Deutschlands WM-Aus Im Schatten des Aufschwungs

Dzsenifer Marozsáns Ausfall, die vielen Aussetzer: Das Viertelfinal-Aus der DFB-Frauen hat viele Gründe. Es zeigt aber auch, wie sehr die europäische Konkurrenz gegenüber Deutschland aufgeholt hat.
Aus Rennes berichtet Jan Göbel
Das DFB-Team nach dem WM-Aus

Das DFB-Team nach dem WM-Aus

Foto: Benoit Tessier /REUTERS

Wenn die Fußball-Weltmeisterschaft in der kommenden Woche in die heiße Phase geht, ist Deutschland nicht mehr dabei. Wenn in einigen Ländern die nächsten TV-Rekorde aufgestellt werden, sehen die Fernsehzuschauer die USA und England, Schweden und Niederlande, aber nicht das deutsche Team. Und wenn im kommenden Jahr das olympische Fußballturnier bei den Sommerspielen in Tokio stattfindet, kann Deutschland seinen Titel nicht verteidigen. Denn durch das WM-Aus hat sich das Team auch nicht für Olympia 2020 qualifiziert.

Diese Zuschauerrolle haben die deutschen Fußballerinnen der 1:2 (1:1)-Niederlage gegen Schweden zu verdanken. Das Aus ist ein doppelter Schlag, der im DFB-Lager schwere Enttäuschung hervorrief. Es schmerzt natürlich aus sportlicher Sicht. Aber es erzählt auch die Geschichte, wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sich neben dem Spielfeld den Schneid abkaufen lässt.

Aber der Reihe nach. Das deutsche Team ist bei dieser WM auch deshalb gescheitert, weil Dzsenifer Marozsán gleich im ersten Spiel der Zeh in einem Zweikampf gebrochen wurde. Ohne die Starspielerin fehlte der deutschen Mannschaft Ballsicherheit, es fehlte eine Idee, wie man Chancen aus dem Spiel heraus kreieren kann. Standardsituationen waren plötzlich Deutschlands einzige gefährliche Waffe, aber gegen Schweden zündete die nicht. Marozsán kehrte zwar für eine Hälfte gegen die Schwedinnen zurück, doch kurz nach ihrer Verletzung war sie kein entscheidender Faktor.

Deutschland ist auch ausgeschieden, weil sich die Defensive um Marina Hegering und Sara Doorsoun immer wieder erstaunliche Aussetzer leistete. Weil dem Kader mit den 15 WM-Debütantinnen noch die Erfahrung auf internationalem Topniveau fehlt. Wahrscheinlich auch deswegen, weil das Team und die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erst seit einem halben Jahr zusammenarbeiten. Die Cheftrainerin sagte nach dem WM-Aus, man werde "die Dinge gut analysieren". Dann werden wohl auch die Abhängigkeit von Marozsán, die individuellen Patzer, die Unerfahrenheit als Gründe für den Viertelfinal-K.o. angeführt werden.

Europa ist laut, Deutschland eher nicht

Zu so einer Analyse müssen dann auch die Geschichten gehören, die neben dem Platz stattfanden. Der DFB hat es kaum geschafft, Fans für dieses Turnier in Frankreich zu mobilisieren. Während der niederländische Verband etwa gesammelte Kartenbestellungen für seine Anhänger aufgegeben hat, mussten sich deutsche Anhänger selbst organisieren (lesen Sie zu diesem Thema dieses Fan-Interview).

So feiern Oranje-Fans vor und im Stadion zusammen in einem Block, während deutsche Fans verstreut im Stadion saßen. In sozialen Netzwerken sind Fanvideos der niederländischen Anhänger gerade der Hit, auch so etwas schafft Aufmerksamkeit.

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Schon vor WM-Start vermeldeten die nationalen Ligen von Spanien, Frankreich und Italien Zuschauerrekorde, während der VfL Wolfsburg keinen Grund sah, das Champions-League-Viertelfinale gegen den späteren Sieger Olympique Lyon in die große Volkswagen-Arena zu verlegen.

In England startete die erste Fußballliga der Frauen, in deren Teams nur Profis spielen. Der Verband hat hierfür kürzlich einen Rekorddeal in Millionenhöhe abgeschlossen. Die niederländische Organisation beschloss vor einigen Tagen, die Prämienverteilung zwischen Männern und Frauen nach der WM anzupassen und in den kommenden Jahren zusammenführen. In Norwegen ist das bereits seit knapp zwei Jahren der Fall.

Der europäische Fußball der Frauen ist im vergangenen Jahr ziemlich laut geworden, in Deutschland wirkt er dagegen gerade sehr leise.

Die europäische Konkurrenz hat dadurch auch sportlich enorm gegenüber dem achtmaligen Europameisterinnen aus Deutschland aufgeholt. Wenn nun mindestens ein europäisches Team im Endspiel von Lyon (Sonntag, 17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vor einem Millionenpublikum spielen wird, darf die Bundesliga von dem WM-Schwung nur wenig Auftrieb erwarten.

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Foto: Maja Hitij / Getty Images

Aber, und das ist die positive Erkenntnis dieser WM, es gab auch Lichtblicke:

  • Giulia Gwinn ist mit 19 Jahren eine der großen Entdeckungen dieses Turniers.

  • Die in den sozialen Netzwerken und bei Sponsoren beliebte Sara Däbritz steht künftig in der französischen Topliga bei Paris Saint-Germain unter Vertrag. Wenn sie dort das zeigt, was sie schon bei der WM gezeigt hat (vier Torbeteiligungen, davon drei Treffer), wird sie das französische Publikum begeistern.

  • Almuth Schult ist eine überragende Keeperin - und sie ist laut im Kampf gegen Ungerechtigkeit.

  • Lina Magull ist das, was es im Fußball sowohl bei Männern als auch bei den Frauen kaum noch gibt: frech, mutig, dribbelstark.

In diesem Team gibt es viele spannende Spielerinnen. Doch sieht auch wer hin? Das Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 war ein erstes Warnsignal, das erneut frühe WM-Aus und die verpasste Olympia-Qualifikation sind Tiefpunkte, die zum Nachdenken anregen müssen.

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