Bundesliga-Erkenntnisse Wenn sich Bayerns Nachlässigkeit rächt

Die vielen Aufholjagden der Bayern könnten bald ihren Preis haben. Freiburg ist gerade besser als die Münchner. Und Erling Haaland begeistert, obwohl er mal nicht trifft. Erkenntnisse des 14. Spieltags.
Robert Lewandowski

Robert Lewandowski

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1. Die Bayern sind nachlässig. Das könnte sich rächen

In der Bundesliga läuft es seit Jahren meist gleich: Zwei Mannschaften spielen 90 Minuten Fußball und am Ende gewinnen die Bayern. Das war am Sonntag beim 5:2 gegen Mainz nicht anders. Die Umstände dieses Sieges aber sollten die Münchner aufhorchen lassen. Sie könnten sich zu einem Problem für die Saisonphase entwickeln, in der es nicht nur um Siege geht, sondern um Titel. 

0:2 lagen die Bayern gegen Mainz zurück, ehe sie die Intensität deutlich erhöhten und das Spiel drehten. So läuft es beim Rekordmeister seit inzwischen zwei Monaten oft: Erst geraten sie in Rückstand, dann legen sie zu. In den vergangenen zwölf Pflichtspielen kassierten sie zehnmal das 0:1. 

Einerseits zeugt das von einer für Bayern-Verhältnisse ungewohnt anfälligen Defensive. Andererseits sind die Münchner in der Lage, meist noch mehr Tore zu schießen, als sie kassieren. Wirklich eng wurde es auch gegen Mainz nicht. Insofern mag das Team zwar instabiler wirken als in der vergangenen Rückrunde, Tabellenführer ist es trotzdem.

Nur: Das ständige Aufholenmüssen hat womöglich seinen Preis.

Vergangene Saison profitierte der FC Bayern gleich zweimal von Corona-bedingten Spielpausen. Aus der ersten, von März bis Mai, kam das Team mit einer bemerkenswerten Fitness. Das intensive Pressing der Gegner wurde zum bayerischen Markenzeichen. Vor dem Champions-League-Finalturnier hatten die Münchner dann eine zweite Pause zum Krafttanken. In den dann anstehenden K.-o.-Partien (ohne Rückspiel) pressten sie ihre Gegner einfach nieder und holten den Titel. 

Diesmal könnte es keine Pause geben. Der Spielplan ist eng getaktet. Alle paar Tage aggressives Pressing zu betreiben, wird da zur Herausforderung. Eigentlich wären die Bayern gut beraten, ihre Spiele mit möglichst wenig Aufwand zu gewinnen, um Kräfte zu sparen für die heiße Saisonphase. Solche Start-Ziel-Siege aber waren beim FC Bayern zuletzt die Ausnahme. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich das rächt.

2. Die Mannschaft der Stunde heißt SC Freiburg

Es kann schnell gehen in der Bundesliga. Neun Spiele hatte Freiburg nicht gewonnen, es sah aus, als stünde dem SC ein harter Abstiegskampf bevor. So war die Sachlage am 10. Spieltag. Seither hat das Team von Trainer Christian Streich jede Partie gewonnen. In einer Formtabelle, in der nur die vergangenen fünf Spiele einfließen, stünde Freiburg auf Platz eins, vor den Bayern. Dabei ist die Mannschaft, die sich zunächst so schwertat, weitgehend dieselbe, die nun die Siegesserie hinlegte. Woher kommt der Aufschwung?

Einerseits liegt das am Spielplan: Durch fehlende Siege gegen starke Gegner ließen die Freiburger sich offenbar nicht verunsichern, die Erfolge gelangen nun gegen Mannschaften, die auf den Plätzen 12 bis 18 standen. Die Siege hängen aber auch damit zusammen, dass sich Schlüsselspieler verbessert haben. Vincenzo Grifo etwa, der schon bei elf Torbeteiligungen steht, sieben davon gelangen ihm in den vergangenen sechs Ligaspielen. Ein vielleicht größerer Erfolgsfaktor aber ist womöglich Baptiste Santamaria.

Baptiste Santamaria nach seinem Debüttreffer für Freiburg

Baptiste Santamaria nach seinem Debüttreffer für Freiburg

Foto: Frey-Pressebild/Deines / imago images/Thomas Frey

Santamaria, 25, war im Sommer aus Angers gekommen, der Franzose ist mit mehr als zehn Millionen Euro der teuerste Zugang in der Freiburger Klubgeschichte. Am zweiten Spieltag feierte er sein Debüt, auf den ersten Sieg mit dem SC musste der Spielmacher aber lange warten. Streich deutete an, dass das auch mit Kommunikationsproblemen zu tun haben könnte. »Sprache ist ein Faktor, besonders im zentralen Mittelfeld, wo du viel coachen musst. Wo die Abwehrspieler dich coachen, wo du die Stürmer coachen musst«, sagte Streich über Santamaria . Er könne noch kein Deutsch, aber er lerne es und sei sehr fleißig.

Das war Anfang Dezember. Eine Woche später gelangen Santamaria und Freiburg der erste gemeinsame Sieg. Später, beim 2:0 gegen Schalke, konnte man ihn dabei beobachten, wie er seine Mitspieler im Pressing dirigierte. Und beim 3:1 gegen Hoffenheim gelang ihm nun der erste Treffer für Freiburg.

Auch von Santamaria wird es abhängen, ob der Freiburger Höhenflug anhält. Er ist jetzt schon Freiburgs Schlüsselspieler.

3. Haaland hat die Bundesliga im Sturm erobert

Am Sonntag geschah etwas Ungewöhnliches: Erling Haaland erzielte kein Tor für Borussia Dortmund.

Vor fast genau einem Jahr verpflichtete der BVB den damals als kommender Weltklassestürmer gehandelten Norweger. Und Haaland steigerte den Hype um sich, indem er in seinen ersten 60 Minuten im Dortmunder Trikot fünf Tore schoss. Die Quote konnte er natürlich nicht halten. Inzwischen lässt sich das »kommender« trotzdem streichen. In seinen 33 Einsätzen für die Borussia gelangen ihm 33 Tore, dazu sechs Vorlagen. Hochgerechnet auf 90 Minuten (denn längst nicht immer spielte Haaland über die volle Distanz) kommt er im Schnitt auf herausragende 1,41 Torbeteiligungen. Zum Vergleich: Ausnahmestürmer Robert Lewandowski ist ein bisschen besser (1,51 im gleichen Zeitraum). Allerdings spielt der auch im besseren Team.

Gegen Wolfsburg stand Haaland nach seiner Muskelverletzung erstmals wieder in der Startelf. Und obwohl ihm die einmonatige Pause anzumerken war, deutete er an, was ihn ausmacht. Etwa bei seinem Laufweg vor einer Großchance in Minute 53. Haaland trabte erst neben Bewacher John Brooks in Richtung Wolfsburger Tor, dann antizipierte er einen Steilpass, indem er sich von Brooks weg orientierte, parallel zur Abseitslinie in Richtung des zweiten Wolfsburger Innenverteidigers lief, um dann im perfekten Moment aus dessen Rücken in die Tiefe zu starten. Jener zweite Verteidiger, Marin Pongracic, wusste da noch gar nicht, dass er nun plötzlich Haaland zu verteidigen hatte. Also lief er zu spät in Richtung Tor. Haaland vergab die Chance. Trotzdem sprechen seine Laufwege und sein Gespür dafür, dass er seine Torquote mindestens wird halten können.

Der 14. Spieltag zeigte Haaland aber auch, was ihm im Vergleich zu Bayerns Lewandowski noch fehlt. Der war beim 5:2 der Münchner gegen Mainz nämlich nicht nur fürs Toreschießen und Vorbereiten zuständig (zwei Tore, ein Assist). Lewandowski schuf auch Räume, kombinierte, orchestrierte. Sein Spiel wirkt ganzheitlicher als das Haalands, er sieht das große Ganze, wo Haaland vor allem den kürzesten Weg zum Torerfolg sucht.

Aber das kann ja noch werden. Lewandowski ist zwölf Jahre älter.

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