Fußballliga der Frauen in England Lieber Arsenal als Turbine Potsdam

Arsenal ist zum 15. Mal Meister. Business as usual in der Women's Super League? Mitnichten: Die englische Liga ist im Aufwind, und der Verband pusht spürbar den Fußball der Frauen.

Wembley Stadion im Mai: FA-Cup-Finale der Frauen
John Patrick Fletcher/ Action Plus/ imago images

Wembley Stadion im Mai: FA-Cup-Finale der Frauen


Als die deutsche Fußballerin Julia Simic 2018 in die englische Liga wechselte, sagte die 29-Jährige, sie sehe dort die Zukunft ihres Sports. Trotz einer Verletzung, die sie im Laufe der Saison selten bei West Ham United zum Einsatz kommen ließ, sieht Simic das auch jetzt noch so: "Hier ist der finanzielle Background gegeben, um sich von anderen Ligen weiter abzusetzen. Für uns Spielerinnen sind die Bedingungen außergewöhnlich."

Auch Nationalspielerin Pauline Bremer hat ihren Vertrag beim FA-Cup-Sieger Manchester City kürzlich verlängert: "Vieles ist im Aufschwung. Bei City haben wir Topbedingungen." Die 23-Jährige kam 2017 vom Champions-League-Sieger Olympique Lyonnais und sieht bei Manchester vergleichbare Bedingungen, mit dem Unterschied: "Die Aufmerksamkeit ist in England eine andere und die Anzahl der Vereine, die etwas tut. Hier professionalisiert sich die ganze Liga."

Der Masterplan der FA

Der englische Fußballverband The Football Association (FA) hatte 2016 eine Art Masterplan aufgelegt. Unter dem Titel "The Gameplan for Growth" legte die FA eine Wachstumsstrategie vor, mit konkreten Zielvorgaben für die Weiterentwicklung des Frauenfußballs bis 2020. Bis dahin soll sich die Zahl der Zuschauer in der Liga und bei Spielen der Nationalmannschaft verdoppeln, ebenso die der Fußball spielenden Frauen und Mädchen. Die Nationalmannschaften, von der Jugend- bis zur A-Mannschaft, sollen sich in der internationalen Spitze etablieren.

Acht ambitionierte Ziele hat der Verband mit Maßnahmen hinterlegt. Vieles läuft nach Plan: Zuletzt wurde mit der Großbank Barclays ein Ligasponsor vorgestellt, der es auch ermöglicht, ab der kommenden Saison Preisgelder an die Vereine zu zahlen. Inzwischen bezeichnet die FA die Liga als die einzige vollprofessionelle in Europa.

Profibedingungen für die Spielerinnen

Auch in England gibt es große Gehaltsunterschiede innerhalb der Liga, doch die Zeichen stehen auf Wachstum und Professionalisierung. Die Fußballerinnen profitieren davon vor allem im Alltag. "Hier ist Fußball der Hauptberuf, man kann sich voll auf das Training fokussieren", sagt Bremer, die bei Turbine Potsdam spielte, bevor sie mit 19 ins Ausland ging. Trainingsplätze, Krafträume, medizinische Abteilung: Die Infrastruktur der Männer werde selbstverständlich mitgenutzt, Anstoßzeiten bei gemeinsamen Heimspielen aufeinander abgestimmt.

Pauline Bremer
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Pauline Bremer

Auch Simic schätzt die zunehmende Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen einbezogen würden. In 13 Jahren Bundesliga hat sie das auch anders erlebt: Es habe Trainingseinheiten im Winter gegeben, zu denen sie ans andere Ende der Stadt gefahren sei, um auf Kunstrasen zu trainieren, statt auf dem beheizten Platz der Männer nebenan. Bedingungen, die in Deutschland allein der VfL Wolfsburg und der FC Bayern bieten, hätten in England viele Vereine. "Die Rufe nach Equality, also gleich behandelt zu werden, sind hier sehr stark. Man versucht, die Frauen mit an Bord zu nehmen. Der Frauenfußball wird nicht separiert", so Simic. Bei Heimspielen kämen auch "Botschafter" der Männermannschaft.

