Taktik bei der Fußball-WM Wie Klopp und Guardiola die WM der Frauen geprägt haben

Formationen, Pressing, Standards: Die Trends der Fußball-WM in Frankreich haben sich im Klubfußball der vergangenen Jahre herausgebildet. Auf sie stützen sich nicht nur die dominierenden US-Amerikanerinnen.

US-Trainerin Jill Ellis (l.) und Englands Coach Phil Neville
Bernadett Szabo/REUTERS

US-Trainerin Jill Ellis (l.) und Englands Coach Phil Neville


Im Frühjahr 2010 spekulierte das fußballinteressierte Deutschland darüber, ob Bundestrainer Joachim Löw bei der WM in Südafrika eher Bastian Schweinsteiger oder Sami Khedira an die Seite von Kapitän Michael Ballack stellen würde. Auf der Doppelsechs laufen im defensiven Mittelfeld die Fäden zusammen. Hier wird der Rhythmus des Spiels bestimmt.

Die Frage erübrigte sich mit der Verletzung für Ballack. Beide durften ran. Doch an der grundsätzlichen Idee, mit einer Doppelsechs vor der Viererkette ins Turnier zu gehen, rüttelte vor knapp neun Jahren niemand. Bei den Männern ebenso wenig wie bei den Frauen.

Der Taktiktrend geht zum 4-3-3

Nach der WM der Frauen 2011 in Deutschland war im Bericht der Fifa von der "wachsenden Beliebtheit des 4-2-3-1-Systems" zu lesen. "Als populärstes System erwies sich jedoch einmal mehr das 4-4-2." Egal ob 4-2-3-1 oder 4-4-2, bei beiden Formationen steht vor der Abwehr die Doppelsechs, und auf sie setzten 2011 noch 13 von 16 Teams, also gut 80 Prozent. Der Anteil sank seitdem stetig: Bei der WM 2019 vertrauen nur noch knapp über 60 Prozent aller Teilnehmer darauf.

Pep Guardiola (r.) 2014 als Trainer des FC Bayern mit Franck Ribéry
Michael Dalder / REUTERS

Pep Guardiola (r.) 2014 als Trainer des FC Bayern mit Franck Ribéry

Noch eindeutiger zeichnet sich der Trend zum einzelnen "Ankersechser" ab, wenn man nur die K.-o.-Runden der letzten drei Weltmeisterschaften in den Blick nimmt. Alle acht Teams, die 2011 die Gruppenphase überstanden, setzten auf das Zweiergespann im defensiven Mittelfeld. 2019 waren es nur noch die Hälfte. Schweden war der einzige von vier Halbfinalisten, der sich nicht standardmäßig im 4-3-3 über den Platz verteilte. England wich nur ein einziges Mal bei dieser WM davon ab - im Halbfinale gegen die USA, in dem sie im 4-2-3-1 ausschieden.

Im Finale am Sonntag (17 Uhr, TV: ARD, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) stehen nun die zwei Teams, die als einzige in allen Spielen grundsätzlich am 4-3-3 festgehalten hatten - die USA und das Mutterland des 4-3-3: die Niederlande.

Ballbesitz, perfekte Abstände und Winkel, Kurzpassspiel

Als modernes Vorbild für das 4-3-3 gilt der FC Barcelona unter Trainer Pep Guardiola, dessen Spiel wiederum stark geprägt wurde durch die niederländische Fußballschule von Johan Cruyff. Als Guardiola den FC Bayern 2013 übernahm und das Erfolgsduo Javi Martínez und Schweinsteiger auf der Sechs auseinandernahm, hatte das Team so lange Probleme, bis der Trainer die entblößten Räume durch einrückende Außenverteidiger absicherte. Genau diesen Schachzug packte US-Nationaltrainerin Jill Ellis nun bei der WM 2019 im Gruppenspiel gegen Chile aus (3:0).

Für die Spielidee von Guardiola sind aber die "Telefonnummern" der Formationen eine Nebensache. Wichtiger sind Ballbesitz, die perfekten Abstände und Winkel zu Mitspielern und Gegnern sowie das Lenken des Spiels über schnelle kurze Pässe. 2011 war Japan mit einer ähnlichen Idee bei den Frauen noch ein Exot. Mit Spanien ist 2019 ein weiterer Vertreter dieser Spielart in die K.-o.-Phase eingezogen. Und auch wenn die USA viel auf Athletik und lange Bälle setzt - auch die Rekordweltmeisterinnen haben viele taktische und spielerische Ideen aus dieser Schule übernommen.

