Ex-Nationalspielerin Nadine Keßler über die Fußball-WM "Es ist eine Aufwärtsspirale"

Die Fußball-WM in Frankreich ist vorbei. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Weltfußballerin von 2014, Nadine Keßler, über Veränderungen, Chancen - und Hemmnisse.

Nadine Keßler wird unter anderen von Ex-Nationaltrainerin Silvia Neid verabschiedet
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Nadine Keßler wird unter anderen von Ex-Nationaltrainerin Silvia Neid verabschiedet

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Frau Keßler, bei der WM spielen die Spielerinnen vor 50.000 Zuschauern. Wie gehen die Fußballerinnen damit um, wenn es zurück vor die so viel kleineren Kulissen der Bundesliga geht?

Keßler: So ein Turnier ist natürlich etwas ganz Besonderes. Man versucht, jeden Moment aufzusaugen. In den Ligen ist es dann wieder ein ganz anderes Bild als bei der Nationalmannschaft. Wenn nach so einer WM der Alltag einkehrt, ist das natürlich ernüchternd. Da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Zur Person
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    Nadine Keßler, Jahrgang 1988, war deutsche Fußballnationalspielerin. Sie wurde 2014 Weltfußballerin, gewann dreimal die Champions League und feierte 2013 den EM-Titel. Heute arbeitet sie beim Europäischen Fußballverband Uefa und ist dort für die EM der Frauen und die Champions League verantwortlich. Sie arbeitet zudem als Kommentatorin für DAZN.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten selbst eine erfolgreiche Karriere, bevor Sie diese 2016 verletzungsbedingt beenden mussten. Wie hat sich der Fußball seitdem entwickelt?

Keßler: Der Fußball ist viel dynamischer und flexibler geworden, die Teams haben taktisch viel dazugelernt. Das Tempo ist gestiegen. In Europa gibt es sechs, sieben Länder, wo der Frauenfußball eine immer größere Rolle spielt. Die Aufmerksamkeit ist viel höher, auch das Medieninteresse: Man kommt ja gar nicht mehr hinterher, die ganzen Entwicklungen zu verfolgen und Rekorde nachzuvollziehen. Es ist eine Aufwärtsspirale.

SPIEGEL ONLINE: Viele Klubs investieren derzeit massiv. Kam Ihre Karriere zur falschen Zeit? In zehn Jahren werden Fußballerinnen wahrscheinlich deutlich besser bezahlt.

Keßler: Das konnte ich leider nicht beeinflussen, da sind meine Eltern schuld. Aber klar denkt man: Wow, ich kann gar nicht fassen, wie sich das entwickelt. Zu meiner Zeit war der Fußball nichts, mit dem man Geld verdienen konnte. Heute sehen die Mädels die Möglichkeit, dort eine professionelle Karriere hinzulegen.

Nadine Kessler 2014 mit dem Champions-League-Pokal
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Nadine Kessler 2014 mit dem Champions-League-Pokal

SPIEGEL ONLINE: An deutschen Klubs scheint die internationale Entwicklung bis auf einige Ausnahmen vorbeizugehen. Und auch die Nationalmannschaft wurde sportlich überholt.

Keßler: In Deutschland gibt es momentan zu wenige Investitionen, vor allem die professionellen Männerklubs sollten sich Gedanken machen. Ganz klar hätte ich der Nationalmannschaft noch mehr zugetraut und man hätte gern gesehen, dass Deutschland das Finale erreicht. Allerdings gab es auch viel Positives, unter anderem Granaten wie Oberdorf, Schüller oder Gwinn - und eine Mannschaft die als Team aufgetreten ist. Die Turniererfahrung hat gefehlt, aber die Nationalmannschaft ist in einem Prozess. Bei den USA stehen Spielerinnen auf dem Platz, die zusammen auf 2000 Länderspiele kommen - das ist dann doch was anderes.

SPIEGEL ONLINE: Muss der DFB mehr machen?

Keßler: Der DFB macht schon eine Menge, aber natürlich geht da mehr. Besonders bei der Zuschauergewinnung muss investiert werden und der DFB muss auch vorgeben, welche Entwicklung Deutschland als ganzes Konstrukt gehen will. Das ist die Rolle des Verbands: das Bindeglied zwischen Nationalmannschaft und Klubvereinen.

SPIEGEL ONLINE: Traditionsklubs in Deutschland, wie Ihr alter Klub Turbine Potsdam, scheinen angesichts der finanziellen Mittel in der Premier League oder auch von Olympique Lyon das Nachsehen zu haben. Die Pioniere spielen nicht mehr vorne mit. Kommt da ein Ungerechtigkeitsgefühl auf?

