BVB-Remis in Bremen Drehbuch des Scheiterns

"Ein Tor, dann sind sie fällig", hatte Bremens Trainer Kohfeldt nach dem 0:2-Rückstand gegen Dortmund prognostiziert. Er sollte recht behalten. Der BVB kann der psychologischen Belastung im Titelkampf nicht standhalten.

Aus Bremen berichtet


Der Regisseur Aljoscha Pause arbeitet seit mehreren Monaten an einer Dokumentation über Borussia Dortmund. Der Film soll - Zeitpunkt der Ausstrahlung und Sender sind noch offen - tiefe Einblicke gewähren in eine Mannschaft, die dem Verein zum neunten Mal in der Geschichte die Meisterschaft bescheren wollte. Sie kann das auch immer noch schaffen, bräuchte dann aber bei vier Punkten Rückstand auf den FC Bayern und nur noch zwei Spieltagen ein "Wunder", wie Mittelfeldspieler Thomas Delaney nach dem 2:2 bei Werder Bremen sagte.

Wunder zeichnen sich dadurch aus, dass eine natürliche Erklärung fehlt für das, was geschehen ist. Das Unentschieden des BVB im Weserstadion geht daher fast schon als ein solches Phänomen durch. Es gab zwar die profane Erklärung, dass zwei kapitale Fehler von Torwart Roman Bürki und Rechtsverteidiger Manuel Akanji den Bremern ermöglichten, nach einem 0:2-Rückstand noch einen Punkt zu holen. Aber warum die Dortmunder den so nötigen Sieg nach vorzüglichem Spiel und einer souveränen Führung noch hergaben, blieb nebulös.

Derart tiefe Einblicke, um dies ergründen zu können, haben weder Filmemacher noch direkte Beteiligte. "Ich weiß nicht, ob es die Nerven sind oder irgendwas. Ich weiß nur, dass wir es besser machen müssen", sagte Delaney. Lucien Favre deutete an, dass er mit seinem analytischen Blick mehr gesehen habe als nur die beiden Fehler, behielt es aber für sich.

Fehlersuche in Dortmund

Der Trainer hatte zumindest seine Lehren aus der Woche zuvor gezogen. Er war heftig angezählt worden, von seinen Vorgesetzten und in den Medien, weil er den Titel nach der Derbyniederlage gegen Schalke abgeschrieben hatte. In Bremen sagte er trotz der deutlich verschlechterten Ausgangslage: "Nein, es ist noch nicht vorbei."

Im Weserstadion wurde in einem üblichen Reflex danach gesucht, ob Favre Fehler gemacht habe. Wer es schlecht mit ihm meint, könnte ihm vorwerfen, dass er Jadon Sancho auf dem Platz ließ, obwohl der die bekannten Schwächen in der Defensive zeigte und Bremens nach der Pause sehr offensiv ausgerichteten Linksverteidiger Ludwig Augustinsson meistens gewähren ließ.

Auch die Wechsel gaben Anlass zur Kritik, denn von Mahmoud Dahoud, Jacob Bruun Larsen und Maximilian Philipp waren nach den Erfahrungen der Rückrunde keine Impulse zu erwarten. Es gab sie dann auch nicht. Das zeigte aber weniger Fehler des Trainers auf, sondern den Bedarf, den Kader im Sommer zu verstärken. Ein Mittelfeldspieler, der auf Sanchos Position Besserung versprach, fehlte in Bremen schlicht auf der Bank.

So startete Werder die meisten Angriffe der zweiten Halbzeit auf seiner linken Seite. Dort hatte Dortmund schon den nominellen Innenverteidiger Akanji aufgeboten, weil Lukasz Piszczek und Achraf Hakimi verletzt sind, Marius Wolf gesperrt ist.

"Das Tor bedeutete natürlich viel für den Kopf"

Ein anderes Problem des BVB, das in der Rückrunde häufiger auftrat, ist vermutlich nicht zu lösen, sondern nur besser zu regeln. Das Problem war nach dem Fehler von Bürki beim 1:2 zu erkennen. "Das Tor bedeutete natürlich viel für den Kopf, auch beim Gegner", beschrieb Delaney den psychologischen Faktor, auf den auch Florian Kohfeldt setzte. "Ein Tor, dann sind sie fällig", hatte Bremens Trainer seinen Spielern nach dem 0:2-Rückstand eingetrichtert.