Die deutsche Kapitänin Alexandra Popp war bei der WM mal Stürmerin, mal Sechser
Maja Hitij / Getty Images

Die deutsche Kapitänin Alexandra Popp war bei der WM mal Stürmerin, mal Sechser

Noch eine weitere Parallele zum Pep-Fußball lässt sich in Frankreich erkennen: Spielerinnen kommen in den unterschiedlichsten Rollen zum Einsatz. Beim deutschen Team zog Martina Voss-Tecklenburg Stürmerin Alexandra Popp aus dem Sturm vor die Abwehr. Giulia Gwinn wechselte mehrfach die Positionen. US-Trainerin Jill Ellis schulte Stürmerin Chrystal Dunn zur Verteidigerin um - Hauptsache, die elf Besten stehen auf dem Platz.

Was die besten Teams im Fußball von den guten unterscheidet, ist die Fähigkeit, eine Mannschaft zu besiegen, die sich vor dem eigenen Tor verbarrikadiert. Jürgen Klopp machte Borussia Dortmund zweimal zum Deutschen Meister, indem er es gar nicht erst dazu kommen ließ. Mit hohem Pressing setzten seine Stürmer schon den ersten oder zweiten Pass des Gegners unter Druck.

Selbst eigene Ballverluste im Angriff sah Klopp als Chance. Denn in diesem Moment setzt der Gegner zum Konter an und verlässt die defensive Ordnung. Wer genau dann den Ball schnell zurückgewinnt, statt nach hinten zu laufen, hat es nicht mehr weit zum Tor. Der Satz "Gegenpressing ist der beste Spielmacher" gehört noch heute zum Markenkern Klopps, dem Trainer des aktuellen Champions-League-Siegers Liverpool.

Statsbomb

Das ist ganz nach dem Geschmack von England-Coach Phil Neville. Schon die USA sind ein giftiges Pressing-Team, doch die Engländerinnen (in der Grafik von rechts nach links spielend angeordnet) attackieren noch höher.

Die Datenanalysten von Statsbomb verzeichneten für England in den ersten fünf Spielen der WM extrem viele Defensivaktionen in der Nähe des gegnerischen Tors. Englands Mittelstürmerin Ellen White verbuchte mit Abstand die meisten Pressingaktionen für England (mehr als 30). Ihr US-Pendant Alex Morgan kam im gleichen Zeitraum auf nur elf Pressingaktionen.

Was Klopps Liverpool zusätzlich so stark macht, sind Tore nach Standards, die im Training akribisch einstudiert werden. So schießt Liverpool deutlich mehr Standardtore als es kassiert und kann Partien so für sich entscheiden, die aus dem Spiel heraus auf der Kippe stehen.

Standard-Spezialisten aus den Niederlanden: Vivianne Miedema (r.) beim Kopfball
/Alessandra Tarantino/AP

Standard-Spezialisten aus den Niederlanden: Vivianne Miedema (r.) beim Kopfball

Inzwischen bedienen sich auch die Topteams der Frauen dieses zusätzlichen Mittels. Die USA sind bei Standards wie bei so vielem das Maß der Dinge. Bis zum Halbfinale trafen die Titelverteidigerinnen sechsmal nach einem ruhendem Ball bei 23 Versuchen - die zwei Strafstöße von Megan Rapinoe nicht eingerechnet. Die Niederlande trafen sogar fünf mal nach 14 Standards. Dabei bilden die Freistöße nur die Grundlage von gut 22 Prozent der Torabschlüsse beider Teams.