Keßler: Absolut. Diese Vereine haben den Klubfußball aufgebaut, ich habe dort viel gelernt. Für sie ist es schwer, mit Männerklubs mitzuhalten, die nun auch Frauenteams aufbauen. Dort ist mehr Geld vorhanden, es gibt ganz andere Strukturen. Vielleicht müssen die Traditionsvereine Kooperationen mit Männerklubs suchen, so wie es der 1. FFC Frankfurt und Eintracht Frankfurt machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei der Uefa Leiterin der Fußballabteilung der Frauen und als solche verantwortlich für EM und Champions League. Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Beobachtung der WM?

Keßler: Das Wichtigste ist: Das Interesse der Zuschauer ist da. Die nächste EM findet in England statt, das Finale wird im Wembley-Stadion ausgetragen. Der englische Markt ist angestachelt, die Zuschauer, auch der Verband. Aber man muss die Fans noch mehr dazu bewegen,ihren Nationalmannschaften nachzureisen. Ein positives Beispiel sind da die Niederländer bei dieser WM.

Keßler bei der WM 2015 mit Anja Mittag
Team 2/ imago images

Keßler bei der WM 2015 mit Anja Mittag

SPIEGEL ONLINE: Sind sie sich sicher, dass der Hype um den Fußball der Frauen nachhaltig ist?

Keßler: Das Interesse ist mittlerweile zu groß, der Hype wird nicht wieder zusammenfallen. Es gibt in den Stadien so viele kleine Jungs, die den Frauen zujubeln. Diese Begeisterung schwappt von Land zu Land über.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die größten Hemmnisse?

Keßler: Ganz klar im ökonomischen Bereich. Wir müssen dahin kommen, dass der Sport mehr Einnahmen generiert, die dann auch die Kosten für solche Turniere decken. Das ist noch nicht der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Der Hype hat auch Verlierer. Der Fußball war vorher schon dominant, der Erfolg der Frauen wird andere Sportarten wohl noch mehr in den Hintergrund drängen.

Keßler: Das stimmt. Natürlich wollen wir die Reichweite der Wettbewerbe erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Handballer, Eishockeyspieler und Leichtathleten stöhnen bei dem Gedanken wahrscheinlich auf.

Keßler: Die WM der Frauen wird in Zukunft nicht nur das größte Sportevent bei den Frauen werden, sondern eines der fünf größten überhaupt. Natürlich verstehe ich es, wenn Andere sagen: Immer nur Fußball. Aber das ist nun einmal mein Sport, für den muss ich mich einsetzen.



insgesamt 3 Beiträge
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vermincaster 07.07.2019
1.
Beim Anblick der leeren Plätze in den Stadien gehe ich davon aus, daß die 50.000 durch die Fernsehzuschauer zustande kommt ?
im_ernst_56 07.07.2019
2. Da liegt noch viel Arbeit vor uns
Die Frage ist, wie man denn mehr Zuschauer in die Stadien locken will. Nach der WM 2011 im eigenen Land war die Erwartung, dass die Frauenbundesliga zuschauermäßig durchstarten würde. Tatsächlich stiegen auch die Zuschauerzahlen um ca. 30%. Nötig wären aber 300% gewesen. Inzwischen sind die Zuschauerzahlen wieder auf das Niveau vor dem WM 2011 gesunken. Und warum sollten die Zuschauer zu den Spielen der Frauenbundesliga gehen, weil die Engländerinnen, die Französinnen und die Amerikanerinnen einen besseren Fußball spielen? Ich habe gehört, dass in Deutschland die Zahl der Fußball spielen Mädchen zurück gegangen sein soll. Woran liegt das? An alternativen Freizeitbeschäftigungen oder daran, dass der athletischer und härter gewordenen Frauenfußball abschreckt und frau lieber Tennis oder Volleyball spielt oder neuen Trendsportarten wie z.B. Wakeboarding frönt? Ich glaube nicht, dass sich die Probleme mit mehr Medienpräsenz lösen lassen, die zu Lasten anderer Sportarten würden.
ayee 08.07.2019
3. Immer Gerede über Männer
Wieso wird im Frauenfußball eigentlich so viel über Männer und Männervereine geredet? Man sollte im Frauenfußball mal mehr auf sich selbst schauen und selbst versuchen, eine organische Entwicklung zu nehmen. Das wäre Frauenpower. Alles andere ist nur schwimmen im Fahrtwasser, der leichte Weg.
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