Gladbach-Trainer Favre "Die Europa League ist ein Problem"

Borussia Mönchengladbach hat die Teilnahme an der Europa League so gut wie sicher - doch Lucien Favre sieht die Doppelbelastung kritisch. Der Trainer über seltsame Fußball-Moden und seine Rolle als Sündenbock.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Favre, am Wochenende trifft Ihre Borussia im Kampf um die Europapokal-Plätze auf Mainz (Anpfiff 15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Aber stehen Sie nicht auch noch ein wenig unter Schock, angesichts dieses erstaunlichen Zusammenbruchs der Münchner beim 0:4 gegen Real Madrid?

Favre: Ich weiß nicht, ob man von einem Zusammenbruch sprechen kann. Man konnte in München erkennen, wie unglaublich schnell sich Dynamiken entwickeln können, die nur schwer aufzuhalten sind. Fußballmannschaften sind sehr sensibel. Wenn sich ein Detail verändert, fällt manchmal alles zusammen, wie ein Dominoparcours. Jeder Trainer hat das schon erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Nun wird diskutiert, ob das ballbesitzorientierte Spiel, das Josep Guardiola so gerne mag, noch zeitgemäß ist. Manche Leute meinen, Konterfußball sei nun State of the Art. Kann man aus ein paar wenigen Spielen so grundsätzliche Entwicklungen im Weltfußball ableiten?

Favre: Nein. Für mich ist unglaublich, wie leicht die Leute beeinflussbar sind. Es ist schon lange eine seltsame Mode zu sagen: "Wenn eine erfolgreiche Mannschaft Konter spielt, wollen wir auch Konter spielen." Und wenn dann ein Jahr später eine andere Mannschaft mit viel Ballbesitz Titel gewinnt, wollen plötzlich alle diese andere Spielidee kopieren. Das ist nicht meine Sache.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben beim FC Barcelona unter Johan Cruyff hospitiert, dessen Ideen das ballorientierte Spiel der Katalanen, des FC Bayern und der spanischen Nationalmannschaft bis heute prägen. Zwischenzeitlich wurde Ihr Gladbacher Team als "Borussia Barcelona" gefeiert. Streben Sie tendenziell auch diese Art der Dominanz über viel Ballbesitz an?

Favre: Nein, ich habe für alle Spielweisen etwas übrig. Wir können heute nicht sagen, Gladbach ist kontergefährlich, oder ist nach Balleroberung gefährlich, oder spielt einen Fußball, der auf Ballbesitz angelegt ist. Wir versuchen all diese Elemente zu beherrschen und dann in den richtigen Spielsituationen das richtige Mittel zu wählen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich nun ansieht, dass Sie gerade mit Fabian Johnson, André Hahn und Ibrahima Traoré drei sehr sprintstarke Spieler verpflichtet haben, liegt der Gedanke nahe, dass Sie wieder schneller vor das gegnerische Tor kommen wollen. So wie das in der Saison war, als Sie unter anderem mit Marco Reus Vierter wurden. Wollen Sie die Mannschaft in diese Richtung weiterentwickeln?

Favre: Man kann ohne Reus nicht spielen wie mit ihm. Das ist fertig, vorbei. Ein bisschen so zu spielen wie mit Reus, das geht nicht. Das ist einer der besten Spieler der Welt, seine Qualität zu ersetzen ist völlig unmöglich. Aber Tempo ist natürlich sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wird dieser Prozess der ewigen Beschleunigung, der ja nicht nur die Physis, sondern auch die kognitiven Prozesse betrifft, irgendwann enden?

Favre: Ich weiß nicht. Die Menschen haben grundsätzlich gelernt, immer schneller zu agieren. Alles geht schneller heute, nicht nur der Fußball, das ganze Leben, die Flugzeuge, die Züge, das Internet. Und die Gedanken im Fußball auch.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren zuletzt sehr schnell auf dem Transfermarkt, nachdem sich Verhandlungen und Überlegungen in anderen Transferperioden mitunter lange hinzogen. Sind Sie entscheidungsfreudiger geworden?

Favre: Nein, und ich denke auch nicht, dass ich einmal anders war. Oft werden Spieler verpflichtet, ohne dass ausführlich überprüft wurde, wie gut sie fußballerisch und menschlich in die Mannschaft passen. Und wer hat das Problem, wenn der Spieler nachher nicht funktioniert? Nur der Trainer.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zu dieser Saison. Wolfsburg können Sie noch aus eigener Kraft überholen, und wenn Leverkusen ein Spiel verliert, ist sogar der vierte Platz möglich.

Favre: Niemand weiß, was Samstag gegen Mainz passiert, und deshalb schaue ich auch nur auf dieses Spiel. Das Wichtigste bleibt die Frage, ob wir gut spielen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Siebter werden, müssten Sie viele Wochen vor dem ersten Bundesliga-Spieltag erste Pflichtspiele in der Europa League absolvieren. Wäre das nicht fatal für einen Trainer wie Sie, der es liebt, in Ruhe an den ganz kleinen Details zu arbeiten?