43.000 im Wembley Stadium zum FA-Cup-Finale

An der Wahrnehmung des Sports zu drehen und die Aufmerksamkeit auch auf den Fußball der Frauen zu lenken, ist ein erklärtes Ziel der FA. Das verstärkte Marketing zeigt Wirkung: Als Manchester City und West Ham United kürzlich das FA-Cup-Finale bestritten, kamen rund 43.000 Zuschauer ins Wembley Stadion. Der Rekord liegt bei 45.000, die im Jahr zuvor das Londoner Derby Chelsea gegen Arsenal sahen. Zum DFB-Pokalfinale kamen zuletzt 17.000 Zuschauer.

Das Interesse in den Ligaalltag zu übertragen, wird auch in England eine der Herausforderungen der nächsten Jahre sein. Die BBC verglich jüngst die durchschnittlichen Zuschauerzahlen der europäischen Top-Vereine: Manchester City liegt bei 1.400, Wolfsburg bei 1.600. "Da ist auch hier noch Luft nach oben", sagt Bremer.

Julia Simic
Action Foto Sport/ ZUMA Press/ imago images

Julia Simic

Nach außen hat die Liga inzwischen Strahlkraft: Internationale Topspielerinnen zieht es nach England. Die Liga ist zunehmend ausgeglichen: Einstiger Vorreiter Arsenal, der früh in den Fußball der Frauen investierte, ist nicht mehr das alleinige Maß der Dinge. Selbst DFB-Direktorin Heike Ullrich bezeichnete die Women's Super League jüngst als "Benchmark". Das war vor Jahren noch anders. "Es ist das Gesamtpaket, das stimmt", sagt Simic. Der deutsche Frauenfußball müsse sehen, dass er nicht den Anschluss verliere - nicht nur finanziell. "Egal ob Verbände, Vereine oder Spielerinnen: Alle müssen wieder mehr für ihren Sport machen."

Die nächste Gelegenheit steht mit der WM in Frankreich (7. Juni bis 7. Juli) vor der Tür. In Sachen Aufmerksamkeit hat der englische Verband auch hier schon vorgelegt: Den Kader präsentierten 23 Prominente in Videobotschaften, darunter Prinz William, Schauspielerin Emma Watson und David Beckham. "Das hat eine Riesenwelle ausgelöst. Davon kann man sich etwas abgucken", findet Bremer. England sei ein fußballverrücktes Land, aber es zeige auch: "Man muss eine gute Strategie haben, um die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass es auch ein Frauenteam und eine Frauenliga gibt."

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insgesamt 13 Beiträge
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jochenbergerhoff 13.05.2019
1. Trauerspiel
Mit dem Frauenfußball in Deutschland ist es wirklich ein Trauerspiel. Mein Sohn und ich haben eine Dauerkarte für eine 2-Liga-Herrenmannschaft. Meine Tochter liegt mir immer in den Ohren "wann gehen wir zum Frauen-Team?" , aber die sind viertklassig und spielen auf dem Vorplatz und nicht im Stadion. In Hamburg gibt es ja nicht einmal eine Frauen-Bundesligamannschaft, gut bei den Herren ja auch nicht....,
miss.parker 13.05.2019
2. Strukturen
Bei Potsdam haben sie durchaus gute Strukturen, da hier im Olympiastützpunkt trainiert werden kann und wird. Das war jahrelang ein Vorteil bei Potsdam, dass auch schon in den 90ern alle Trainigsmöglichkeiten vorhanden waren und auch ausgeschöpft wurden. Bei Turbine wurde schon immer wert auf Athletik UND Taktik gelegt. Viele Erfolge wurden dadurch erst machbar. Andere, reine Frauenvereine, können dies so in dem Umfang nicht leisten, da auch hier wenig vom Verband kommt. Man ruht sich auf die vergangenen Erfolge aus (siehe auch N11) und sieht keine Notwendigkeit, etwas zu ändern. Buyern und WOB haben zwar tolle Trainingsmöglichkeiten, aber auch gerade die beiden tun sich nur dadurch hervor, fertige Spielerinnen (am liebsten N11-Spielerinnen) zu verpflichten. (Buyern wildert gern bei Freiburg, WOB wird von uns auch gern Potsdam2 genannt). Von den Vereinen mit Männerfussball im Rücken machen gerade Freiburg und Hoffenheim das Beste aus ihren Möglichkeiten, jedoch sind die anderen Vereine, wie Köln, Leverkusen, Bremen, Gladbach sind eher Fahrstuhl-Mannschaften, die es nicht schaffen, sich dauerhaft zu halten. Trotz toller Trainingsbedingungen mit den Herren... In der englischen Liga wird da mehr getan, auch und gerade im Marketing und im Verband intern (so sind alle Premierleague-Mannschaften der Herren verpflichtet eine prof. Frauenmannschaft zu unterhalten). Was die Verbandsstrukturen und Unterstützung des Verbandes betrifft, besteht beim DFB mit großer Sicherheit dringende Nachholbedarf, da nicht nur die Engländerinnen, sondern auch die Spanierinnen und Italienerinnen gewaltig aufholen... Ich hätte mir für den Artikel gern etwas mehr Recherche gewünscht. Und die Überschrift ist auch eher...irreführend (beide Vereine werden eher so angerissen und nebenbei erwähnt).
roenga 13.05.2019
3. Illusion
Das Zuschauerinteresse ist das A und O jeder Sportart oder Spielart der Unterhaltungsindustrie. Solange die Zuschauerzahlen der 1. Frauenliga bei ca 1500 pro Spiel liegen und die Männerbundesliga bei ca. 35000 liegt, wird sich an der Strahlkraft und damit auch an der Bezahlung für Profispielerinnen nichts ändern. es kann ja im Ernst niemand behaupten, dass die Fußballinteressierte Bevölkerung zu wenig Informationen über Frauenfußball hat, es ist nur leider so, dass Frauenfußball im Prinzip wie Männerfußball ist - nur halt wesentlich langsamer und wesentlich weniger athletisch und wer bitte schaut sich denn eher ein Gokart rennen an als einen Formel 1 Grand Prix. Die Diskussion, den Frauenfußball für die Öffentlichkeit attraktiver zu gestalten wäre so, als würde die Regionalliga im Ernst die Anstrengung unternehmen, den Zuschauer- und Popularitätsabstand zur Bundesliga aufholen zu wollen.
totalausfall 13.05.2019
4. Altes Thema.
Letztendlich gehts hier auch um die Frauenquote und eine daraus entstehende Übervorteilung der Damen. Liebe Damen: ZUERST müssen sich Leute für euch interessieren und ins Stadion gehen, Merchadesign kaufen, auf twitter followen und schießmichtot. DANN gibts Geld und Strukturen. NICHT umgekehrt. Die Kohle von den Männern nehmen und einen auf Profi machen bei 1400 Zuschauern hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun! Wenn Leute Frauenfußball gucken wollen würden, würden sie das tun. Der Markt entscheidet, wie man so schön sagt. Das Produkt Frauenfußball will niemand in dem Ausmaß, als dass es sich selber in professionellen Strukturen tragen würde.
MikeHammer 13.05.2019
5. FA Cup Finale
es wären noch wesentlich mehr Hammers-Fans ins Wembley-Stadion gegangen, hätte sich die FA nicht standhaft und mehrmals geweigert, das Spiel der 1. Herren gegen Southampton um ein paar stunden zu verlegen. Pfui!
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