, genauso wenig, ob dieses Ziel für das deutsche Team noch realistisch ist.

Marozsán nach einem Foul im Spiel gegen China
Sebastian Gollnow / DPA

Marozsán nach einem Foul im Spiel gegen China

Plan A, B und C - aber auch einer ohne Marozsán?

Trainerin Voss-Tecklenburg hatte bereits in der vergangenen Woche gesagt, dass sie Marozsán nicht als einzige Unterschiedsspielerin im Kader sieht. "Wir haben einen Plan A, B und wir haben auch einen Plan C", sagte die 51-Jährige. Das klang selbstbewusst. Unklar ist aber, ob diese Ersatzpläne auch das Szenario beinhalten, das Turnier ohne Marozsán bestreiten zu müssen.

Gegen China ließ die Bundestrainerin Marozsán bis zum Abpfiff auf dem Platz, das Foul an der Spielmacherin war bereits in der 12. Minute. Angesichts der längeren Behandlungspause hätten Trainer- und Ärzteteam vielleicht schon ahnen können, dass eine Auswechslung sinnvoll wäre. In der Nachbetrachtung ist das natürlich leicht gesagt, es zeigt aber: Deutschland braucht Marozsán.

Und sie wäre für das vorentscheidende Duell gegen Spanien um den Gruppensieg auch deswegen so wichtig, weil sie ballsicher ist und Ruhe ins Geschehen bringen kann - eine Stärke, die sie zumindest nach den Eindrücken der ersten Partie weitgehend exklusiv hat. Noch ist das Spiel des Teams mit 15 WM-Debütantinnen im Kader extrem fehleranfällig, Angriffe wirken überhastet, der Spielaufbau zu unkontrolliert. Ohne Marozsán droht weitere Unruhe, die Spanierinnen sind offensiver, aber auch abschlussstärker als die Chinesinnen einzuschätzen. Spanien ist eine dieser vielen europäischen Nationen, die im Fußball der Frauen enorm aufgeholt haben; das Auftaktspiel gegen Südafrika endete 3:1 für La Roja.

Möglicherweise wird die erfahrene Alexandra Popp aus der Sturmspitze auf die Marozsán-Position ins offensive Mittelfeld rücken, die talentierte Lea Schüller (21 Jahre, acht Länderspiele, fünf Tore) wäre eine Kandidatin für den Angriff. Möglicherweise wählt die Trainerin auch eine defensive Ausrichtung, immerhin: Das unangenehme Duell gegen China bestritt man siegreich. Gewinnt Deutschland erneut, stehen die Chancen gut, als Gruppensieger ins Achtelfinale einzuziehen. Das wäre wichtig, um den US-Amerikanerinnen zunächst aus dem Weg zu gehen.

Aber noch ist es nicht so weit. Erst einmal wollen die DFB-Spielerinnen ein Zeichen setzen. "Wir werden für Maro spielen", kündigte Leonie Maier an.



insgesamt 4 Beiträge
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hileute 12.06.2019
1. Trotz allem
die Mannschaft muss gewinnen (natürlich könnte man auch ein Unentschieden riskieren) und Platz 1 in der Gruppe holen, sonst braucht man im Achtelfinale gar nicht erst antreten gegen amiland
Jan2607 12.06.2019
2.
Wenn der Sieg einer ganzen Mannschaft von einer Spielerin abhängt, dann hat dieses Team in dem Finale einer WM ohnehin nichts zu suchen. Weil es dann nicht das weltbeste Team ist, sondern vielleicht maximal die weltbeste Spielerin hat. Beim US-Team sieht das anders aus. Die haben genug Talente, die sie austauschen können. Und darum vermute ich, dass Deutschland im Viertelfinale auf die USA trifft und ausscheidet. Die USA werden wahrscheinlich den Pokal holen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber ich bin von Natur aus skeptisch.
pirx64 12.06.2019
3.
Zitat von Jan2607Wenn der Sieg einer ganzen Mannschaft von einer Spielerin abhängt, dann hat dieses Team in dem Finale einer WM ohnehin nichts zu suchen. Weil es dann nicht das weltbeste Team ist, sondern vielleicht maximal die weltbeste Spielerin hat. Beim US-Team sieht das anders aus. Die haben genug Talente, die sie austauschen können. Und darum vermute ich, dass Deutschland im Viertelfinale auf die USA trifft und ausscheidet. Die USA werden wahrscheinlich den Pokal holen. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber ich bin von Natur aus skeptisch.
Das Beste, was Deutschland passieren konnte, hat man doch für den Fall der Fälle schon eine Ausrede parat.
Mondaugen 12.06.2019
4. Bewährung
Natürlich kann Maroszan nicht 1:1 ersetzt werden. Jetzt hat die Trainerin eine echte Bewährungsprobe: kann sie das auf die Regisseurin zugeschnittene Spiel der Deutschen so umstellen, dass der Gruppensieg gelingt? Spanien ist auf Augenhöhe, aber so überzeugend war ihr Auftritt gegen Südafrika auch nicht.
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