Favre: Ich denke nicht. Die Qualifikationsspiele kommen nach einem Monat Vorbereitung, das sollte nicht zu einem Problem werden. Das Problem ist die Europa League als solche. Wie schwer diese Belastung sein kann, hat man an Frankfurt und an Freiburg gesehen. Beispiele gibt es auch im Ausland. Nehmen Sie Betis Sevilla, die waren letztes Jahr Siebter, haben jetzt in der Europa League gespielt und steigen in der Liga ab.

SPIEGEL ONLINE: Frankfurt und Freiburg waren aber zwei Teams, die aus dem Abstiegskampf kamen und sich völlig überraschend für den Europapokal qualifiziert haben. Borussia Mönchengladbach dagegen ist auf dem Weg, sich unter den sechs, sieben besten Teams der Bundesliga zu etablieren.

Favre: Gladbach kam auch aus der Relegation und wir haben danach wichtige Spieler verloren. Wir müssen aufpassen, dass die Ziele nicht unrealistisch hoch gesteckt werden. Wenn Sie unsere Mannschaft analysieren und Vergleiche zu Clubs wie Hoffenheim oder Stuttgart ziehen, dann stellen Sie fest: Wir sind nicht besser als die! Und dann sind da der FC Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen und Wolfsburg, fünf Clubs, die viel, viel mehr Geld in ihre Mannschaft stecken können als wir und die zwingend um die Champions-League-Plätze spielen müssen. Sorry, das ist nicht negativ gemeint, aber wir müssen realistisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Hoffenheim und Stuttgart wirken aber viel weniger stabil, dort fehlt die Konstanz auf der Trainerposition, während Ihre Mannschaft sich in einem sehr gesunden Tempo zu entwickeln scheint.

Favre: Beide sind am Ende der Rückrunde schon stabiler geworden. Mit dem Druck habe ich kein Problem, aber der Druck für mich muss proportional mit der Qualität deiner Mannschaft sein. Das ist in der Bundesliga vielleicht nicht immer der Fall.

SPIEGEL ONLINE: Ist das typisch deutsch, oder eher ein grundsätzliches Merkmal einer Leistungsgesellschaft und damit auch des Leistungssports?

Favre: Ich würde nicht sagen typisch deutsch, aber typisch für den Umgang mit dem Sport. Mich stört grundsätzlich, dass angenommen wird, die Mannschaften müssten automatisch jede Saison immer besser werden. So ist es nicht, wie Gladbach verlieren auch die anderen Spieler und machen auch ihre Transfers.

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Seite 1
BettyB. 03.05.2014
1. Was für ein Unsinn...
Erstens geht es um Geld und nicht nur zweitens auch. Europa League bedeutet mehr Spiele und höhere Einnahmen. Was will der Trainer? Weniger Einkommen für den Verein?
RalfHenrichs 03.05.2014
2.
Zitat von BettyB.Erstens geht es um Geld und nicht nur zweitens auch. Europa League bedeutet mehr Spiele und höhere Einnahmen. Was will der Trainer? Weniger Einkommen für den Verein?
Nein, wenn man früh ausscheidet, ist die Europa League ein Zuschussgeschäft. Plus macht man kaum vor dem Halbfinale.
Max_Schuh 03.05.2014
3. EL nicht CL
In Relation zur CL bekommt man in der EL viel weniger Geld, aber man muss gleich viele Spiele absolvieren. Daher glaube ich sieht Herr Favre das auch in Relation zur möglichen CL-Teilnahme, die finanziell eindeutig erstrebenswerter wäre, aber den gleichen konditionellen Anspruch hat.
fusselsieb 03.05.2014
4. Seitenhieb
Den kleinen Seitenhieb auf die Einkaufspolitik von vor 2 Jahren konnte er sich nicht verkneifen. Dort wurden Spieler verpflichtet, die zu teuer (Xhaka, Dominguez) waren und/oder nicht ins Spielsystem paßten (deJong). Das nicht immer Geld sondern auch ein gutes Auge genügen kann, zeigt gerade Schalke mit den vielen jungen Spielern. Aber wenn man Geld hat, muß es ja irgendwie ausgegeben werden. Dieses Jahr scheint es wieder zwei zu geben, die ein Problem werden könnten (Traore, Sommer).
mikkomz 03.05.2014
5. optional
[Zitat von BettyB.] Erstens geht es um Geld und nicht nur zweitens auch. Europa League bedeutet mehr Spiele und höhere Einnahmen. Was will der Trainer? Weniger Einkommen für den Verein? Die Einnahmen aus der Europa League sind im Vergleich zur Champions League lachhaft gering. Wenn der eigene Zuschauerschnitt gering ausfällt und/oder Mandrill ausscheidet, zahlt man am Ende sogar noch drauf. Die Belastung ist aber die gleiche wie in der Champions League.
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