Mit Einwechslungen und daraus resultierenden Umstellungen forcierte Kohfeldt einen Umschwung, den die Zuschauer wesentlich mittrugen. Werder war sogar dem Sieg nahe, vergab gute Torchancen, allerdings erst, nachdem es schon zwei Tore geschossen hatte.

"Wenn du solche Spiele gewinnen willst, darfst du diese Fehler nicht machen. Das ist extrem ärgerlich", klagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc über die beiden Patzer. Sie dokumentierten eines: Wenn es in die Phase der höheren psychologischen Belastung geht, fehlt den Dortmundern etwas. In vier der sieben Rückrundenspiele, die der BVB nicht gewann, lag er in Führung, mal sogar mit 3:0, jetzt in Bremen mit 2:0.

Filmemacher Pause ist unter anderem bekannt für die Doku "Being Mario Götze". Ob der neue Film später sachdienliche Hinweise geben kann, was genau in Dortmund passierte, ist fraglich. Er wurde vom Verein selbst in Auftrag gegeben.

Werder Bremen - Borussia Dortmund 2:2 (0:2)
0:1 Pulisic (6.)
0:2 Alcácer (41.)
1:2 Möhwald (70.)
2:2 Pizarro (75.)
Bremen: Pavlenka - Friedl, Veljkovic, Langkamp, Augustinsson - M. Eggestein, Sahin (60. Möhwald), Klaassen - Osako (60. Pizarro), Kruse, Rashica.
BVB: Bürki - Akanji, Weigl, Diallo (90. Philipp), Guerreiro - Witsel, Delaney (83. Dahoud) - Sancho, Götze (83. Bruun Larsen), Pulisic - Alcácer.
Schiedsrichter: Fritz
Gelbe Karten: Friedl, Klaassen - Weigl
Zuschauer: 42.100

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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
a.meyer79 05.05.2019
1. ähh Favre???
Er hat doch schon letzte Woche nach dem Schalke-Spiel gesagt, dass es vorbei ist. Da Favre ein guter Trainer ist wird das schon stimmen und warum sollten seine Profis dann noch mehr tun als nötig? Die CL-Qualifikation ist doch auch ein toller Erfolg. Als BVBler würde ich diesen Trainer allerdings noch vor dem 34. Spieltag vom Hof jagen.
citi2010 05.05.2019
2.
Lucien Favre hatte nicht erkannt, was da in der 2.HZ auf den BVB zu rollte und konnte seine Spieler und Taktik dementsprechend auch nicht umstellen. Weigl war in der IV viel zu weit hinten gebunden und das defensive Mittelfeld - wo er besser positioniert wäre - entsprechend überfordert. Ohne klar agierende und starke Verteidigung geht es nicht in der BL.
konterspieler 05.05.2019
3. Dem BVB fehlen vier Weltklasse-Verteidiger
sonst nichts. Die einzige Frage ist, ob die überhaupt zu finden und zu verpflichten sind und ob die Verantwortlichen des BVB dies Problem erkannt haben. Der BVB hat die Meisterschaft im Januar / Februar in der Defensive verloren, sie ist die Achillesferse dieser Mannschaft.
Lassehoffe 05.05.2019
4.
Richtig. Das erste Mal, dass eine Mannschaft mitten im Titelkampf einfach kapituliert. Da Leipzig auch gepatzt hat, droht auch von hinten keine Gefahr. Wo also soll die Motivation für Dortmund herkommen?
rüpelrudi 05.05.2019
5. Ob nun
Bayern oder doch Dortmund deutscher Meister wird......im Endeffekt ist erschreckend schwach, was die beiden momentan auf den Spitzenplätzen liegenden Mannschaften abliefern. Wenn man den europäischen Spitzenfussball in London und Barcelona diese Woche dagegen gesehen hat, ist das Niveau in der BL erschreckend. Dortmund mit viel Dusel einen Punkt gg. weiß Gott keine Überbremer, und Bayern sollte eine Mannschaft , die mit 19 Punkten eigentlich nichts mehr mit theoretischen Chancen auf den Klassenerhalt haben darf, normalerweise mit 6 oder mehr Toren nach Hause schicken.
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