Deutschlands Nationaltorhüterin Almuth Schult Die Kämpferin

Mit Zweifeln an der Nummer eins war Deutschland ins WM-Turnier gestartet. Davon ist nach zwei Spielen keine Rede mehr. Ein Glück fürs DFB-Team: Denn Almuth Schult ist widerstandsfähig. Und sie ist laut.

Von der Wackelkandidatin zum Rückhalt im DFB-Team: Almuth Schult
Phil Noble / REUTERS

Von der Wackelkandidatin zum Rückhalt im DFB-Team: Almuth Schult

Aus Montpellier berichtet


Es gab mal eine Zeit, da war nicht sicher, ob die Schulter von Almuth Schult hält. Ob die deutsche Nationaltorhüterin wirklich die Form hat, um bei einer großen Fußballendrunde ein echter Rückhalt zu sein. Die Frage kam nicht allein wegen der Schulterprobleme auf, sondern auch, weil Schult ungewohnte Schwächen zeigte. Die 28-Jährige patzte bei einem Testspiel der deutschen Fußballerinnen gegen Japan (2:2) gleich bei beiden Gegentreffern, auch im Verein, beim VfL Wolfsburg, unterliefen ihr vermehrt Fehler.

Ja, diese Zeit gab es mal, sie liegt nur wenige Wochen zurück. Doch derzeit wirkt es so, als hätte es die Diskussionen um die Nummer eins des DFB-Teams nie gegeben. Als hätte nicht zur Debatte gestanden, dass Schult bei der Weltmeisterschaft in Frankreich fehlen könnte. Dass Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg vor ihrer Kader-Bekanntgabe im Mai noch betonen musste, Schult müsse schon "100 Prozent performen", um im WM-Aufgebot zu stehen? Vor dem dritten Gruppenspiel am Abend gegen Südafrika (18 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD) vergessen.

Fotostrecke

23  Bilder
WM 2019: Das sind die 23 Spielerinnen im DFB-Kader

Der Start der deutschen Fußballerinnen verlief wackelig. Zwei Siege zwar gefeiert und das Achtelfinale schon gesichert. Aber der Ausfall von Starspielerin Dzsenifer Marozsán und die vielen Fehler im Spielaufbau und Passspiel lassen Zweifel zu an der deutschen WM-Verfassung. Die deutsche Mannschaft mit ihren 15 WM-Debütantinnen wirkt nervös, sie muss noch einige Probleme lösen, um in der K.-o.-Phase bestehen zu können. Doch Almuth Schult gehört nicht zu diesen Baustellen. Im Gegenteil. Sie ist der Ruhepol.

Schults erstes Halbjahr 2019 ist von Rückschlägen geprägt

Zwei Minuten war das zweite Gruppenduell gegen Spanien alt, da war die deutsche Mannschaft bereits ausgespielt. Das Mittelfeld war in einem 4-4-2-System schlecht organisiert, die Innenverteidigung aus Marina Hegering und Sara Doorsoun stand zu weit voneinander entfernt und so landete ein Steilpass Spaniens gefährlich vor dem deutschen Tor. Dass die Szene nicht mit einem Gegentor endete, lag an Schult. Sie war aus ihrem Tor geeilt und hatte den Ball noch vor Mariona Caldentey weggerätscht.

Danach überzeugte Schult in der Luft. Wenn hohe Bälle in ihren Strafraum segelten, packte sie zu. Und weil die deutsche Mannschaft derzeit so unsicher im Spielaufbau agiert, will sie ihre Teamkolleginnen nicht mit kurzen Pässen überfordern. Schult schlägt den Ball weit ab. Das ist nicht schön, aber derzeit offenbar erforderlich, zumal die Ballsicherheit einer Marozsán fehlt. "Wir würden uns freuen, wenn es spielerisch einfacher läuft", sagte Schult nun vor der Partie gegen Südafrika über ihre vielen langen Bälle, und sie ergänzte: "Aber wenn wir es immer über das Kämpferherz schaffen und 1:0 gewinnen, ist mir das auch ziemlich wurscht."

Schults Kämpferherz wurde in diesem Jahr besonders auf die Probe gestellt, es begann mit einer hartnäckigen Masern-Infektion. Sie verlor Gewicht, ihr Körper wurde von Nebenerkrankungen wie einer Leber- und Zahnfleischentzündung zusätzlich geschwächt. "Es ging mir noch nie so schlecht in meinem Leben", sagte Schult über diese Zeit. Später kamen dann Schulterprobleme hinzu. "Die beste Torhüterin der Welt", wie sie von ihrer DFB-Vorgängerin Nadine Angerer in einem aktuellen "Deutschlandfunk"-Interview bezeichnet wird, war vor der WM plötzlich ein Wackelkandidat. Umso beeindruckender, wie sie sich aktuell präsentiert.

Kritik am DFB

Schult kämpft aber auch neben dem Platz. Vor der WM prangerte sie die Haltung des Verbands mit ungewohnt offenen Worten an. "Wir hoffen, dass der DFB den Frauenfußball weiter nach vorne bringt. Aber die Signale, die ich momentan wahrnehme, deuten leider in eine andere Richtung", sagte Schult im April der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Sie sagte auch, es gebe Vorurteile im eigenen Verband, zu wenig Unterstützung für die Frauen, der Konkurrenz im Ausland gehe es viel besser (mehr dazu lesen Sie hier).