Auch die Deutschen griffen auf das Stilmittel der Standards zurück und erzielten vier ihrer zehn Turniertreffer nach ruhenden Bällen, knapp ein Drittel aller Torversuche entstanden so. Das ist kein Makel, denn es zeigt eben auch, dass sie dieses Mittel für sich zu nutzen wussten - genauso wie die Champions.



insgesamt 8 Beiträge
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spadoni 06.07.2019
1. Guardiola
konnte nur mit sehr viel Geld bei ManCity etwas bewirken. Trotzdem konnte er bis jetzt, die CL mit City nicht kaufen, und das ist gut und richtig so. Denn damals, beim FC Barcelona, verfügte er über die ABSOLUTE JAHRHUNDERTMANNSCHAFT, mit der jeder mittelmässige Trainer Erfolg gehabt hätte. Guardiola wird von vielen masslos überschätzt!
fanBSC 06.07.2019
2. @1
Was wollen sie uns genau damit sagen? gefühlt spricht da kein Fussball Fan. Pep hat bei Barca erstmal einige Stars gehen lassen, was mich damals schockiert hat. Pep hatte leider recht. Ja Barcelona hatte geile Spieler, aber andere Vereine in Europa auch. cl ist kein selbstläufer. durch Peps Vorstellung vom Spiel war Barca 2 1/2 Jahre unfassbar stark, mit dem Spielermaterial (und auch Spanien hat das für übernommen und 3 Titel). in England kann man kein Titel kaufen mehr, alle haben Geld. dort haben 6teams unfassbar viel Geld und sehr gute Spieler. keine Ahnung ob sie es mitbekommen haben, city hat seit 2 Jahren auch ein Lauf. wie bei barca, bayern. es liegt wohl auch am Trainer und System. Die cl gewinnt man aber auch so nicht einfach, in 2 Spielen kann viel passieren. finde er ist nicht der beste Trainer aller Zeiten, aber wer sagt, er ist kein Weltklassetrainer Zweifel ich doch stark am sachverständnis
spadoni 06.07.2019
3. fanBSC
Und ich weiss nicht ob Sie mitbekommen haben dass ManCity, im Gegensatz zu den anderen 5 englischen Topteams, neben anderen Unregelmässigkeiten dem Geldgeber aus Abu Dhabi geschuldet, wegen mehrfaches Verstosses gegen das financial fairplay angeklagt wurde. Es war sogar von einem Ausschluss aus der CL die Rede, der SPIEGEL berichtete vor ein paar Wochen ausführlich darüber, wo das Urteil aber noch nicht gesprochen ist. Aber wahrscheinlich verschliessen Sie als Pepi Fan die Augen vor der Realität!
mariomeyer 06.07.2019
4. @spadoni
Sie haben natürlich vollkommen Recht. Ein Trainer, der mit drei Teams in drei Ligen in den Jahren 2009, 2010, 2011, 2014, 2015, 2016, 2018 und 2019 achtmal Meister geworden ist, der ist "masslos (sic) überschätzt". Da kann es keine zwei Meinungen geben, so offensichtlich ist das. Dass es Leute gibt, denen ganz blümerant wird, wenn sie an den Fußball denken, den Guardiola spielen lässt, weil sie diese Art des Fußballs für so schön anzuschauen halten (die Fußball-Nullchecker von rasenfunk.de fallen mir auf Anhieb ein), sei nur erwähnt, um Ihre Aussage weiter zu unterstreichen. Pep Guardiola kann nix. Überhaupt nix. Darum ist es auch nicht nachvollziehbar, warum sein Name immer wieder in Artikeln wie diesem in Zusammenhang mit fußballtaktischen Innovationen gebracht wird. Die Leute haben alle keine Ahnung. Außer Ihnen natürlich. Ich bin mir sicher, dass, sollte Ihr Leib-und-Magen-Verein, der andere Club aus Manchester, Guardiola einstellen, Sie aus Protest kein einziges Spiel mehr von United sehen würden. Oder?
spadoni 06.07.2019
5. mariomeyer
Noch so ein glühender Pepi Fan !! Mit dem Potential über das die Mannschaften verfügten, die Guardiola trainierte, der FC Barcelona und der FC Bayern von damals, und ManCity, wo er für viel Geld aus einer zweitklassigen eine erstklassige Mannschaft zusammen kaufen konnte, wäre JEDER halbwegs gute Trainer Meister geworden. Fragt sich nur ob er noch so gut wäre, wenn er ohne Ölprinzen Geldmittel wie bei City, aus einer zweitklassigen Mannschaft ein Top Mannschaft formen könnte. Ich glaube nicht!
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