Frauenfußball "Kein Rotzen und möglichst viele Tore"

Vor einem Jahr holten die deutschen Fußballfrauen den WM-Titel. Seither hängen Spielerinnen sogar als Poster in Mädchenzimmern - und sind trotz der Erfolge vom Vollprofi-Dasein noch immer sehr weit entfernt. Ein Besuch beim Deutschen Meister Turbine Potsdam.

Von Boris Herrmann


Turbine-Profi Zietz (l., mit Kolleginnen im Pokalfinale 2004 gegen Frankfurt): "Schwächere Natur?"
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Turbine-Profi Zietz (l., mit Kolleginnen im Pokalfinale 2004 gegen Frankfurt): "Schwächere Natur?"

Potsdam - In den zwanziger Jahren warnten deutsche Gynäkologen davor, Frauen Fußball spielen zu lassen. Es drohe die "Vermännlichung der Sportlerinnen" und die Ablenkung von ihrer eigentlichen Bestimmung, der Mutterschaft. Vorurteile aus der Vorkriegszeit? Noch im Jahr 1970 beschloss der Deutsche Fußballbund (DFB), dass Frauen aufgrund ihrer "schwächeren Natur" eine halbjährige Winterpause einzulegen hätten. Ein Spiel dauerte nur 70 Minuten, und Stollenschuhe waren untersagt.

Heute kann der Verband froh sei, diese absurden Auflagen in den frühen Neunzigern abgeschafft zu haben. Denn die Frauen-Nationalmannschaft ist derzeit die einzige Landesauswahl, die international noch Titel gewinnt. Und wirklich ernsthafte Chancen, den Uefa-Pokal in dieser Saison nach Deutschland zu holen, hat vor allem ein Team: der 1. Frauenfußballclub Turbine Potsdam.

Über fehlende Spielpraxis, wie noch in den Siebzigern, klagt beim Deutschen Meister und Pokalsieger niemand. Sechs Spielerinnen kamen gerade mit der Bronze-Medaille um den Hals aus Athen zurück und mussten vier Tage darauf schon wieder in der Bundesliga gegen Essen-Schönbeck antreten. Und nach zwei Pflichtsiegen zum Ligaauftakt betraten die Potsdamerinnen zum ersten Mal in ihrer Geschichte die europäische Bühne.

Eine Woche lang waren die Vertreter aus Frankreich, Italien und Polen in Potsdam-Babelsberg zu Gast. In Potsdam hielt sich die Freude darüber allerdings zunächst in Grenzen. "Drei Uefa-Pokalspiele in fünf Tagen, das kann eigentlich nicht sein", klagte Nationalstürmerin Conny Pohlers. Auch die von Turbine-Trainer Bernd Schröder vor dem Auftaktspiel der Vorrundengruppe bemühte Metaphorik verhieß nichts Gutes. "Wir lutschen wegen Olympia auf dem letzten Lutscher", erklärte er im Stil eines ruinierten Süßwarenherstellers.

Standesgemäße neun Punkte und 17 Tore ließen die Fans schnell wieder aufatmen, doch die Erklärung von Pohlers verblüffte: "Wir sind Frauen, wir sind belastbar." Und Belastbarkeit ist insbesondere in Brandenburg eine wichtige Eigenschaft. Inken Becher verrichtete zwischen den Europapokalspielen ihren Dienst als Polizistin und Viola Odebrecht und Navina Omilade bereiteten sich nach dem ersten Match nicht auf den kommenden Gegner, sondern auf ihre nächste Klausur vor. Um zehn Uhr traten die beiden an der Uni Potsdam im Fach Sportmedizin an - um 19 Uhr wartete der mehrfache polnische Meister aus Wroclaw auf dem Platz.

Ganz nebenbei sind die deutschen Fußballerinnen seit dem Gewinn der Weltmeisterschaft vor einem Jahr aber auch noch zu Popstars geworden, deren Bilder sich Jugendliche übers Bett hängen - und bei deren Anblick selbst alt gediente Stars schwach werden. "Man konnte es Udo Jürgens ansehen. Rührung sprach aus seinem Gesicht", vermeldete der DFB. Der Schlagerbarde habe sich sehr gefreut, dass ihm eine Gesandtschaft deutscher Elitekickerinnen anlässlich seines 70. Geburtstags ein Ständchen darbot. Auch die Turbine-Spielerinnen Britta Carlson, Petra Wimbersky und Pohlers waren der Bitte des DFB nachgekommen und gaben den WM-Song von 1978 "Buenos Dias, Argentina!" zum Besten. Im Publikum der zu Tränen gerührte Jürgens, der den Gassenhauer seinerzeit selbst komponiert hatte. All das am Vorabend des wichtigen Europapokalspiels gegen Wroclaw.

Nationalstürmerin Pohlers: "Drei Kreuze machen"
AP

Nationalstürmerin Pohlers: "Drei Kreuze machen"

Dass die Vorrunde des Uefacups für Turbine trotzdem nie gefährdet war, liegt zum einen am überragenden Offensivspiel der Mannschaft. Und zum anderen daran, dass es nur wenige Teams in Europa gibt, die dagegen auch nur annähernd etwas ausrichten können. Denn die über Jahre beharrlich vorgetragene Behauptung Rudi Völlers, es gebe keine "so genannten Kleinen mehr", ist in Bezug auf den Frauenfußball schlichtweg falsch. Über Jahre dominierte der 1. FFC Frankfurt die Liga - und macht nun mit Turbine Potsdam die Deutsche Meisterschaft unter sich aus. In der Bundesliga gibt es somit de facto zwei Endspiele um den Titel.



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