Nach dem Sieg gegen Spanien bedankte sich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (h.) vor allem bei ihrer Torhüterin: Almuth Schult
Phil Noble / REUTERS

Nach dem Sieg gegen Spanien bedankte sich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg (h.) vor allem bei ihrer Torhüterin: Almuth Schult

Schult ist laut, wenn sie muss. Diese Eigenschaft hat sie fast exklusiv in diesem jungen WM-Kader, der erst noch zusammenwachsen muss, der sich trauen muss. Aber auf dem Fußballfeld, dort strahlt Schult vor allem Ruhe aus. So ist sie derzeit besonders wichtig für die nervöse Truppe, und nach dem 1:0 gegen China blieb sie auch gegen Spanien ohne Gegentor. Kurz nach Schlusspfiff rannte die Bundestrainerin zur Torhüterin, fast 80 Meter weit. Um Schult zu gratulieren? Um sich bei ihr zu bedanken? Wahrscheinlich war es ein Mix aus beiden.

Fest steht: Deutschland wäre mit einem Punkt gegen Südafrika Gruppenerster; der Gegner hofft noch auf das Achtelfinale, und er dürfte gegen die DFB-Auswahl tief stehen, auf Konter lauern. Diesmal wird Schult nicht nur lange Bälle schlagen können, sie muss auch im Spielaufbau Präsenz zeigen. Das ist nicht ihre ganz große Stärke, im Test gegen Japan verursachte sie zwei Gegentreffer durch Fehlpässe. Aber das war im April. Und erscheint gerade sehr lange her.

insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dernameistprogramm 17.06.2019
1. In der KO-Spielen wird Sie ordentlich hinter sich
greifen müssen. Schade, dass BRD mit zwei derartig schlechten Gruppenspielen weitergekommen ist. Spätestens im Halbfinale ist nach-Hause-fahrn angesagt.
tomkey 17.06.2019
2. Berichtigung
"Zwei Minuten war das zweite Gruppenduell gegen Spanien alt, da war die deutsche Mannschaft bereits ausgespielt. Das Mittelfeld war in einem 4-4-2-System schlecht organisiert, die Innenverteidigung aus Marina Hegering und Sara" Doorsoun stand zu weit voneinander entfernt und so landete ein Steilpass Spaniens gefährlich vor dem deutschen Tor. Dass die Szene nicht mit einem Gegentor endete, lag an Schult. Sie war aus ihrem Tor geeilt und hatte den Ball noch vor Mariona Caldentey weggerätscht." Das stimmt so nicht. Einmal konnte Doorsoun die Spanierin noch im Strafraum ablaufen und bei der 2. Großchance der Spanierin zögerte Schult beim Herauslaufen. Den Ball hätte sie auf alle Fälle eher erreicht als die entgegenstürmende Spanierin. Weltklasse Torhüter*innen hätten so gehandelt. Selbst der ZDF-Reporterin fiel das auf. https://www.zdf.de/sport/zdf-sportextra/fifa-frauen-wm-2019-deutschland-spanien-highlights-100.html Ich führe den Fehler auf mangelnde Spielpraxis, allgemeine Nervosität zu Beginn eines Spiels im dt. Team und bekannte Schwächen von Almuth in der Ballbehandlung am Fuss zurück. Trotzdem sollte sie weiterhin eine Stütze des Teams sein.
Karla Winterstein 17.06.2019
3. Zu grosse Erwartungshaltung
Der Einzug ins Achtelfinale ist schon als Erfolg zu werten und sollte die Mannschaft Gruppenerster werden, hat sie sogar Chancen auf das erreichen des Viertelfinales. Die im Umbau befindliche Nationalmannschaft, deren neues Trainerteam erst Anfang des Jahres seine Arbeit aufgenommen hat, ist eigentlich überhaupt noch nicht auf ein solches Turnier vorbereitet, weshalb ja auch kein Pflichtziel vorgegeben wurde. Es wäre zwar schön, wenn die Qualifikation für die Olympischen Spiele geschafft wird (unter den besten drei Europäern), aber niemandem würde der Kopf abgerissen werden, wenn das nicht klappt. Das erklärte Ziel ist der Aufbau einer schlagkräftigen Truppe innerhalb ein bis zwei Jahren, wobei die Jugend weit mehr eingebunden werden soll, als bisher. Diesbezüglich sind die ersten Ansätze ja wirklich schon von Erfolg gekrönt, weil die "Küken" unter 20 zu den besten Spielerinnen gehörten. Man sollte dieses Turnier als Trainingslager und verschärften Bedingungen sehen, denn als solches ist es sehr wertvoll. Spielerinnen, wie Oberdorf, Bühl und Gwinn haben beim nächsten Turnier (Olympische Spiele oder EM) schon in ganz jungen Jahren Turniererfahrung bei "den Grossen". So etwas sollte man nicht unterschätzen.
whiskeytangofoxtrot 17.06.2019
4.
Haben Sie sich mal das Zuschauerinteresse in den Stadien bei dieser WM vor Augen geführt? Die Stadien sind z. T. fast leer ( wie z. B bei Holland gegen Thailand). Ist das auf die Frauenfeindlichkeit der bösen Franzosen zurückzuführen oder sabotiert die böse frauenfeindliche Fifa ihre eigene WM und damit ihr eigenes wirtschaftliches Ergebnis? Möglicherweise ist es ja eher das generell geringere Interesse am Frauenfußball, dass sich mit noch so großen Vermarktungskünsten nur zu bis einem bestimmten Level steigern lässt. Sie können ja auch mit noch so viel Vermarktung Wildwasser Kanu fahren bei Olympia nicht populärer als z.B. die Leichtathletik machen. Das Publikum schaut das, was es als attraktiv erachtet und nicht das, was man ihnen im Zuge eine wie auch immer gearteten political correctness eintrichtern will.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.