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27. September 2006, 11:14 Uhr

Fußball-Ausbildung

Generation Trainerpraktikum

Von Thomas Spinnler

Nun also der Bundestrainer: Joachim Löw hat angekündigt, ein Praktikum bei einem englischen Verein machen zu wollen - und liegt damit voll im Trend. Viele Bundesliga-Trainer bilden sich bei Kollegen weiter, sehr beliebt ist ein Franzose. Aber auch ein derzeit arbeitsloser Coach gilt als mustergültiger Ausbilder.

Hamburg - Als Peter Neururer noch Trainer in Bochum war, nahm er zu Auswärtsspielen manchmal einen Glücksbringer mit. Er wollte das Glück zwingen, und tatsächlich funktionierte die Methode. Neururers Team verlor einige Wochen nicht. Das Maskottchen hieß Kai Timm, der damals, 2005, seine Fußballlehrer-Ausbildung an der Deutschen Sporthochschule absolvierte - und bei Neururer ein Praktikum machte. Timm ist mittlerweile DFB-Stützpunktkoordinator beim Fußballverband Niederrhein.

Bundestrainer Löw: Demnächst auf Weiterbildung
AP

Bundestrainer Löw: Demnächst auf Weiterbildung

Trainer als Praktikanten? Das klingt zunächst paradox, doch das Thema ist hochaktuell, nachdem zuletzt sogar der Bundestrainer angekündigt hatte, diesen Weg der Weiterbildung zu gehen. Er wolle eine Hospitanz bei den englischen Clubs FC Chelsea oder FC Arsenal absolvieren, sagte Joachim Löw. Auch der gestandene Bundesligatrainer Thomas Doll bekundete Interesse an einem Praktikum bei einem Kollegen - die Wahl fiel auf Arsenal-Coach Arséne Wenger.

"Darüber habe ich mich gewundert", sagt Erich Rutemöller SPIEGEL ONLINE. Der Chefausbilder des DFB teilt aber die allgemeine Ansicht, wonach man auch als gestandener Trainer mal "über den Tellerrand schauen" müsse. "Die Premier League ist ein Erlebnis" sagt Rutemöller. "Bei Alex Ferguson von Manchester United und José Mourinho vom FC Chelsea wären Praktikanten in guten Händen."

Rutemöllers aktueller Lehrgang absolviert seit vergangener Woche wieder Praktika bei Vereinen der Ersten und Zweiten Bundesliga. "In diesem Jahrgang sind unter anderem Bruno Labbadia, Marc Wilmots oder Thomas von Heesen dabei", so Rutemöller. Idealerweise sollen die angehenden Fußballlehrer im Praktikum nicht nur zuschauen oder als Glücksbringer dienen. Sie sollen sich als aktive Mitglieder der Gruppe nah an der Mannschaft bewegen. Besonders ehemalige Fußballprofis müssen ihren Blickwinkel verändern – von der egoistischeren Spielersicht zum Standpunkt des Trainers, der für das Ganze die Verantwortung trägt.

So sieht das auch Neururer – er nennt es "einen anderen Stallgeruch riechen." Er selbst habe seine Praktikanten "immer in alles involviert und sie sofort als Kollegen betrachtet", sagt der nach seiner Trennung von Hannover 96 derzeit arbeitslose Trainer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Azubis hätten ihn als authentischen Übungsleiter im Wettkampf und im Training erleben dürfen und begleiteten die Mannschaft wie im Fall von Kai Timm sogar zu Auswärtsspielen. Nur ein Tabu gab es: "Auf der Bank durften sie nicht sitzen". Der 51-jährige Neururer, diplomierter Sportlehrer und laut Rutemöller ein "beispielhafter Ausbilder", hatte anderem Klaus Allofs und Klaus Fischer beim 1.FC Köln oder Olaf Thon beim VfL Bochum unter seinen Fittichen.

Neururers Kollege Wenger ist unter Europas Trainern der beliebteste Ausbilder. Wenger, dessen Fußball wegen des direkten, offensiven Passspiels seiner Mannschaft als vorbildlich gilt, hat aus der Bundesliga schon prominente Namen begrüßt, darunter Ralf Rangnick (Hoffenheim) oder den aktuellen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer; selbst Bayern-Coach Felix Magath soll schon da gewesen sein, berichtete Arsenal-Torhüter Jens Lehmann in einem Interview mit dem Fußballmagazin "Rund".

Wenger hat zusätzlich zu seiner unbestrittenen fachlichen Kompetenz noch eine weitere Stärke: Er beherrscht die deutsche Sprache besser als so mancher Fußballer der Bundesliga – und er sei, wie Neururer sagt, "sehr sehr nett". Große Einblicke gewänne man dort allerdings nicht unbedingt. Aber es hätte wenigstens eine "wahnsinnige Außenwirkung", ergänzt der Trainer.

Vom Konkurrenten Wenger kann zumindest Thomas Doll keine Hilfe erwarten. Arsenals Trainer hat seinem Wunsch nach einer Hospitanz nicht entsprochen. Doll habe als Trainer einen sehr guten Job in sehr kurzer Zeit gemacht. "Aber seine Erfahrungen selber zu machen, halte ich für besser, als anderen zuzugucken", sagte Wenger. Zugucken konnte Doll dem FC Arsenal zuletzt bei der 1:2 Niederlage seines HSV in der Champions League. Vielleicht hilft er sich bis zum Rückspiel selbst weiter, denn dann kann er Wenger zeigen, was er aus dieser Erfahrung gelernt hat.

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