SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Januar 2019, 13:45 Uhr

Leverkusens neuer Trainer

Darum wird Bosz kein zweites Dortmund erleben

Von

Hinter Peter Bosz war Leverkusen schon lange her. Der Niederländer ist ein Trainer, der den schönen Fußball liebt. Seine offensive Spielidee könnte zu Bayer passen, besser als zum Ex-Klub Dortmund.

Wenn es nur nach Rudi Völler gegangen wäre, hätte die gemeinsame Geschichte zwischen Peter Bosz und Bayer Leverkusen schon vor anderthalb Jahren beginnen sollen. Im Frühsommer 2017 hatte der Trainer Bosz bei Ajax Amsterdam eine sehr junge Mannschaft geformt, die einen aufregenden Fußball spielte und in der Europa League überraschend bis ins Finale kam. Das ging zwar 0:2 gegen Manchester United verloren, aber seitdem kennt man nicht nur die Namen der international begehrten Youngster Matthijs de Ligt und Frenkie de Jong, man verbindet deren Entwicklung auch mit Bosz.

Jedenfalls hatte Leverkusen damals schon Gespräche mit Bosz geführt, um ihn ins Rheinland zu locken, und sich Chancen ausgerechnet. Doch Bosz sagte ab - und trainierte fortan lieber Borussia Dortmund, Leverkusens neuer Trainer wurde stattdessen Heiko Herrlich. Das Problem: wirklich glücklich, das wurde in der Folge keiner.

In anderthalb Jahren kann im Fußball viel passieren, das verdeutlicht ein Blick nach Leverkusen: Dort heißt der Trainer nicht mehr Herrlich, sondern Bosz. Am Samstag hat Leverkusen zum Auftakt der Rückrunde ein Heimspiel gegen Mönchengladbach (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) - es wird das erste Pflichtspiel mit dem neuen Coach. Und es wird spannend, ob die Spieler sich schon auf dessen radikale Spielidee eingestellt haben.

"Peter Bosz steht für einen Fußball, der unseren Spielern entgegenkommt", sagte Völler, als er Bosz Anfang Januar offiziell als neuen Trainer vorstellte: "Weil sie jung und schnell und gut am Ball sind und einen gewissen Vorwärtsdrang haben." Und es ist ja wirklich so, dass sich im Kader von Bayer Leverkusen derart viele hochtalentierte Fußballer tummeln, dass man nur schwer nachvollziehen kann, warum diese Mannschaft nur Neunter der Bundesliga ist.

Allein die Offensive: Da spielen Kai Havertz und Julian Brandt, zwei deutsche Nationalspieler, aber auch der Sprinter Karim Bellarabi oder der geniale Leon Bailey. Kevin Volland, zwischenzeitlich auch mal Teil der Nationalmannschaft. Qualität? Vorhanden!

Seit zwei Wochen trainiert das Team unter Bosz, hat drei Testspiele absolviert, alle gewonnen. 4:0 gegen Twente Enschede, 3:1 gegen PEC Zwolle und 4:2 gegen Preußen Münster. Nun sind Testspiele eben Testspiele, aber man konnte da schon einen Eindruck bekommen, wie sich Bosz das Leverkusener Spiel vorstellt. Gnadenlos offensiv, mit einer hohen Pressinglinie - und mit personellen Veränderungen. Havertz und Brandt spielten auf der für sie ungewohnten "Acht", vorne tauschten Bellarabi und Bailey die Seiten, um so mit dem jeweils starken Fuß zum Tor ziehen zu können.

Vieles davon erinnerte an den Fußball, den Bosz einst bei Ajax und anfangs auch in Dortmund umgesetzt hat. In den ersten Wochen der Saison 2017/2018 spielte der BVB den aufregendsten Fußball der Bundesliga, offensiv, wild und doch durchdacht. Bosz ist ein Pressingverfechter mit Vorliebe für das 4-3-3-System. Die ersten sieben Spiele gewann er allesamt, und in Deutschland sprach mancher schon vom Ende der Bayern-Dominanz.

Das, was dann mit Peter Bosz und Borussia Dortmund passierte, lässt sich bis heute nur sehr unvollständig rekonstruieren. Plötzlich fehlte dem BVB die Balance; der Verein gewann nicht mehr, kein einziges seiner nächsten acht Bundesligaspiele, fünf Niederlagen setzte es. All das, was vorher noch als Stärke ausgelegt worden war, war nun Teil des Problems. Im Dezember 2017 war der Offensivgeist Bosz' Geschichte, ersetzt durch den Pragmatiker Peter Stöger. BVB-Trainer war Bosz nur 163 Tage.

"Diesen Fußball, wie er ihn sich vorstellt, hat Peter in Dortmund sicher nicht so rüberbringen können, wie er es gerne gehabt hätte", sagte Völler. Und dann sagte er noch, dass er glaube, in Leverkusen werde das nicht passieren. Weil die Mannschaft das bedingungslose Nach-vorne-Verteidigen noch vom ehemaligen Trainer Roger Schmidt kenne, der bei Bayer von 2014 bis 2017 trainiert habe.

Und es würde bei Bayer kein zweites Dortmund geben, weil Leverkusen Spieler habe, die viel besser zum Trainer Bosz passten, sagte Völler. Der ungestüme, aber offensivstarke Linksverteidiger Wendell zum Beispiel, oder die defensiven Mittelfeldspieler Lars Bender, Julian Baumgartlinger und Charles Aranguiz. Sie sollen das offensive Pressing koordinieren und gleichzeitig für die Absicherung bei Kontern sorgen.

Wie gut das klappt, dürfte mit dem Rückrundenstart schon etwas deutlicher werden: Leverkusen empfängt mit Borussia Mönchengladbach die zweitstärkste Offensive der Liga (36 Tore, genauso viele wie der FC Bayern).

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung