Liga-Alltag in Englands Fußball der Frauen Großer Sport an seltsamen Orten

90.000 Fans kommen am Samstag zum Länderspiel gegen Deutschland ins Wembley-Stadion: Englands Fußballerinnen sorgen seit der WM für Rekorde. Aber im Ligaalltag spürt man davon noch wenig.

Für Stürmerin Lauren James (l.) passen einige United-Anhänger den Text gängiger Fangesänge an
Martin Rickett/AP

Für Stürmerin Lauren James (l.) passen einige United-Anhänger den Text gängiger Fangesänge an

Von , Manchester


Eine Stunde bis zum Anpfiff. Beim Männerfußball wären die Kneipen rund ums Stadion voll um diese Zeit. Doch hier in Leigh, einem Vorort von Manchester, ist das anders an diesem sonnigen Sonntagmittag im Herbst. Das "Whistling Wren" hat noch geschlossen.

Im Leigh Sports Village spielen an diesem Tag die Frauen von Manchester United gegen Reading in der Women's Super League (WSL), der einzigen Vollzeit-Profiliga im europäischen Frauenfußball. Ein Besuch im Pub ist für das Publikum kein Teil des Programms. Viele Familien sind da, viele Kinder. Sie versorgen sich im Supermarkt gegenüber der Haupttribüne mit Sandwiches und Getränken für die Zeit bis zum Anpfiff. Dann schieben sie sich durch die roten Drehkreuze ins Stadion, um Teil von etwas Großem zu sein. Teil des Booms im englischen Frauenfußball.

Fußball an "seltsamen Orten"

Im Moment gibt es auf der Insel einen Rekord nach dem anderen. Mehr als 31.000 Menschen sahen zum Saisonstart das Manchester-Derby zwischen City und United im Stadion von Citys Männern - Bestmarke für ein Ligaspiel in England. Für den Test gegen Deutschland am Samstag (18.30 Uhr/TV: Eurosport) hat Englands Verband das Wembley-Stadion ausverkauft, 90.000 Tickets wurden abgesetzt. Je nachdem, wie viele Karteninhaber auch wirklich kommen, wird ziemlich sicher der Rekord für ein England-Heimspiel (bisher 45.619 Zuschauer) und möglicherweise der Rekord für ein Frauenspiel auf englischem Boden (bisher 80.023 Zuschauer) geknackt.

Beeindruckende Zahlen sind das. Allerdings sind diese Spiele spezielle Events, Ereignisse mit dem Charakter der Einmaligkeit. Ob es gelingt, die Begeisterung der WM 2018 (und die Investitionen der Barclays-Bank in die WSL) nachhaltig zu nutzen, muss sich im Ligaalltag zeigen. Bei Spielen wie dem von Manchester United gegen Reading in Leigh.

Der Ort gehört zu Greater Manchester, liegt aber fast schon auf halber Strecke nach Liverpool. Mit dem Bus ist es aus Manchester eine Stunde. Das ist ungünstig, um neue Zuschauer zu gewinnen. Oder, wie es die Journalistin Flo Lloyd-Hughes gerade im Guardian-Podcast formuliert hat: "Das größte Problem des Frauenfußballs in England ist, dass die meisten Klubs an seltsamen Orten spielen, wo man nur schwer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt."

833 Zuschauer kamen 2018/2019 im Schnitt zu einem Spiel

Das Spiel gegen Reading ist trotzdem gut besucht. Knapp 2000 Zuschauer sind da. Der Schnitt der gesamten Liga lag in der vergangenen Saison bei 833. Die Stimmung ist ausgelassen. Eine Gruppe von rund 20 Leuten, alle im United-Trikot, steht das ganze Spiel und singt. Sie singt die Lieder, die auch bei den Männern im Old Trafford gesungen werden, nur mit den Namen der Frauen: "Casey is at the wheel" etwa für Trainerin Casey Stoney. "James will tear you apart again" für Stürmerin Lauren James.

Der berühmte britische Humor ist auch hier zu spüren. Beziehungsweise: zu hören. Als ein Schuss der Gäste deutlich über das Tor fliegt, fragen die United-Fans: "Are you playing Rugby League?" Allgemeines Gelächter, auch bei einigen Reading-Fans, die wenige Meter von den Dauersängern entfernt sitzen. Fantrennung gibt es beim Frauenfußball in England nicht. Beim Manchester-Derby im Ligapokal eine Woche zuvor habe man sogar mit den City-Fans friedlich zusammen gesessen, berichtet Mary Priestner.

Sie ist 26 Jahre alt und schon immer United-Fan. Früher war sie bei den Männern im Old Trafford, mittlerweile kommt sie vor allem zum Frauenteam, das es erst seit knapp anderthalb Jahren gibt. "Es ist ein schöner Ausflug für die Familie. Man muss sich nur umschauen, wie viele Mädchen hier sind. Der Zugang ist viel einfacher als zu den Spielen der Männer", sagt sie. Priester meint damit vor allem die günstigen Tickets. Für Vollzahler kosten sie 6,50 Pfund, für Kinder und Ältere 3,50 Pfund.

Autogramme auf Schweinsteiger-Trikots

Viele Besucher sind Fan des Vereins, nicht speziell Fan der Frauen. Auf dem Trikot tragen sie Namen wie "Carrick", "Rashford" oder sogar "Schweinsteiger". Aber auch Trikots mit den Namen der Frauen sind zu sehen. Nach dem Spiel (2:0 für United) stürmen sie nicht wie beim Männerfußball zu den Ausgängen, sondern an die Bande am Spielfeld. Dort geben die Spielerinnen Autogramme und stehen für Fotos bereit. Nähe zum Publikum ist wichtig.

Trainerin Stoney erscheint eine Stunde nach Schlusspfiff in der Interviewzone. Einerseits würde sie lieber über Taktik und Tore sprechen, andererseits ist sie als 130-fache Nationalspielerin und ehemalige Assistentin von Nationaltrainer Phil Neville eine der profiliertesten Stimmen im englischen Frauenfußball. Sie spricht gern auch über Grundsätzliches.

United-Trainerin Casey Stoney (links)
REUTERS

United-Trainerin Casey Stoney (links)

Über das ausverkaufte Länderspiel gegen Deutschland zum Beispiel: "Wenn man im richtigen Stadion zur richtigen Zeit das richtige Spiel ansetzt, bekommt man auch die richtigen Zuschauerzahlen. Wichtig ist, dass davon auch etwas bleibt", sagt Stoney.

Das mit dem richtigen Spiel im richtigen Stadion versuchen viele englische Frauenteams in dieser Saison. Eine Woche nach dem Deutschland-Spiel finden das Merseyside-Derby zwischen Liverpool und Everton in Anfield und das Nordlondon-Derby zwischen Tottenham und Arsenal im neuen Spurs-Stadion statt.

Für Stoney ist ein Umzug in die Heimstätte von Manchester Uniteds Männern im Moment aber nicht erstrebenswert: "Die Leute müssen wissen, dass das hier unsere Heimat ist. Sie müssen konstant hierher kommen", sagt sie. Auch, wenn es ein weiter Weg ist.



insgesamt 2 Beiträge
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im_ernst_56 09.11.2019
1. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
833 Zuschauer kamen 2018/2019 im Schnitt zu einem Spiel. Das sind nicht mehr, als im Durchschnitt zu den Spielen der Frauenbundesliga kommen. Abgesehen davon, dass zu den Länderspielen wohl deutlich mehr Zuschauer kommen als bei uns, ist es wohl mit dem Hype um den Frauenfußball im Vereinigten Königreich insgesamt nicht weit her. Und das dürfte wohl nicht nur daran liegen, dass die Spiele an seltsamen Orten stattfinden. Es wäre interessant zu wissen, wie es damit in Frankreich und Spanien aussieht, wo es angeblich eine so große Begeisterung um den Frauenfußball geben soll.
supergrobi123 09.11.2019
2. Auf geht's, Frauen!
Schuld am Schattendasein des Frauenfußballs haben vor allem: die Frauen. Männerfußball ist deswegen so gut besucht und top finanziert, weil nach wie vor überwiegend (bis heute zu 80%) Männer ins Stadion gehen, Männer den TV einschalten, Männer Merch kaufen. Würden Frauen dasselbe beim Frauenfußball tun, müsste ich nicht solche Artikel lesen. Also los, liebe Frauen! Ihr habt es in der Hand! Kauft euch Dauerkarten für die Damen-Bundesliga! In England scheint es in bescheidenem Ausmaß loszugehen. Und ihr habt die Rückendeckung der Presse! 833 Zuschauer im Schnitt in England? Das ist etwa die Hälfte der Zuschauer in der Volleyball-Bundesliga der Herren. Die bekommen aber keinerlei Aufmerksamkeit der Journaille. Sind ja auch keine Frauen. Wobei... die Volleyballerinnen haben einen ähnlichen Zuschauerzulauf wie die Herren... komisch. Das passt ja gar nicht ins Narrativ der systematischen Frauenbenachteiligung... Hm.
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