Elfmeter-Wiederholungen bei der WM Auf Linie

Bei der WM lassen die Schiedsrichterinnen jeden verschossenen Elfmeter wiederholen, bei dem sich die Torhüterin minimal vor der Torlinie befunden hat. Diese maßlose Regelauslegung darf nicht Schule machen.

Schiedsrichterin Hyang Ok Ri (l.) ließ bei der Partie Schottland gegen Argentinien einen Elfmeter wiederholen
Nicola Docherty / REUTERS

Schiedsrichterin Hyang Ok Ri (l.) ließ bei der Partie Schottland gegen Argentinien einen Elfmeter wiederholen

Von Alex Feuerherdt


Die Fassungslosigkeit war Lee Alexander anzumerken. Soeben hatte die schottische Torhüterin in der Nachspielzeit der WM-Partie gegen Argentinien beim Stand von 3:2 den schwach geschossenen Elfmeter von Florencia Bonsegundo pariert. Damit hatte sie, so schien es zumindest, verhindert, dass sich ihr Team nach einer 3:0-Führung aus der WM verabschiedet.

Zur Person
  • Stefanie Fiebrig
    Der Publizist Alex Feuerherdt ist Mitgründer und -betreiber von "Collinas Erben", einem Podcast, der sich mit der Schiedsrichterei beschäftigt. Zudem ist er seit 1985 selbst Schiedsrichter und hat Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er ist seit Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Referees in Köln sowie Schiedsrichter-Coach im Fußballverband Mittelrhein. Als Experte tritt er regelmäßig in Radio- und TV-Sendungen auf.

Doch dann schaltete sich der deutsche Video-Assistent Bastian Dankert ein und empfahl Schiedsrichterin Hyang Ok Ri aus Nordkorea, den Strafstoß wiederholen zu lassen. Denn Torhüterin Alexander hatte sich im Augenblick des Schusses vor der Torlinie befunden - um wenige Zentimeter.

Ri ordnete eine erneute Ausführung des Elfmeters an. Außerdem zeigte sie der Torfrau die Gelbe Karte und erklärte ihr die Regel. Beim zweiten Versuch traf Bonsegundo, auch weil Alexander nahezu regungslos auf der Linie verharrte, wohl nicht zuletzt aus Furcht vor einer Gelb-Roten Karte. Die Partie endete 3:3, Schottland ist ausgeschieden.

Es war bereits der dritte nicht verwandelte Elfmeter im Turnier, bei dem der Videoassistent eingriff, weil die Torhüterin mit beiden Beinen knapp vor der Torlinie war. Zuvor hatten auch die Italienerinnen im Spiel gegen Jamaika (5:0) sowie Gastgeber Frankreich gegen Nigeria (1:0) von dieser extrem peniblen Regelauslegung profitiert und den Strafstoß bei der Wiederholung versenkt. Ganz offensichtlich hat die Fifa die Schiedsrichterinnen und die Videoassistenten zu dieser ungewohnten Strenge angehalten.

Im Elfmeterschießen drohen Feldverweise

Eine Rolle spielt dabei die Regeländerung bei der Strafstoßausführung: Seit dem 1. Juni müssen sich Torhüterinnen und Torhüter im Moment des Schusses nur noch mit einem Fuß auf oder über der Torlinie befinden. Mit dem anderem dürfen sie einen Schritt nach vorne tun. Die obersten Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) haben die Änderung damit begründet, dass der Elfmeterschütze schließlich seinen Anlauf verzögern und sogar unterbrechen dürfe. Deshalb sei mehr Spielraum für die Torhüter angemessen.

Das Ifab hat damit eine langjährige Praxis legalisiert: Kaum ein Torwart blieb beim Strafstoß auf der Linie kleben und kaum ein Unparteiischer ahndete dies, wenn der Elfmeter nicht ins Tor ging. Gestört hat diese nachsichtige Regelauslegung kaum jemanden. Was nun bei der WM zu beobachten ist, verkehrt den Sinn dieser Regeländerung allerdings ins Gegenteil.

