Fremdenhass im Fußball Wie rassistische Fans ihre Clubs unter Druck setzen

Fremdenhass auf den Rängen: Der europäische Fußball bekommt rassistische Fans kaum in den Griff. Oft bestimmen extremistische Anhänger sogar die Einkaufspolitik mächtiger Clubs - sie verhindern, dass schwarze Profis eingekauft werden. Ein warnendes Beispiel ist Uefa-Cup-Sieger St. Petersburg.
Von Christoph Biermann

An diesem Wochenende werden die Profis der ersten und zweiten Bundesliga vor Anpfiff rote Karten hochhalten, der Platzverweis gilt den Rassisten im Stadion. Die Aktion ist Teil der bereits neunten Woche gegen Rassismus im Fußball, die bis zum 28. Oktober in 40 europäischen Ländern stattfindet. Dass der Kampf dagegen auch im Spitzenfußball noch nicht gewonnen ist, zeigten zuletzt die rassistischen Beschimpfungen gegen die Spieler von Olympique Marseille während ihres Spiels in der Champions League bei Atletico Madrid.

Die Spanier sind nicht der einzige Club im höchsten Wettbewerb des europäischen Vereinsfußballs, der massive Probleme mit Rassisten auf den Rängen hat. Beim russischen Meister Zenit St. Petersburg besteht sogar der Verdacht, dass der Verein sich der rassistischen Haltung seines Publikums beugt. "Ich würde gerne einen schwarzen Spieler verpflichten, aber die Fans wollen keinen", hatte Dick Advocaat, der holländische Trainer des Vereins, Anfang Mai im Interview mit einem russischen Sportmagazin gesagt. Als er etwa den Franzosen Mathieu Valbuena verpflichten wollte, wurde auf Fanseiten sofort streng gefragt: "Ist der etwa Neger?"

Solche Probleme sind im europäischen Fußball nicht neu. 2001 hatte Giambattista Pastorello, der Vereinspräsident von Hellas Verona, publik gemacht, dass er den kamerunischen Stürmer Patrick Mboma nicht verpflichten konnte, weil die Fans des italienischen Erstligisten keine schwarzen Profis wollten. In England hatte es in den siebziger und achtziger Jahren ähnliche Vorfälle gegeben.

Besonders macht den Fall von Zenit aber, dass es sich immerhin um den aktuellen Uefa-Cup-Sieger handelt. Außerdem ist nicht nur Staatspräsident Dmitrij Medwedew ein Fan des Clubs, er gehört auch zum Imperium von Gazprom. Das mächtige russische Energieunternehmen hält seit Ende 2005 die Aktienmehrheit bei Zenit, Vereinspräsident Alexander Djukov war früher Generaldirektor von Gazprom-Öl.

Der Verdacht, Rassismus zu dulden, passt nicht zur politischen Bedeutung von Gazprom. Außerdem hat der Konzern die Absicht, nach Westen zu expandieren, wie das Engagement als Sponsor von Schalke 04 zeigt. Daher bestreitet Zenit offiziell auch energisch, dass es eine rassistische Vereinspolitik gibt. Dennoch hat bis heute kein farbiger Spieler für Zenit gespielt, während das ansonsten in der russischen Liga längst üblich ist.

Notorisch bleibt auch das Verhalten des Publikums. Vor dem Rückspiel im Viertelfinale des Uefa Cups der vergangenen Saison gegen Olympique Marseille war im Stadion ein Transparent aufgehängt worden, auf dem in Französisch stand: "In den Farben von Marseille gibt es kein Weiß." Das war eine Anspielung darauf, dass bei den Franzosen traditionell besonders viele Spieler mit afrikanischen Wurzeln spielen. Die Vereinsfarben von Olympique hingegen sind Himmelblau-Weiß. Das Transparent war zugleich eine Abwandlung des Slogans, der im Stadion von St. Petersburg früher einmal aufgehängt worden war: "In den Farben von Zenith gibt es kein Schwarz." Der Verein interpretiert das äußerst gewagt nicht als rassistische Äußerung: "kein Schwarz" würde "nichts Negatives" bedeuten.

Die Russen beteiligen sich offiziell auch an diversen Anti-Rassismus-Programmen, beim letzten Spiel der Champions League gab es eine entsprechende Bandenwerbung im Stadion. "Zenit will zusammenarbeiten", sagt Kurt Wachter von Football Against Racism in Europe (Fare). Doch in Kreisen der Fanorganisationen, die mit Fare zusammenarbeiten, ist der Club trotzdem nicht gerne gesehen. Es überwiegt der Verdacht, dass Zenit sich nach Außen engagiert gibt, um davon abzulenken, dass man sich nach Innen dem Rassismus der Fans beugt. Die St. Petersburger sind damit nicht allein, aber das prominenteste Beispiel. Lord Ousey, Vorsitzender der englischen Anti-Rassismus-Kampagne "Kick it out", sagt: "Das Problem mit vielen Clubs im 'Ostblock' ist die Komplizenschaft mit dem Rassismus, indem sie sich hinter den Fans verstecken."

Advocaats Äußerungen, die offensichtlich ein Vorstoß waren, die Vereinspolitik zu ändern, wurden vor dem Finale im Uefa Cup unter den Teppich gekehrt. Der Club teilte mit, der ehemalige Trainer von Borussia Mönchengladbach sei falsch übersetzt worden. Dem widersprach schon damals Youri Doud vom russischen Magazin "Pro Sport": "Das Interview wurde von uns auf Englisch geführt und es existieren davon auch Bänder." Der europäische Fußballverband Uefa, sonst in Sachen Rassismus durchaus aufmerksam und engagiert, verfolgte den Fall nicht weiter. Die Disziplinarkommission des Verbandes befragte Advocaat nicht direkt, ob seine Äußerungen stimmten oder nicht.

Im Fall von Zenit wäre überzeugender als alle Lippenbekenntnisse sowieso die Verpflichtung eines schwarzen Spielers. Das Geld dafür ist da, der Club zahlte in diesem Jahr 30 Millionen Euro für den Portugiesen Danny. Und sportlich würde sich Zenit dadurch vermutlich auch helfen. "Ehrlich gesagt, eigentlich würden uns nur dunkelhäutige Spieler besser machen", hatte Advocaat gesagt. Diese Behauptung kann Hellas Verona bestätigen. Bei den Italienern steht auch in dieser Saison kein schwarzer Spieler unter Vertrag, der Club ist inzwischen nur noch drittklassig.

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