Wird ein Strafstoß nicht verwandelt, interveniert der Videoassistent, sobald die Torfrau die Linie mit dem zweiten Fuß auch nur minimal verlassen hat. Die Gelbe Karte, die neben der Wiederholung in diesem Fall zwingend vorgeschrieben ist, lässt die Praxis noch härter werden. Offenbar hat die Fifa nach der Neuregelung beschlossen, dass die Referees nun besonders strikt vorgehen sollen. Im Ergebnis ist deshalb aus der Lockerung eine Verschärfung geworden.

In den anstehenden K.-o.-Spielen der WM könnte es deshalb bei Partien, die ins Elfmeterschießen gehen, zu der kuriosen Situation kommen, dass eine Torhüterin mit Gelb-Rot vom Feld geschickt wird, weil sie zweimal die Torlinie um Zentimeter verlassen hat. Eine absurde Vorstellung. Formal ist das derzeitige Vorgehen zwar korrekt, es entspricht dem Wortlaut der Regeln, die an dieser Stelle keinen Spielraum vorsehen. Aber ist es auch im Sinne des Fußballs?

Der Rechtsfrieden ist gefährdet

Der Sportinformatiker Otto Kolbinger und der Sportwissenschaftler Michael Stöckl haben kürzlich in einer Studie nachgewiesen, dass zumindest im Spitzenfußball der Männer so gut wie kein Elfmeter vollkommen regelkonform ausgeführt wird. Fast immer dringen Spieler vorzeitig in den Strafraum ein und bewegen sich Torhüter zu früh von der Torlinie. Dennoch greifen die Unparteiischen nur in besonders eklatanten Fällen ein, und fast niemand verlangt eine strengere Anwendung der Strafstoßregeln. Die liberale Regelpraxis ist weithin akzeptiert. Sobald ein Schiedsrichter die Anweisungen buchstabengetreu umsetzt, wirkt er kleinlich.

Die Akzeptanz dieser Praxis dient dem Rechtsfrieden, und dessen Bedeutung ist im Sport wie in der Gesellschaft nicht zu unterschätzen. Die Praxis bei der WM dagegen zwingt die Torhüterinnen fast schon zur Passivität und raubt ihnen fast jede Chance, einen Strafstoß abzuwehren. Dabei liegt die Trefferquote bereits jetzt bei 70 bis 80 Prozent. Entsprechend gering ist das Verständnis für das rigorose Vorgehen der Schiedsrichterinnen und ihrer Videoassistenten beim Turnier in Frankreich. Einem Bericht der Londoner "Times" zufolge wollen etwa die Referees in der englischen Premier League nicht, dass sich der Videoassistent bei der Strafstoßausführung einmischt.

Tatsächlich wären die Verbände gut beraten, in Bezug auf die Elfmeterausführung nicht der Linie bei der WM zu folgen, sondern den Schiedsrichtern ihren Ermessensspielraum zu lassen. Der Videoassistent sollte wie bisher nur in gravierenden Fällen eingreifen, nämlich dann, wenn der Torwart die Torlinie inakzeptabel weit verlassen und anschließend den Ball abgewehrt hat. Oder wenn ein zu früh in den Strafraum gelaufener Spieler das Ergebnis des Strafstoßes unmittelbar beeinflusst, indem er wegen dieses Verstoßes an den Ball kommt.

Mit dieser Praxis konnten fast alle gut leben. Es gibt keinen Grund, sie entscheidend zu ändern.

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
hileute 20.06.2019
1. Völlig absurd
dann wird man mit dem Elfmeterschießen nie fertig, weil dann auch bei zu früh im Strafraum befindlichen Spielern( Standard, wird sich nicht so leicht ändern lassen) wiederholen müsste.
Domspatz 20.06.2019
2. Regel ist nun mal Regel
Aber man sollte bei der Ausführung des Elfmeters auch das Abstoppen beim Anlauf des Schützen unterbinden. Das ist genauso unfair.
Strai 20.06.2019
3. Falsche Argumente
Der Autor tut so, als dürften sich Torwarte gar nicht mehr bewegen. Aber das stimmt gar nicht. Sie dürfen sich jederzeit nach rechts oder links bewegen, nur eben nicht nach vorne. Warum machen sie das trotzdem? Um den Winkel zu verkleinern und sich so einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Das zu verhindern, finde ich völlig in Ordnung, so war es immer gewollt. Ein Ermessensspielraum verwässert nur eine klare Regel ohne Not.
at.engel 20.06.2019
4.
Ich war ursprünglich gegen den Videobeweis, verstehe aber auch, warum er letztendlich eingführt wurde. Nur das, was seitdem abgeht ist wesentlich schlimmer, als alles, was ich befürchtet hatte. Es zählen einfach nur noch Bilder - ob die Entscheidungen überhaupt noch im Geiste des Spieles sind , interessiert einfach nicht mehr. Jede Berührung ist Foul - unabhängig von Situation, Geschwindigkeit, Intensität und Intention... Das lässt sich nämlich alles in Zeitlupe gar nicht erkennen. Mit dem Handspiel ist genauso - jede Berührung ist "Hand", auch wenn der Spieler gar keine andere Möglichkeit hatte, seine Hände zu halten. Ich habe inzwischen schon eine Elfmeter gesehen, da wurde ein Elfmeter gegeben, obwohl der Spieler praktisch von schräg hinten angeschossen wurde. Einfach absurd! Jeder, der mal mehr als zwei Schritte macht, balanciert das mit seinen Armen aus... Wo die aber ein Fußballer heute hintun soll, ist mir schleierhaft! Und das mit den Torhütern beim Elfmeter ist schlicht ein Skandal. Mit dieser Argumentation kann ich praktisch jeden verschossenen Elfmeter wiederholen lassen. Solange bis er drin ist! Genau genommen ist also nicht der Videobeweis schuld, sondern eher das Unvermögen der Schiedsrichter damit umzugehen. Es ist ja auch schwierig z.B. keinen Elfmeter zu geben, wenn alle noch mal in Zeitlupe sehen, dass da "Hand" war. Aber witzigerweise haben im Rugby die Schiedsrichter genug Autorität, um ihre Entscheidungen ohne Widerspruch durchzusetzen, nur im Fußball geht das anscheinend nicht! Und weil es heißt, der Frauenfußball wäre noch so erfrischend fair im Umgang... Manche - die eher professionnelleren -Mannschaften haben sich auch schon angwöhnt, die Deutungshoheit permanent für sich in Anspruch zu nehmen. Da hat der Schiedrichter noch gar nicht gepfiffen, wird schon die Entscheidung infrage gestellt.
danmage 20.06.2019
5. Unsinnige Regelung
Da hat irgendein Fifa-Bürokrat zu viel Zeit gehabt und hat sich diese Regel ausgedacht. Es gibt in allen Bereichen des Lebens immer mehr Vorschriften, Regulierungen, Verbote, Verordnungen. Alles muss bis in die letzte Kleinigkeit reguliert werden. Es wird Zeit darauf aufmerksam zu machen und gegen übertriebene und unsinnige Regelungen aufzustehen. Es kann doch nicht sein, dass die Torhüter wie Zinnsoldaten auf der Linie stehenbleiben müssen. Es gab in der Vergangenheit Torhüter die versucht haben den Schützen zu irritieren. Aber wie im Artikel beschrieben: "Tatsächlich wären die Verbände gut beraten, in Bezug auf die Elfmeterausführung nicht der Linie bei der WM zu folgen, sondern den Schiedsrichtern ihren Ermessensspielraum zu lassen."
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